Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1867)
- Date
- 1867-11-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447291-2447337--05635-2461152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
802 paffen würde, und deren Geistesrichtung und Seelenbeschaffenhett es adäquater wäre, am Sabbat und Festtag hinter dem Ladentische zu feilschen als auf der Kanzel zu stehen. Israel hat schon genug solcher Rabbinen, deren ganzes öffentliches Leben und Streben eine gemeine Heuchelei, e\n schändlicher Betrug, eine elende Lüge ist, die Treubruch üben und Verrath begehen an Gott und Nation. Und diesen Rabbinen ist der religiöse Verfall, die Spaltung und Zerklüftung, die innere Zerrissenheit und Zefahrenheit der gegenwärtigen Judenheit zu verdanken, sie haben dem Herzen unseres Volkes jene tausend Wunden geschlagen, aus denen es blutet. Hüten wir uns daher, eine Anstalt zu gründen, um Individuen zu Rabbinen heranzubilden, die darum dem Talmudstudium eine enge Spanne Zeit opfern möchten, weil ihnen das Seelsorgergeschäft bester convenirt als alle andern Handthierungen, weil es ihnen eher zusagt, mit geistigen als mit materiellen Werthen zu „handeln," weil sie nach einem arbeitslosen Leben gelüsten, und so gerne vom Altarbrode sich nähren möchten. Hüten wir uns, eine Anstalt zu gründen, um noch mehr derartige Menschen den ohnedies geistig verwaisten und gesunkenen Gemeinden Israels zu religiösen Leitern zu geben. Abgesehen von allen diesen, gewiß sehr gewichtigen Bedenken, würden wir uns ein höchst beschämendes Armuthszeugniß ausstellen, und an dem Heiligthum der jüdischen Wiffenschast Verrath begehen, wenn wir eine öffentliche Talmudschule als Supplement eines Gymnasiums hinstellen, und somit dem classtschheidnischen Geiste eine primäre und dem Geiste des Judenthums eine seeundäre Bedeutung einräumen würden. Wir brauchen keine Talmudschule, die sich an ein Gymnasium anlehne, wir brauchen vielmehr, wenn wir durchaus eine öffentliche theologische Lehr anstatt gründen wollen, eine vollständige, alle erforderlichen Wiffensbranchen in sich vereinigende Rabbinerschule. in welcher der Zögling seine ganze Geistesbildung empfange, und die internen und externen Wissenschaften aus dem Munde sittlich ehrbarer, religiös würdiger Glaubensbrüder vernehme; in welcher das Talmudstudium nicht in karg zugemeffenen Stunden abgefertigt werde, und das vernachlässigte Aschenbrödel bilde, sondern den vornehmsten Theil der Un terrichtszeit in Anspruch nehmen, und als die tonangebende Gebieterin geehrt und geachtet werden möge. Wir brauchen eine Anstalt, in welcher die Gymnasialgegenstände den jüdischen DiSciplinen, wenn nicht sub ordinirt, höchstens coordinirt seien, und ein vermittelnder versöhnender Geist zwischen der klassisch rationalen und jüdisch-ethischen Weltanschauung nach Möglichkeit Frieden stifte und Eintracht herstelle. Wenn bisher Jünglinge unter dem dualistischen Einfluffe der jüdischm Talmudschule und des nichtjüdischen Gymnasii zu Rabbinen sich auSbilden, so können wir es nicht ändern; aber unverzeihlich wäre es, wenn wir em Institut ins Leben riefen, um dieser widerspruchsvollen Zweitheilung des intellektuellen Entwickelungsganges des Rabbinatsaspiranten Vorschub zu leisten und die Sanction zu verleihen. Die ist nicht die wahre Mutter, die da spricht: man möge das Kind zertheilenl Wir brauchen ein tüchtiges, unter den von sittlich würdigen, religiös anerkannten, gelehrten Fachmännern festzusetzenden Modalitäten zu gründendes Rabbinerseminar; wir brauchen eine würdige Anstalt, und eine solche wird hoffentlich auch ihrer würdige Schüler haben. Und haben wir nicht die Mittel, das zu bewirken, dann schaffen wir gar nichts, und sagen nnS ganz gemüthlich: „manum de tabula!" Doch man ist besorgt: woher in Zukunft die Rabbinen kommen werden? Nun, setzen w»'r den Fall, es könnte eine Zeit eintreffen, in der nirgends Rabbiner zu finden waren für die leeren Posten, und die Gemeinden ohne geistliches Oberhaupt daständen, ach, das wäre allerdings ein schweres Unglück, vordem uns Gott bewahren möge: aber lange und beiweitem kein solches Unglück, wie wenn Rabbiner, wie wir sie gezeichnet, da- Ruder der geistig-sittlichen Angelegenheiten der Gemeinden in Händen haben. — Uebrigens wird dieser Fall nie eintreten, und dürfen wir solchen Befürchtungen keinen Raum in nnserm Herzen verleihen. Derselbe Gott, der uns den ewigen Bestand des Judenthums gewährleistet, der ist uns Bürge dafür, daß es immer und ewig in unserer Mitte edle würdige Männer geben werde, die in uneigennütziger Absicht, aus purer L:ebe zu Gott, und aus inner« Drange in dem Worte Gott-s forschen, und das Studium der jüdischen Lehre zur Lebensaufgabe sich macken werden; und diese mögen unsere zukünftige Rabbiner sein. Wie wir für den Fortbestand des Judenthums keiner äußern Garantie bedürfen, ebenso brauchen wir keine äußere Bürgschaft dafür, daß die Lehre des Judenthums immer ihre eifrigen Jünger, ihre begeisterten Träger haben werde. Die untrüglichste Bürgschaft für das Eine wie für das Andere liegt in dem Worte des Propheten, das da lautet: „Siehe, das ist mein Bund mit ihnen, spricht der Ewige, mein Geist, den ich auf ( ich gelegt, und mein Wort, das ich dir in den Mund gegeben, sie sollen nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deiner Nachkommen und der Nachkommen deiner Nachkommen, spricht Gott, von nun an bis in alle Ewigkeit!" Der Gott, der uns immer so väterlich beigestanden, wird unS auch fürder zur Seite stehen, „denn Gott verläßt sein Volk nicht, um seines großen Namens willen." (Fortsetzung folgt.)