Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1867)
- Date
- 1867-11-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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790 uusgedachte Transparente mit mehr oder minder geistvollen Inschriften schmückten die Häuser. An der , Synagoge in der Stadt war ebenfalls ein prachtvoll beleuchtetes Transparent angebracht: ein alter gefesselter Jude, dem ein Genius die Ketten abnahm, um fie dem Kaiser zu Füßen zu legen. Dr. Sebulon und seine Gattin standen vor diesem Bilde und betrachteten es mit großem Interesse, als eine Dame dem vr. Sebulon aus die Schulter klopfte und ihn anredere; dieser wurde leichenblaß und konnte kaum antworten. Fragend schaute rhu Friederike an; er aber stammelte : „Fort, fort von hier; o laß uns nach Hause eilen." Sie gingen in ihren Gasthof. vr. Sebulon blieb einsilbig, und seine junge Frau hatte nicht den Muth, eine Erklärung von ihm zu fordern. Als Friederike am andern Morgen erwachte, erschrak sie über das Aussehen ihres Gatten. Besorgt fragte sie ihn nach seinem Befinden. Er antwortete, er müsse sich gestern Abend erkältet haben. Da sah er nach der Uhr. „Ach," sagte er, „meine Uhr ist stehen geblieben; ich bringe fie zu einem mir bekannten, geschickten Uhrmacher. In einer Viertelstunde bin ich wieder hier." „„Frühstücke doch erst!"" entgegnete Friederike. „Bis das Frühstück kömmt, bin ich zurück; ohne Uhr weiß ich mir gar nicht zu helfen; der Uhrmacher wird mir eine andere geben, bis die meinige reparirt ist." Mit diesen Worten entfernte er sich. Die junge Frau erhob sich von ihrem Lager und machte Toilette. Das Frühstück wurde gebracht; Vr. Sebulon hatte es beim Fortgehen bestellt. Friederike wollte ihres Mannes Rückkehr erwarten, bevor fie frühstückte. Allein der Kaffee war längst kalt geworden, und ihr Mann war noch nicht zurückgekehrt. Sie fing an, besorgt zu werden und ging unruhig im Zimmer auf und ab. So wurde es 10 Uhr, 11 Uhr, Mittag — vr. Sebulon war noch nicht zurückgekehrt. In tödtlicher Pein verbrachte die junge Frau den Tag, von dem sie sich so viel Vergnügen versprochen hatte, auf ihrem Zimmer. Es wurde Abend, und vr. Se bulon war noch nicht zurückgekehrt. Halbkrank vor Angst und Sorge lag Friederike auf dem Sopha; endlich schellte sie und ließ den Wirth bitten, zu ihr zu kommen. Dieser.kam und hörte mit Verwunderung die Erzählung der jungen Frau; er schlug ihr vor, den Verlauf der Nacht abzuwarten und am Morgen die Polizei zu benachrichtigen. Welch' eine Nacht verbrachte Friederike! Was war aus ihrem Manne geworden? Sie horchte auf, sobald fie die Räder eines Wagens rollen hörte. Einigemal hielten Wagen vor dem belebten Gasthofe. Friederike stürzte dann die Treppe hinab, um dem wiederkchrenden Gatten in die Arme zu eilen; allein — es waren Fremde, die ankamen. Getäuscht kehrte das arme Weib in ihr Zimmer zurück, um aufs Neue vergeblich zu harren. Die Nacht wollte gar kein Ende nehmen. Endlich dämmerte der Morgen; Friederike hatte kein Auge geschloffen. Um acht Uhr kam der Wirth, um sie aufs Polizeibüreau zu geleiten. Hier nahm man die Meldung mit Erstaunen entgegen. Der Paß des vr. Ssbulon war nicht abgeholt worden. Man fragte die Unglückliche, wie fie mit ihrem Manne gelebt habe, ob er Geld Bei sich gehabt, ob er Schulden daheim habe. Ach, sie hatten so glücklich mitsammen gelebt, Nichts hatte den häuslichen Frieden getrübt, selbst das Mißverhältniß zu Friederiken's Eltern nicht. Geld hatte er nicht bei sich gehabt, vielleicht einige Gulden; selbst die Reisekaffe lag noch wohlverwahrt im Gasthofe. Die pecuniären Verhältnisse waren die besten:, war doch Friederiken's Mitgift in P. sicher deponirt und noch unberührt.' Tage vergingen; vr. Sebulon blieb spurlos verschwunden; alle Nachforschungen der Polizei waren, vergeblich. War er entflohen? aber, warum hätte er den behaglichsten, glücklichsten Verhältniffen entfliehen sollen? War er ermordet worden? Aber warum sollte man ihn ermorden, da er doch nur wenige und unbedeutende Werthsachen bei sich getragen hatte? War ihm ein Unglück zugestoßen am h-llcn Tage, so hätte man doch eine Spur davon, so hätte man doch die Leiche ausfinden müffen! Nach acht Tagen reiste Friederike nach P. zurück; vom Bahnhof aus fuhr sie nicht in ihre eigene Wohnung, sie fuhr nach dem Hause der Eltern. Diese erschraken, als sie ihre Tochter sahen, fie erschraken noch mehr, als sie ihr verweintes Antlitz, ihre vom Kummer gebeugte Gestalt erblickten. Schluchzend warf sich Friederike ihrem Vater zu Füßen; Herr Salz hob sie empor und umarmte sie. Wie erschraken die Eltern erst, als sie die Trauerkunde von dem räthselhafteu Verschwinden des Schwiegersohnes vernahmen! Herr Salz begab sich in der Begleitung emes geschickten Polizeiagenten nach Wien. Keine Spur war zu entdecken; vr. SeLulon war an jenem Sonntaa Morgen bei keinem'der zahlreichen Uhrmacher der großen Kmftrstadt gewesen. Herr Salz ließ sich's weder Zeit noch Mühe verdrießen; auch scheute er keine Kosten; in alle Zeitungen des In und Auslandes wurden Aufforderungen versandt, Preise wurden ausgesetzt für die geringste Kunde. Es war Alles vergebens; vr. Sebulon blieb verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.