Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1867)
- Date
- 1867-11-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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806 natürlich stellte er als Christ das Christentum höher; LäS Judenthum war chm eine niederere Stufe des Protestantischen Glaubens. Er hob dann so Manchehervor, was im Judenthume dem Nichtjuden als Härte, als Formenwesen, als beschränkte Anschauung erscheint. „Aber," fügte er dann immer versöhnend hinzu, „unsere Zeit mit ihren humanen Ideen, mit ihrem gewaltigen Voranschreiten, gelangt dazu, die Gegensätze zu versöhnen, die Schroffheit der Anschauung abzuschleifen, auszugleichen Überall und .die Menschheit in Humanität und Toleranz zu vereinen. Mag auch die Erziehung noch so hohe Bollwerke aufgerichtet haben; der innige Verkehr im Leben trägt fie alle ab, und über fie hinaus reichen sich die Menschen die Bruderhand zu stets innigerer Vereinigung." „Uebrigens," sprach er dann lächelnd weiter, „ist es ja am Ende gleichgiltig, in welcher Form wir das höchste Wesen verehren. Der gebildete Mensch gesteht allen diesen Formen ihre Berechtigung zu und beansprucht niemals ausschließlich für sich und die Seinen den Himmel." Solche Gespräche, in denen Friederike Herrn La ditz durchaus nicht zu widerlegen im Stande war, konnten nicht ohne Einfluß auf sie bleiben, und während sie noch beim Beginne ihrer Reise streng nach den Anforderungen des jüdischen Religionsgesetzes gelebt hatte, wurde sie allmählich lockerer in der Beachtung derselben. Jedesmal, wenn Derartiges vorkam, winkte Frau Skopp Herrn Laditz bedeutsam zu. Ehe man Berlin verließ, wollte man noch die verschiedenen Synagogen besuchen. Es war an einem Sabbat, und Herr Laditz hatte es so einzurichten gewußt, daß man zuerst in das Gotteshaus des orthodoxen Vereins Schochre Tob ging. Es war ein sehr heißer Tag und in dem engen/ dumpfen, niederen Raum *) war es kaum auszuhalten; man verließ daher die Synagoge noch vor dem Beginne der Predigt. „Sehen Sie," sagte Herr Laditz zu Friederiken, „das ist das Judenthum der Vergangenheit." Die Gesellschat begab sich darauf in die neue, prächtige Synagoge in der Orienburgerslraße. Das wunderschöne Gebäude machte einen überwältigenden Eindruck, die Orgel spielte ganz ausnehmend schön, der Chorgesang war unübertrefflich; aber das Haus war leer. Die wenigen Anwesenden verloren sich indem großen Raume, und diese Wenigen unterhielten sich mit einander im Flüsterton. „Sehen Sie," sagte Laditz beim Hinausgehen, als er die Damen am Fuße der Frauensynagoge wiedergefunden hatte, „das ist das Judentum der Gegenwart. ES nähert sich den protestantischen Formen, nur fehlt noch Manches. Die Inhaber all jener leeren Sitze find in ihren Lüden und Comptoirs. Der Jude der Gegenwart feiert mit dem Christen dm Son»^ tag, während er wie dieser den Besuch des Gottesdimstes den Pfaffen und den alten Weibern überläßt.. Welche Ironie, einen Gottesdienst anzuberaumen füL einen Tag, an welchem Alles mitten in der Wertthätigkeit begriffen ist — einen Gottesdienst, den Niemand, besuchen kann und will." Am darauf folgenden Sonntag ging unsere Gesellschaft in die Synagoge des Reformvereins. Der Berliner Resormverein, im Jahre 1846 gegründet^ hat den Sabbat auf den Sonntag verlegt. In der Synagoge sitzen Männer und Frauen in einem Raume, die elfteren ohne Kopfbedeckung. Die Gebete sind auf ein Minimum reducirt, das Hebräische ist auf das Schema und einen Theil der Keduschah beschränkt; die Feste werden stets auf einen Sonntag oder einen christlichen Feiertag verlegt; am Versöhnungstage verlassen die Andächtigen zur Mittagszeit das Bethaus, um sich nach mehrstündiger Pause wieder zusanrmenzusinden- In der Predigt wird alles spezifisch Jüdische streng vermieden oder nur deßhalb erwähnt, um es zu bekämpfen. „Nun," sagte Friederike zu dem sie begleitenden Laditz, als sie und Frau Skopp dieses Verhaus wieder verlosten hatten, „wenn Sie consequent sein wollen, so muffen sie das da als das Judenthum der Zukunft bezeichnen." „„Nicht doch, meine Gnädige,"" entgeonete Laditz lächelnd, „„l icht als oas Judenthum der Zukunft, sondern als die Religion der Zukunft bezeichne ich das Ebengesehene. Das ist die reine Vernunftreligion, die kaum noch etwas spezifisch Nationales oder Confessionelles hat. Zu solcher Höhe wird sich auch der Protestantismus entwickeln, wie er ja bereits in den sreien Gemeinden, oder der KatholicismuS in den. Deutsch-Katholischen Genoffenschaften Ausdruck gefunden hat. Dann wird es eine Kirche geben, die dm Sohn Amrams und den Sohn des Zimmermanns Joseph verehrt wie Solon und Lykurg, wie Sokrates und Plato, wie Schiller und Göthe, wie Döak und Garibaldi. Dann werden die iconfessionellen Formen,, die kirchlichen Gebräuche aushören, und Judenthum und Christenthum werden sich von allen Aenßerlichkeiten emancipiren und werden dann nur Eins sein. Der gebildete Mann, daS intelligente'Weib aber warten diese späte Zukunft nicht erst ab; sie zerbrechen ihre Fesieln schon jetzt." Aufmerksam hörte ihm Friederike zu; sie versank in tiefes Nachdenken, in welchem weder Frau Stopp noch Herr Laditz sie störten. (Forts, folgt.) i) Der Verein Sch. T. hat seitdem ein geräumigeres Local als Bethaus eingerichtet. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf« Echnellprefseodruck von I. GottSleben in Mainz. r