Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1867)
- Date
- 1867-12-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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842 Der Rabbiner erschrak, als er das hörte; doch faßte er sich. „„Madame,"" sagte er, „„Sie werden vielleicht wissen, daß unsere heilige Religion 613 Gebote enthält. 610 von diesen dürfen wir übertreten, sobald es sich um eine Lebensgefahr handelt. Der Todtkranke darf am heiligsten Fasttage Speise nehmen; für den Todtkranken darf man den Sabbat entweihen; um aus Todesgefahr zu retten, darf man alle Gebote und Verbote verletzen bis auf drei. Diese drei sind so wichtig, so heilig, daß man lieber sein Leben, hingeben soll, ehe man sie verletzt. Diese drei sind: Mord . Ehebruch und die Verleugnung unserer heiligen Religion — und zwei von diesen furchtbaren Verbrechen, Religionsverleugnung und Ehebruch, wollen Sie auf einmal begehen, und das sagen Sie mit kaltem Blute?"" „Nein, nein, Herr Rabbiner, nicht mit kaltem Blute. Gott ist mein Zeuge, Er weiß, wie schwer es mir wird, die Religion meiner Väter zu verlassen. Allein, sagen Sie, was soll ich thun? Soll ich mein Leben einsam vertrauern? Noch stehe ich in dem Alter, bin ich in den Verhältnissen, daß ich mir einen Gatten wählen kann; ich stehe an der Grenzscheide der Jugend; noch einige Jahre, und ich bin vereinsamt für immer." „„Und ist denn das ein so schweres Unglück, unverheirathet zu sein? Könnten Sie Sich nicht eine Thätigkeit wählen, die Ihnen Zerstreuung, Unterhaltung gewährt, die Ihr Leben zu einem nützlichen macht."" „Ich kenne keine solche Thätigkeit; ich bin im Wohlstände erzogen und habe nur gesellschaftliche Fertigkeiten erlern:. Uebrigens habe ich lange genug ein Leben der Trauer und Einsamkeit geführt; ich bin dessen müde; ich will noch glücklich werden." „„Und glauben Sie, daß Sie das vermeintliche Glück durch zwei so furchtbar schwere Verbrechen werden erkaufen können?"" „Hoho, Herr Rabbiner, die Sache ist nicht so schlimm, wie Sie sie darftellen. Einen Ehebruch begehe ich nicht, denn ich habe die feste Ueberzeugung, daß mein Mann tobt ist. Und der Religionswechsel? In unserer aufgeklärten Zeit ist man über die starren Formen hinaus; alle Radien führen zum Mittelpunkt, alle Religionen haben gleichen Inhalt und gleichen Zweck. Bedenken Sie, wir schreiben ein tausend acht hundert und sechs und sechzig." „„Sie irren, Madame, wir schreiben bereits siebenundsechzrg; allein, mögen auch noch Jahrhunderte oder Jahrtausende vergehen, der Welt kann keine größere Aufklärung werden als die, welche ihr vom Sinai geworden durch das Licht der göttlichen Offenbarung. Ehebruch und der Abfall von unserer heiligen Religion find wie der Mord die schrecklichsten Verbrechen. Wenn Ihre Eltern noch lebten, so würden sie sich um der abtrünnigen Tochter willen trauernd auf die Erde setzen muffen, wie um eine Gestorbene."" Friederike schauderte, als sie das hörte; sie fing heftig an zu weinen. Dann sagte sie unter Thränen: „Ich will ja gerne Jüdin bleiben; gestatten Sie mir nur, daß ich heirathen darf!" „Ich habe nichts zu gestatten; ich bin nur der Verkünder und Erklärer des göttlichen Gesetzes, und dieses verbittet Ihnen die Heirath, es sei denn, daß einer der von mir bereits erwähnten zwei Fälle erntreten möchte. Glauben Sie doch nicht, daß Sie je glücklich werden können, wenn Sie gegen Gottes Gebot handeln." „Aber kann denn das Gott wollen? warum hat Gott gerade mir so Schweres beschieden?" „..Welcher Mensch könnte in Gottes unerforschliche, weise Pläne cindringen? Kann, darf der Lahme, der Blinde, der Taube fragen, warum Gott ihm einen verstümmelten Körper gegeben? Er muß es in Ergebung tragen. -- Sehen Sie, Madame, auch Ihnen hat Gott ein hartes Loos zugewiesen. Beweisen Sie Ihre Charakterstärke, Ihre hingebende Liebe mm Vater im Himmel dadurch, daß Sie Ihr Geschick in Ergebung und Frömmigkeit tragen. Sprechen Sie: Du hast es so gewollt, o Herr, Dein heiliger Wille geschehe." " „Ich habe aber nicht diesen hingebenden Charakter, ich besitze diese resignme Frömmigkeit nicht!"" „„So suchen Sie Sich dieselbe zu erwerben!"" „Ich danke Ihnen, Herr Rabbiner! Sie haben mir Ihre Ansicht gesagt, Ihren Rath ertheilt; ich werde nun meinen Entschluß fassen." „ „ Gebe Gott, daß derselbe kein verbrecherischer sei."" „Verbrecherisch gewiß nicht, wenigstens in meinem Sinne nicht. Leben Sie wohl." „„Sie ebenfalls. Gott schütze Sie vor Ihren eigenen Leidensüasten."" Friederike ging, und der Rabbiner schaute ihr lange betrübt nach Dann erinnerte er sich der bevorstehenden Trauung. Nur mit Mühe sammelte er feine Gedanken; den ganzen Tag mußte er der armen Verlaffenen und ihrer harten Kämpfe, ihrer schweren Versuchungen gedenken. Halten seine Worte Eindruck auf sie gemacht? Wird sie untergehen oder überwinden? Wird er vielleicht jemals Kunde von ihrem Entschlüsse, von ihrem ferneren Geschicke erhalten? — Endlich gelang es ihm, all die aufsteigenden Gedanken zurückzudrängen und den Pflichten seines Amtes wiederum mit ungetheilter Aufmerksamkeit obzuliegen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.