Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1867)
- Date
- 1867-12-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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861 Feuilleton. Die Verlassene. (Fortsetzung.) VI. Friederike kehrte in den Gasthof zurück, in welchem sie ihre Reisegesellschaft zurückgelaffen hatte; sie fand Herrn Laditz und Frau Skopp beisammen. Beide blickten sie erwartungsvoll an. Friederike war keines Wortemächtig. Sie warf sich in einen Seffel und weinte laut. „Hat der heuchlerische Pfaffe," fragte Herr Laditz, „Ihnen die Hölle recht heiß gemacht?" „„Ich habe keinen heuchlerischen Pfaffen vorgefunden,"" entgegnete Friederike, sich fassend. „„Ich habe einen Mann angetroffen, welcher mir ruhig und fest die Vorschriften der Religion erklärt, und dabei die größte Theilnahme an meinem harten Geschicke an den Tag gelegt hat."" Laditz biß sich in die Lippen; dann fragte er: „Und welchen Entschluß haben Sie gefaßt?" „„Ich werde einen protestantischen Geistlichen aufsuchen. Aber nicht hier, nicht hier!"" „So reisen wir heute noch nach F.!" In F. begab sich Friederike zu einem der dort fUNctionirenden protestantischen Pfarrer, der sie freundlich empfing; auch ihm erzählte sie ihre Geschichte und legte offen die Motive dar, welche sie zum Glaubenswechsel veranlaßten. Der Pfarrer machte anfangs Schwierigkeiten; er bestellte sie auf den Nachmittag wieder. Unterdeß machte ihm Laditz einen Besuch. Als Friederike dann Nachmittags wiederkam, erklärte der Pfarrer, daß er hoffe, die Wahrheiten des Christenthums würden allmählich im Herzen der Neubekehrten Wurzel faffen. Auch auf vorgegangenen Unterricht wolle man verzichten in Erwägung, daß ein so unterrichteter Mann wie Laditz diesen nachträglich ertheilen könne. So sollte denn der Taufact am folgenden Tage vollzogen werden. Friederike, die auf der ganzen Reise mit Frau Skopp stets ein gemeinsames Zimmer gehabt hatte, wollte in der kommenden Nacht allein sein, um sich noch einmal zu sammeln vor dem bevorstehenden, entscheidenden Schritte; sie hatte sich daher im Gasthofe ein besonderes Zimmer geben und in dasselbe ihre Sachen bringen lassen. Nachdem sie herzinnig gebetet hatte, begab sie sich zur Ruhe. Allein sie konnte lange die ersehnte Ruhe nicht finden. Immerwährend traten die Gestalten ihrer verstorbenen Eltern vor sie hin und maßen sie mit vorwurfsvollen Blicken. Endlich schlossen sich ihre Auge« zum Schlummer. Der Traum führte sie nach ihrer Vaterstadt m die Tage der Jugend, zu der Stunde, da sie zu Sebulon gesprochen: „Dein auf ewig!" — Sie erwachte; ein namenloser Schmerz erfaßte sie; das Band, das sie einst gegen den Willen der Eltern unter so großen Opfern geschlungen, es war noch nicht gelöst, und doch wollte sie aufs Neue sich binden k Sie konnte es auf ihrem Lager nicht mehr aushalte«; sie stand auf und sah nach der Uhr; es war erst Mitternacht. Sie legte sich wieder nieder und verfiel auf- Neue in einen unruhigen Schlummer. Ein fürchterlicher Traum bemächtigte sich ihrer; sie fühlte sich an zwei feurige Rosse gebunden;;auf der eine Seite stand der Rabbiner und trieb das eine Roß nach Osten, auf der anderen Seite stand der Pfarrer und trieb das andere Roß nach Westen — sie mußte zerrissen werden; sie schrie laut auf vor Angst und Schmerz; da erwachte sie. Ach es war ein trauriges Erwachen! Hatte ihr der Traum das Bild ihres künftigen Lebens gezeigt? Sie barg das Haupt in die Kissen und entschlief zum dritten Male. Diesmal führte sie das Traumgebilde in das Elternhaus zurück, sie wollte den Eltern einen guten Morgen wünschen; als sie eintrat, rief ihr der Vater entgegen: „Hinweg,'Verfluchte, Abtrünnige, Du häufest Schande auf das Haupt Deiner Eltern! O, hätte ich nie ein Kind gehabt!" Da warf sie sich dem Vater zu Mützen, umklammerte seine Knie und rief: „Vater! ich will Deine Tochter bleiben, will keine Abtrünnige, keine Verfluchte werden, will einst neben Dir ruhen im Grabe!" Und der Vater sprang auf und umarmte und küßte sie und rief: „Meine Tochter, ich werde Dich Wiedersehen droben im Himmel!" Auch die Mutter umschlang sie unter heißen Freudenthränen. Und Friederike erwachte zum dritten Male, diesmal nicht in Schmerz und Trauer, in Furcht und Angst, sondern in reiner, himmlischer Freude. Sie stand auf, zündete die Kerzen an und warf sich in ihre Reisekleider; es war vier Uhr Morgens; der erste Zug ging um 5 Uhr ab. Friederike packte rasch ihre Sachen, schrieb ein Briefchen an Frau Skopp und Laditz, schellte dem Hausknecht, zahlte ihre Rechnung und ließ sich '.nach dem Bahnhofe fahren. Wenige Stunden nachher trat sie bei dem Rabbiner in der Rheinstadt ein. „Herr," sagte sie „Sie haben angefangen, mir guten Rath zu ertheilen; verlassen Sie mich auch jetzt nicht!" Dann erzählte sie Alles, was sich ereignet hatte.