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Der Israelit · 1867-11-27 · Heft 48 (27.11.1867) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 48 (27.11.1867)
Date
1867-11-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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830 feierte am Mittwoch eines ihrer heiligsten Feste, den großen Versöhnungslag. Ihre Synagoge befindet fich tm dritten Stock eines Gebäudes an der Hankenstraße. Wir wollen nicht verhehlen, daß uns theilweise die Neugierde dahin trieb, um das auserwählte Volk Gottein seinem Heiligthume zu beobachten. Ein jüdischer Gottesdienst war uns etwas ganz Neues. Wir stiegen die drei Treppen hinauf, und der Einlaß ward in wohlwollendster Weise gewährt. Wir zogen pflichtmäßig unfern Hut, allein man ließ uns durch einen Diener bedeuten, daß man keine Hvfiichkeitsformel von Menschenkindern verlange. Es waren etwa dreihundert andächtige Juden versammelt, theilweise in einem Costüm, welches allerdings geeignet war, uns zu befremden. Viele Männer, namentlich ältere, welche noch an herkömmlichen Traditionen festhalten, trugen weiße Kittel, eine Art Sterbekleid, und eine weiße Züpfelmütze etwas weit über die Ohren gezogen; andere hatten bloß ein weißes Tuch über die Schulter gelegt. Männer und Weiber waren streng geschieden, jedes Geschlecht hatte sogar seine besondere Thüre zum Ein- und Ausgange. Abgesehen von diesen Aeußerlichkeiten, ruhte ein feierlicher Ernst auf der kleinen Gemeinde. Der jüdische Lehrer sang einen hebräischen Gesang, in den von Zeit zu Zeit der ganze Chor einfiel. Wir verstanden jedoch nichts von dem Texte und der Character der Melodie war uns ebenso unverständlich. Nachdem dieser Theil der Feierlichkeit beendet war, richtete der Lehrer Abraham, nachdem er vorher ein inniges Gebet gesprochen, an die Gemeinde so ergreifende Worte, daß wir nicht umhin können, unfern Lesern einige Stellen aus der Predigt mitzutheilen. „Wir haben heute," sagte er u. A., „das Gewand angelegt, worin unsere Väter gehüllt waren, als sie auf der Bahre lagen, in welchem wir sie in kühler Gruft betteten und womit dereinst auch wir bekleidet fein werden. Es soll heute das Bewußtsein in uns erwachen, daß dieser Tag der Ruhe, dem Frieden und der Versöhnung gewidmet ist. Der Verföhnungstag ist es gerade, welcher am schärfsten das unterscheidende Merkmal hervortreten läßt zwischen dem Judenthum und den aus seinem Schooße entsprossenen Töchterreligionen. Unsere Lehrer haben zuerst den Grundsatz aufgestellt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Der Predigt lag ein dem Talmud entnommener arabischer *) Text zu Grunde, welcher übersetzt etwa so lautet: Wenn ich nicht für mich selbst cintrete, wer wird es sonst thun? Und wenn nicht jetzt , wann soll es dann geschehen? „Wir haben auch große Männer gehabt, den Moses, den Abraham, dm David. Sie haben für uns gelebt und sind uns erhabene Vorbilder geworden; aber Keiner ist für uns gestorben, Keiner hat sein Blut vergosien, daß Du Deine Wunden damit abwaschen könntest, das kan« kein Mensch wie Du allem Wohl breitet Gott Dir seine Vaterarme entgegen, um Dich aufzunehmen, wohl freut er sich, wenn Du selbst vollbringst das Werk der Versöhnung und es alle Jahre erneuest. Der ernste Schritt dazu öffnet Dir den Himmel der Versöhnung. Wir haben uns nicht gegen Gott allein vergangen, sondern am Meisten gegen unsere Brüder. Darum sei heute gut gemacht, was noch irgend gut zu machen ist. Bist Du abgewichen vom rechten Wege, hast Du deinen Bruder übervortheilt, o, dann gib zurück, was doch keinen Segen bringen kann, damit Du Gott am Versöhnungstage wieder ins Antlitz schauen kannst. Vergib Du auch Deinem Bruder, denn wenn Du nicht vergeben kannst, so darfst Du auch nicht hoffen auf Gottes Vergebung. „Und wenn nicht jetzt, wann soll es dann geschehm?" Ihr habt heute angelegt Euer Sterbekleid, heute habt Ihr es Euch angelegt, wer weiß wer es Euch später anlegen wird. Es gibt wohl nichts herzzerreißenderes, als das Antlitz eines Menschen in seiner Sterbestunde, wenn er sich anstrengt zu reden und kein Wort mehr über die Zunge bringen kann. Und wenn er nun noch hätte sagen wollen: O, vergib mir, Bruder, daß ich Dich oft gekränkt und verzeihe, daß ich die Pflichten gegen Dich, die mir oblagen, nicht erfüllt habe. Ich scheide schwer von dieser Erde und kann nicht treten vor Gottes Thron, ohne daß Du mir aus Herzensgrund vergeben habest. Denkt Euch, was ja häufig Vorkommen mag, in eine solche Lage und Ihr werdet den Spruch beherzigen: Und wenn nicht jetzt, wann soll es dann geschehen?" Der Prediger schloß dann mit den Worten: der Gerechtigkeit Werk ist Frieden, der Gerechtigkeit Frucht ist Ruhe und ewige Seligkeit bei Gott. Noch lange blieb die Versammlung bei einander. Wir haben bedauert, daß nicht recht viele Christen anwesmd waren, um sich zu überzeugen, wie die Israeliten ihre Festtage begehen. Der Zutritt ist Jedem gestattet. Falsche Vorstellungen, irrige Ansichten würden dann verschwinden und in Liebe und Freundschaft würden immer mehr und mehr die Bekenner der verschiedenen Religionen sich einigen. — Oesterreichischer Kaiserstaat. Prag. Wie seiner Zeit von dem frühem Justizminister Herrn Ritter von Komers, wurde auch von dem gegenwärtigen Minister der Justiz, Sr. Excellenz Herrn Ritter von Hye der dem hohen Reichsrathe vorzulegende Entwurf der Strafprozeßordnung unserem allverehrten Herm Universitätsprofeffor vr. Wesseli zur Begutachtung eingeschickt. Herr Professor Weffeli wurde auch dieser Tage von der juridische«. ’) Soll heißen: hebräischer.

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