Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1867)
- Date
- 1867-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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VJIL Jahrgang. Beilage zu Nr. 48 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correfpondeuzen. Deutschland. Heidelberg. Den „Arch. Jsr." wird von einem Correspondenten geschrieben: Erlauben Sie mir, Ihnen einige Nachrichten über unsere badischen Glaubensbrüder mitzutheilen. Es gibt in unserem Großherzogthume beinahe 200 jüd. Gemeinden, von denen Mannheim und Carlsruhe die größten find. Die jüd. Bevölkerung beträgt ungefähr 27000 Seelen; das Land hat 13 Rabbinate. Die religiösen Geschäfte von größerer Wichtigkeit werden durch einen Oberrath besorgt, der in Carlsruhe seinen Sitz hat und aus einem Rabbiner und vier Laien besteht. Der Zustand unserer religiösen Confession läßt in Beziehung der politischen Lage nichts zu wünschen übrig. Die Israeliten können isich in unbeschränkter Freiheit überall niederlaffen und Handel treiben, und selbst zu den höchsten öffentlichen Anstellungen gelangen. Es sind an unserer Universität zwei ordentliche, drei außerordentliche Professoren, und mehrere andere Docenten, die unserer Confession angehören. Es sind Gelehrte unter ihnen, die einen europäischen Ruf haben, und bliebe von Seiten dieser Männer nichts zu wünschen übrig, als daß ihre Religiösität eine praktischere, effectivere wäre, und sie sich nicht damit zufrieden gäben, nicht getauft zu sein. Als Beweis des Jndifferentismus unserer öffentlichen Männer und der Verachtung für ihre Race will ich Ihnen ein Factum mittheilen, das sich vergangenen Sommer dahier vor den Assisen zugetragen hat: Eine Jude vom Lande war des Wuchers angeklagt, und brachte vor dem Gerichte eine Menge Zeugnisse vor, die seine Moralität und sein gutes Betragen bezeugten, unter anderen auch eines seines Rabbiners, in dem seine Frömmigkeit als eine anerkennenswerthe bezeichnet wurde. Der Staatsprokurator M. R....r, nur noch dem Namen nach Israelit, sagte, indem er seine Anklage gegen den Angeschuldigten motivirte, unter Anderem: „Es ist wahr, der Angeschuldigte hat ein Zeugniß von seinem Rabbiner, welches besagt, daß er ein frommer Mann ist, aber ich erinnere Sie an den „Zodik" indem „Juden vonSpindler" welcher, nachdem er einen Christen gelobtet hatte, das Messer in die Erde steckte, und nachdem er es nach einer Stunde wieder herauszog, mit Befriedigung sagte koscher, koscher, koscker." Da ich auf der Gallerie der Zuhörer war, so konnte ich meinen Unwillen nicht zmückhalten, und rief mit lauter Stimme: Nun denn, so wisset, daß der Herr Staatsprokurator selbst ein Jude ist. — Der Bertheidiger des Angeschuldigten, der Sohn unseres Rabbiners Fürst, sprach am anderen Tage mit großem Erfolge, indem er unter Anderem sagte: > „Wir danken dem lieben Gott, daß sowohl der „Zodik"! von Spindler, als auch der „Shylock" von Shakspeare (im Kaufmann von Venedig) noch nie existirt haben und beide nichts als elende Produkte fanatischer Einbildungen des Mittelalters sind. Aber ich kann meine Verwunderung nicht zurückhalten, daß der Herr Staatsprokuratur, dessen Voreltern mit denen des Angeschuldigten und der meinigen Zeugen der finaitischen Gesetzgebung waren, von einem Beispiel Notiz nehmen wollte, das nie existirt hat. Noch hinzufügen will ich, daß ich die Eltern des Herrn Staatsprokurators gut kannte, und beweisen kann, daß sein Vater es nicht unter seiner Ehre hielt, Geschäfte zu machen, wegen deren der Angeklagte angeschuldigt ist." Diesen Worte folgten anhaltende Beifallsbezeugungen von der Gallerie herab. Der Angcschuldigte wurde freigesprochen, und die Kläger in die Kosten verurtheilt. Dieser Vorfall zeigt uns den traurigen Schluß, daß der Weg vom Jndisserentismus zur Verachtung seiner Race nur ein sehr kurzer ist. Unsere Glaubensbrüder, die öffentliche Anstellungen haben, sind oft aus Furcht von den Christen wegen Parteilichkeit gegen die Juden verachtet zu werden, strenger gegen diese als gegen jene. Glücklicherweise ist dies nicht überall der Fall. Fürth. Der hiesige Magistrat hat unter Zustimmung des Gemeinde-Collegiums beschlossen, in Anbetracht der vielen Verdienste des Dr. phil. Wilhelm Königswarter in München um die hiesige Stadt durch namhafte Errichtungen von Stiftungen und sonstige Akte der Mildthätigkeit, demselben das Ehrenbürgerrecht zu ertheilen, welche Verleihung nun die landesherrliche Bestätigung erhielt. Herr Bronce-Fabrikant I. Brandeis hier, welcher erst kürzlich bei der Pariser Ausstellung mit einer broncenen Medaille bedacht wurde, ist nun auch von S. M. dem Könige von Bayern in Anerkennung seiner Verdienste im Gebiete und für die Hebung der Industrie — Einführung des Metallhammerwerks in Bayern — mit dem Michael-Orden II. Klaffe decorirt worden. Die nämliche Auszeichnung wurde dem Banquier Wolf Gutmann von Anspach zu Theil. Den soeben veröffentlichten Rechnungsergebntffen der hiesigen isr. Kultus-Gemeinde pro. 1865/66 entnehmen wir folgende Posten: Einnahmen: 4405b fl. 44V» kr. Ausgaben: 43291 fl. 28 V2 kr.