Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1867-11-13 · Heft 46 (13.11.1867) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 46 (13.11.1867)
Date
1867-11-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447291-2447336--05623-2461139
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

793 Wohnung des Staringer. Er bemerkte Abends 7 Uhr Licht in derselbe«, lehnte sich an den Fensterladen und hörte nun, wie Staringer zu seinem Weibe sagte: „Das wird jetzt eine schöne Geschichte werden; fürchten thrm wir uns aber nicht. Du gibst nichts an, ich gestehe nichts — dann fehlt nichts. Wenn ich gefragt werde, wo er ist, so sage ich, ich bin blos nach Deggendorf gefahren, und weil der Jude ein schlechter Zahler ist, so bin ich davon!" Das war de« Lauschenden genug, um sofort Einlaß zu begehren und den Staringer, den er im Bette fand, wegen seiner Wissenschaft über die Person des Max zur Rede zu stellen. Hierauf erwidert er: er fep mit Weiß an jenem 16. Januar auf der Straße nach Landshut bis zur Wangelmühle hingefahren, dann sei er auszestiegen. „Den Juden weiß ich nicht, hin ist er, aber ich habe ihn nicht umgebracht k Am Mittwoch war ich Mittags schon wieder zu Hause." Woher weiß er, daß der Jude hin ist, warum wird die schnelle Entschuldigung hinzugefügt, er habe ihn nicht umgebracht, ehe ihm noch Jemand den mindesten Vorwurf gemacht hat? Auf diese Rede hin nahm der Gendarm weiters keinen Anstand mehr, sofort zur Verhaftung des Staringer zu schreiten. Am 24. Jan. fand das erste Verhör statt und hier war es anfallend, daß Staringer, der doch schon am 21. zu den Selmer'schen Ehegatten ganz bestimmt gesagt hatte, der Jude ist todt, der kommt nimmer, der auch zu dem verhaftenden Gensdarm die gleiche Rede fallen ließ, vor dem Untersuchungsrichter über das, was dem Weiß widerfahren, nicht das Mindeste wissen wollte. Weiter ließ er erkennen, daß der angebliche Käufer und Wagengenoffe ein gewisser Xaver Dettenberger von Schmatzhausen gewesen sei, und berief sich in dieser Beziehung auf die Selmer'schen Eheleute, welche denselben öfters in der Staringer'schen Wohnung hätten aus- und eingehen sehen. Nun wurde sestgestellt, daß es einen Xaver Dettenberger weit und breit nicht gibt, und daß der Bursche, welchen die Selmer'schen lange Wochen heimlich sich bei Staringer aufhaltend bemerkten, Niemand anderer als der berüchtigte Dieb Alois Ulrich gewesen sei. Weiter aber sagte Staringer, was er bereits dem Gensdarmen eröffnet hatte, daß er bei der Wangelmühle ausgestiegen sei und von dem, was etwa weiter passtrt sei, nicht die geringste Kenntniß habe. Er sei am 16. Mittags 12 Uhr in Landshut mit Xaver Dettenberger wieder zusammengetroffen, welcher ihm gesagt habe, daß der Handel wegen der Grillschwaige mit Weiß zu Stande gekommen sei, daß Weiß selbst nach Geiselhöring oder Straubing zum Pferdehandel gegangen sei, und ihm das Fuhrwerk überlassen habe, um die zur Verbriefung etwa nöthigen Papiere und Dokumente in Dingolfing zu holen. Auf Einladung des Dettenberger sei er sodann mit! diesem nach Dingolfing gefahren und hierauf von da | Nachts 11 Uhr nach Straubing gekommen, wo fie das Fuhrwerk beim Steinerbräu eingestellt hättmu Am nächsten Tage (17. Januar) hätten fie sich hisv» auf getrennt. Dettenberger fei nach Geiselhöring, und Staringer fei nach Landshut, um den Weiß aNfzrffn» chen, fei dann wieder zufällig mit Dettenberger zusammengetroffen, der ihm de» mit 4 fl. beschwerte« Brief an den Hausknecht beim Steinerbväu in Straus bing übergeben habe, um das Fuhrwerk des Weih nach Landshut bringen zu lassen. Diesen Brief habe er auf dem Bahnhofe in Landshnt einem Burschen behändigt, der sich gegen Belohnung anheischig gemacht hatte, ihn zu besorgen. — Daß die beiden am 16. Jan. Abends 5 Uhr in Dingolfing waren, bewahrheitete sich; es wurde aber gleichzeitig erhoben, daß die beiden Burschen, welche Niemand kannte, auffallend wortkarg waren, und ans die Fragen nach chren Reffen zielen und Zwecken nur zögernd Antwort gaben. Es gab sich auch der eine für einen Getreidehändler aus, der andere bezeichnete Martinsbuch als seinen HeimathSort. Um weiteren Fragen zu entkommen, trachteten sie bald wieder fortzukommen und gelangten dann, wie bereits erwähnt, nach Straubing. Bon jetzt an geht der Gang der Geschichte unaufhaltsam weiter. Alss bald kamen zu dem Untersuchungsrichter Leute, welche erzählten, daß sie am 17. Januar auf jener Straße' vor der Münchnerau dahingegangen waren, als fie plötzlich vor sich neben der Straße im Felde, etwa 4 Fuß von der Straße entfernt, welche dort gegen das Feld nur etwa 172 Fuß höher liegt, ein Schaar Krähen oder Raben eifrig im Schnee herumhacken sahen. In der Meinung, es befinde sich dort etwa ein Aas, gingen sie näher hinzu und bemerken nun, wie sich hier eine große Blutlache befand, über welche der Schnee künstlich zusammengehäuft war. Es fanden sich auch in einem Umkreise von 6 Fuß viele Ändert Fußtritte vor, und auch solche, welche von der Straße herab auf jene Stelle zuführten. Als von der Untersuchungs^ kommisfion dieser Ort näher untersucht wurde, fand sich daselbst ein doppelläufiges Terzerol, dessen einer Hahn zugefallen war, während der andere geöffnet stand und von diesem Tezerol wurde hierauf mit aller Bestimmtheit hergestellt, daß es Max Weiß im Besitze gehabt habe. Kein Zweifel, daß hier eine That geschehen war, welche aller Wahrscheinlichkeit nach de« vermißten Weiß das Leben gekostet hat. Es fand sich ein weiterer Zeuge, welcher an jenem Tage, während er im Freien arbeitete, an seinem Häuschen ein einspänniges Fuhrwerk vorüberfahren sah, in welchem heftig disputirt wurde. Als er nach einigen Augenblicken diesem Fuhrwerke nachsah, gewahrte er ans circa 200 Schritte, daß eS beiläufig an der Stelle, wo sich nachmals die Blutlache im Felde befand, stille stand, und daß ihrer zwei oder drei aus dem Felde auf den Wagen zugingen und rasch weiter fuhren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.