Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1867)
- Date
- 1867-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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860 Selbst die katholischen Missionäre, die sich schon «ehrere Jahre in Abessymen aufgehatten haben, konnten nichts weiter erzählen, als von der Existenz einer jüdischen Colonie jenseits des TaecazzL. Sie erzählten mir ferner, daß sie, als sie vor sieben Jahren ihre Kirche bauten, genöthigt waren, aus dem Innern des Landes zwei Falascha's, welche Maurer waren, zu holen, weil die christlichen und muhamedanischen Maurer unfähig waren, das Werk zu leiten. Die Missionäre konnten mir nicht genug von der Ehrlichkeit und den tiefen religiösen Gefühlen dieser Juden erzählen. Durch die Ausflüge, die ich nach dem Norden dieses Landes unternahm, wo die Sprache Agaou (Bslen) von einem großen Theil der Bevölkerung, die von dem Süden eingewandert ist, gesprochen wird, hörte ich, daß die Falascha's sich unter sich der Sprache Agaou bedienen, während sie im Umgang mit ihren christlichen Nachbarn die Amhara - Sprache sprechen. Die Sprache Agaou scheint die Sprache der Eingeborenen vor der Einwanderung des Volkes Gueez (semitische Aethiopier) gewesen zu sein und ist es deßhalb anzunehmen, daß die Juden vor der jetzigen Bevölkerung in das Land gekommen sind. Die ferneren Forschungen werden wohl mehr Licht aus dieses historische Räthsel werfen. Nach Maffauah zurückgekommen, wurde ich benachrichtigt, daß zwei junge, von der englischen Mission bekehrte und vom König Theodorus exilirte Falascha's sich daselbst befänden. Ich machte ihre Bekanntschaft. Trotz ihrer sehr starken Farbe erkannte man leicht den jüdischen Typus, aber ste sind so unwisiend, baß ich mich kaum mit ihnen über ihre Gebräuche und Eigenthümlich keilen verständigen kann. Im Alter von fünfzehn Jahren waren diese jungen Leute von den Missionären aus ihren Familien entführt worden. Der am wenigsten Unwissende von ihnen war, wie er mir mittheilte, der Sohn eines großen Priesters, er dictirte mir eine kleine Hymne aus ihrem Morgengebete in der Gueez- und Agaou-Sprache. Die abessynrschen Juden haben den Gebrauch mit den Meturgeman (Uebersetzer) bewahrt; zuerst fingen sie einen Psalm und eine Hymne in Gueez, und dann übersetzen sie dieselbe in die Volkssprache, damit ste das Volk auch verstehe. Hier folgt die Uebersetzung der Hymne, die ich soeben hörte: „Erhöre uns, o Ewiger, neige Dein Ohr, Ewiger, auf die Stimme meiner Bitte. Durch Deine große Gewalt, o Ewiger, hast Du uns aus Egypten geführt, Du hast vernichtet das Heer des Pharao, hast uns genährt in der Wüste, uns geführt mit einer Wolkensäule des Tags, mit einer Feuersäule des Nachts. Wer gleicht Dir, der Du verherrlicht wirst in der Versammlung der Heiligen (Engel)! Welcher Gott ist wie unser Gott! Du bist ewig und Deine Jahre haben kein Ende. O Ewiger, erinnere Dich des Bündnisses mit MoseS, welches Du geschloffen hast am Horeb. Gelobt sei Gott in allen Ewigkeiten. Amen. Amen." Ich schreibe Ihnen diesen Brief nahe bei den Ruinen deS alten Adulis, 5 Stunden südlicher als Maffauah. Ich wohne in einer Hütte, inmitten einer Wüste, vor mir ein Feldlager, welches die Engländer soeben Herstellen. Ich bin enlschloffen, der englischen Expedition bis in das Innere zu folgen. Ich werde wohl noch einige Zeit warten müssen, da mir die englische Langsamkeit bekannt ist, aber es bleibt mir kein anderes Mittel übrig, da das Land in voller Insurrektion steht und alle Verkehrswege gestört sind. Die Leiden jedoch, die man auf diesem heißen Boden ertragen muß, sind völlig ungekannt in Europa. Das Brod fehlt seit einem Monat, ich esse im kolhigen Wasser gekochte Durra (Mohren Hirse), dessen ekelhafter Geruch die Nerven angreift. Die Bevölkerung kennt kein kleines Geld, sie lassen sich selbst das Kleinste in Falaris (Marie - Theresta- Thaler), so daß ein Pfund Fleisch oder Oel 5 oder 6 Frs. kostet. Jedoch bin ich zufrieden und fröhlich, weil ich hoffe, das Problem meiner Reise diesen Winter noch zu lösen. Dank dem lieben Gott befinde ich mich stets wohl, trotz des Klima's. In dieser Stunde, um 2 Uhr Nachmittags, haben wir 45 Grad Hitze nach Reaumur, während die Nächte kalt sind. Ich bitte Sie, mir einen Brief zu schicken, in welchem Sie gewisse Fragen, die Ihre Gesellschaft interesstren, ausstellen; Sie wollen die Güte haben, mich gefälligst wissen zu lassen, welche Beschlüsse dasComitL zu London in Betreff meiner Reise nach China gefaßt hat. Herr Muuzinger, der französische Consul, wird alle Briefe, welche unter meiner Adresse nach Maffauah kommen, an mich gelangen lassen. Genehmigen Sie, meine Herren, die Versicherung meiner Hochachtung. Joseph Halevy. Amerika. Philadelphia. Wir vernehmen, daß das Maimonides-College zur Heranbildung amerikanischer Rabbiner am 28. Oktober eröffnet wurde. Herr Jsak Leeser wurde zum Propst der Facultät erwählt, il Candidaten wurden ausgenommen, einige von ihnen kamen von den entferntesten Gegenden der Vereinigten Staaten. (Jew. Chr.) Von Per« erfahren wir, daß nach der neuen Constitution, die jüngst angenommen wurde, keiner andern Religion als der römisch-katholischen erlaubt ist, ihren Gottesdienst öffentlich abzuhalten. Das ist unzweifelhaft ein Ueberbleibfel spanischer Intoleranz, welches zeigt, daß dieie Republik noch nicht fähig ist, die Lehren des Mutterlandes abzulegen. (Jew. Chr.)