Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1867)
- Date
- 1867-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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836 in seiner nächsten Nähe gesprochen wird, und doch müssen die Tonwellen an sein Trommeifell anschiagen. Erst wenn der innere Sinn das auch wirklich aufnimml, was ihm der äußere zusührt, erst dann hört, sicht, fühlt, schmeckt, riecht Derjenige, dem sich die Objecte für diese Sinnesthätigkeiten darbieten. Das Gesagte wird durch die Beobachtung noch evidenter, daß wenn die Aufmerksamkeit eines bisher Unaufmerksamen plötzlich auf die Erscheinungen gelenkt wird, daß er dann noch, wenn auch undeutlicher, das schon vorübergezogene Bild, den schon verklungenen Ton hinterher wahrnimmt, wenn es dem innern Sinne gelingt, das Spiegelbild im Auge noch zu erhaschen oder den Anschlag des Tones an das Trommelfell noch zu fühlen. So ist das plötzlich aus seinen Träumereien gerissene Kind im Stande, die jüngstvorhergegangenen Worte des Lehrers zu wiederholen — es hat eben nur die letzten Worte, die es im Innern noch erhascht, gehört, während doch der ganze Vortrag sein Ohr hat berühren müssen. Es sind demnach die Sinne allein nicht im Stande, wahrzunehmen; es ist dazu ein Sichzuwenden nothwendig, das stofflich nicht zn erklären, das vielmehr eine Function des Geistes, eine Thätigkeit der menschlichen Freiheit ist. — Noch klarer tritt die Thätigkeit des vom Stoffe unabhängigen und selbstständig wirkenden Geistes in der aus der Wahrnehmung sich ergebenden Vorstellung zu Tage. Die Vorstellung ist das mir vorschwebende Abbild der Dinge, die ich wahrgenommen habe. Wie kömmt es nun, daß diese Vorstellung gar häufig mit den Dingen nicht übereinstimmt, manchmal vollkommner, manchmal unvollkommner als diese ist? Warum erscheint in unserer Vorstellung der Gegenstand nicht immer so, wie er sich unser» Sinnen darstellt? Ebendeshalb, weil unser Geist den Gegenständen als ein freier gegenübertritt, sich nicht durch die Sinne beherrschen läßt, sondern diese lediglich in seinem Dienste so verwendet, wie es ihm gutdünkt oder auch manchmal dieselben nur so verwenden kann, wie es seinen (des Geistes) Fähigkeiten angemeffen oder möglich ist. Ist es uns nun gelungen, die freie Thätigkeit des Geistes schon in diesen niedern Sphären des Denkens, in der Wahrnehmung und in der Vorstellung, nachzuweisen, so tritt dieselbe in den höheren Potenzen des Denkvermögens immer deutlicher hervor. All die Wahrnehmungen, die wir gemacht, all die Vorstellungen, die wir gehabt, sie können uns nicht allein wieder zurückgerufcn werden, nein, wir können sie uns, selbst wo und wann wir wollen, willkürlich zurückrufen. 'Das ist die Erinnerung. Komm, lieber Leser, folge mir. Wir wollen uns die Zeit unserer Kindheit in^s Gedächtniß rufen. Der Garten, in dem du gespielt, der große Apfelbaum, auf den du gestiegen, der Spielkamerad, dem du dieAepfel zugeworfen hast — vielleicht existiren sie alle drei nicht mehr; vielleicht sind in dem Garten Gebäude errichtet, vielleicht ist der Apfelbaum verdorrt, umgehauen und verbrannt, vielleicht ist der Spielkamerad gestorben, begraben, verwest — du aber kannst kraft der Erinnerung dir alle drei vergegenwärtigen, wie sie vor dreißig Jahren gewesen. Kann diese willkürliche, diese durchaus freiheitliche Denkthätigkeit ein Ergebniß des Stoffes sein? Wer weckt denn die schlummernden Vorstellungen, wer holt sie wieder hervor aus dem Magazine deines Hirnkastens, wenn nicht der Geist, der freie, thätige Geist, der den Stoff beherrscht, aber nicht ein Product desselben ist. Noch deutlicher zeigt sich die Freiheit der Denkthätigkeit in jenem wunderbar Gestaltenden, das wir die Phantasie nennen. Da webt der menschliche Geist aus den Vorstellungen, die ihm die Erinnerung zuführt, neue, nie gesehene, me dagewesene; er trennt und löst, verbindet und fügt zusammen, jenachdem es ihm beliebt, aber nicht wie es irgend ein Stoffliches mit Nothwendigkeit erheischt. Der Dichter, der Maler, der Componist, ste entzücken uns durch diese freien Gebilde des menschlichen Geistes, und die erhabenen Pwducte der schöpferischen Phantasie genialer Meister sind die beste Widerlegung gegen die unsinnige Behauptung, daß der Geist ein Product des Stoffes sei; sie zeigen auf's Deutlichste, daß der Geist den Stoff beherrscht und ihm gegenüber mit voller Freiheit verfährt. (Forts, folgt.) Der Hamburger Tempel und sein orthodorer Prediger. Altona. Eine merkwürdige Zusammenstellung, hören wir manchen unsrer Leser sagen, der unwillkürlich dabei an den Satz nnapn nou \rob riD denkt. Die Sache ist aber doch nicht so überflüssig zu erörtern, wie sie im ersten Augenblick scheint, da es sich um einen concreten Fall handelt. In unsrer Nachbarstadt ist bekanntlich für den verstorbenen vr. Frft. ein vr. Sänger angestellt worden, der bisher das Rabbinat in Mergentheim bekleidete und sich eines orthodoxen Rufes erfreute. Wir wollen nun mit wenigen Worten erörtern, ob ein solcher Prediger noch als zur Orthodoxie gehörig betrachtet werden kann. Was das Princip des Tempels betrifft oder vielmehr deffen Principlosigkeit, (denn wo man mit dem, was dem Juden das Höchste und Heiligste ist, sich nach sogenannten Zeitbedürfniffen richtet, da kann von Principien nicht die Rede sein) so ist darüber kein Wort zu verlieren, denn dies ist allbekannt. Derselbe hat durch eine Reihe von Thaten aufs Unwiderleglichste