Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1867)
- Date
- 1867-11-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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829 Anzeigen" selbst daS Unstichhaltige ihrer Trostworte und in diesem Gefühle greifen sie zu einem Radicalmittel und sagen: „Uebriges gehörten die Judenverhällnisse gar nicht vor den Reichstag, da dieBundeSverfaffung sorgfältig alle religiösen Fragen ausgeschlofien hat". In diesen wenigen Worten legen die „Mecklenburger Anzeigen" einen klaren Beweis ihrer Fassungskraft nieder, denn sie scheinen wirklich nicht im Entferntesten eine Ahnung davon zu haben, daß die Gleichberechtigung der Juden längst nicht mehr eine religiöse, sondern eine sociale Frage sei, der sich ein hoher Reichstag trotz des angeblichen Vermeidens von religiösen Fragen consequenterweise in dem Augenblicke nicht mehr verschließen konnte, wo er die Begründung der bürgerlichen Freiheit und Gleichheit aller Angehörigen des Nordd. Bundes vor dem Gesetze zur Aufgabe hatte. Neben diesen Expectorationen der „Mecklenburger Anz." nimmt es sich etwas drollig und wie ein Hohn des Zufalles aus, wenn sie gleich darauf die Erklärung machen muffen, „daß die Großherzogliche Regierung im Begriffe sei, die Rechtsverhältnisse der Juden überhaupt gesetzlich zu ordnen" und daß, „da wegen des Glaubensbekenntnisses halber der Aufenthalt, die Niederlaffung, der Gewerbebetrieb, und der Erwerb von Grundeigenthum nicht verweigert werden darf, alle bisherigen Beschränkungen für die Juden von selbst wegfallen". Wir bedauern das officiöfe Organ in Mecklenburg recht sehr, daß es so unglücklich in seiner Argumentation gewesen und daß wir ihm auch den letzten Trost nehmen mußten, erwarten aber zuversichtlich von seiner Klugheit, daß es sich in das Unvermeidliche zu finden wiffen wird. Hoffentlich wird man im Laufe der Zeit in Mecklenburg noch selbst zu der Einsicht gelangen, daß es kein Unglück, kein Ruin für das Land gewesen, daß man den unabweislichen Forderungen der Humanität und Civilisation Rechnung getragen und die Juden wie Menschen behandelt. Diese Zeit möge nicht mehr ferne sein, das walte Gott! — Ueber die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in den zwei alten Hansestädten Lübeck und Hamburg hatten wir Hon oft Gelegenheit, unsere geehrten Leser zu unterhalten, während von der dritten im alten Bunde, von unserer Schwesterstadt Bremen, nur spärliche Berichte in diese gesch. Blätter dringen. Wir verfehlen daher nicht, der „Morgen- Post" einen aus christlicher Feder stammenden diesbezüglichen Artikel, „In der Synagoge" überschrieben, zu entnehmen. Derselbe lautet im Auszuge: Unser Jahrhundert ist ein gewaltiges, großes, ein Jahrhundert der Revolution auf allen Gebieten menschlichen Denkens und menschlicher Thätigkeit, ein Jahrhundert der Vorbereitung eines großen Tages, der bereits von Morgenroth umflossen aufgeht über die hinfälligen Gebäude menschlicher Einrichtungen und Institutionen, welche nur für ein gewisses Zeitalter berechnet waren. Alles ist vergänglich; bleibmd ist nur eine Form, diejenige, welche vom Ewigen bestimmt wurde, das geistige Eigenthum jedes Zeitalters aufzunehmen, — die Wahrheit. Wir leben in einer Zeit schroffer Widersprüche, schneidender Gegensätze, und diese offenbaren sich auf keinem Gebiete mehr, als auf dem der Religionen. Während es im Grunde nur eine einzige Religion gibt, in welcher allein unsterbliches Heil zu finden ist, die „Religion des Herzens", so hat sich doch die Art und Weise der Verehrung Gottes heutzutage in so viele Specialitäten verloren, daß es einer vom Allerhöchsten niedergesetzten Glaubens - Prüsungscommisfion schwer werden würde, zu entscheiden, welche von allen die richtigste sei. Und wir können es nicht verhehlen, daß diese Spaltungen gerade im Christenthume am ärgste« hervortreten. Wie ein unbezwmglicher, altersgrauer Felsen steht indeffen das Judenthum da. Allen Respect vor der großen gewaltigen Idee, welche in dm wildromantischen Klüften des arabischen Gebirges geoffenbart wurde und sich drei Jahrtausende hindurch lebensfähig bewiesen hat. Achtung auch vor dem Häuflein der Juden, das mit so großer Pietät und unter so großen Verfolgungen, Entbehrungen und Martern an der Religion der Väter festgehalten hat. Das GlaubenSband, welches einst die jüdische Gemeinde auf der kleinen Erdscholle von Palästina umschlang, hat sich ausdchnen müssen, soweit als der Ring des Erdballes geht, aber keine Macht noch Gewalt hat eS zerreißen können. Ist es nicht, als sei dies Völklein, das mit beharrlicher Treue an seinem Glauben hängt, dazu berufen, die Menschen bei all ihren Verirrungm und Spaltungen auf religiösem Gebiete immer wieder zurückzuweisen zum Urquell aller Religionen. Der Stifter der christl. Religion selbst erkannte die hohe Aufgabe dieser Nation, wenn er sprach: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß Himmel und Erde vergehm. Gottlob ist die Zeit vorüber, da man in deutschen Landen den Juden das Heimathsrecht streitig machte und sie ohne Grund, auf das Vorurtheil einer blindm abergläubischen Menge, ausstieß von jeder Gesellschaft. Gegenwärtig ist man in allen humanen Ländern bestrebt, ihnen bürgerliche Gleichberechtigung zu verschaffen. Auch Bremen hat seinen Antheil an den Verirrungen des Mittelalters genommen und daran leider bis in die jüngste Vergangenheit festgehalte«. Erst durch ein entschiedenes Wort der Presse, welche für das verachtete Geschlecht in die Schranken trat und durch den tatkräftigen Willen einiger Bürgerschaftsmitglieder wurden im Jahre 1848 den Judm vorläufig die Thore der Stadt geöffnet; ihre Gleichberechtigung erfolgte jedoch erst vor ein paar Jahren. Täglich steigen sie jetzt in der Achtung unserer Bevölkerung und bald wird es kein städtisches Institut mehr geben, an dem sie nicht segensreich mitwirkten. Jemand schreibt von dort: Unsere jüdische Gemeinde