Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1867)
- Date
- 1867-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447291-2447336--05619-2461135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
789 Feuilleton. Die Aerlafferre. (Fortsetzung.) n. Friederikens Hochzeit war im Spätherbst gefeiert worden; im Sommer bei kommenden Jahres wollte das junge Ehepaar eine Hochzeitsreise machen. Vergeblich hatten Dr. Sebulon und dessen Frau eine Annäherung an die Eltern versucht; Herr Satz blieb unerbittlich, und seiner Frau war sein Wille Gesetz. Unterdeß hatte sich Friederike nicht über ihren Gatten zu beklagen; er war zärtlich und aufmerksam gegen sein junges Weib; auch hatte er ihr gestattet, den Haushalt in jüdischer Weise einzurichten und die jüdischen Ehegesetze zu halten. Friederiken's Mitgift war in sicheren Papieren angelegt, und die Praxis des geschickten und beliebten Arztes bestritt reichlich die Kosten des Haushalts. Vor dem Monat August konnte Dr. Sebulon seine Patienten nicht verlassen; da aber machte er sich frei, bestellte einige seiner College« zu seinen Vertretern und reiste mit seiner jungen Frau nach Wien, um den Festlichkeiten anzuwohnen, die zu Ehren der Rückkehr des Kaisers aus Ungarn veranstaltet wurden. Es war nämlich im Jahre 52; nur wenige Jahre zuvor hatte in Ungarn das Feuer der Revolution gelodert; die Revolution war mit Rußlands Hilfe niedergeworsen worden, die großen Generale der Ungarn waren besiegt, gefangen oder landesflüchtig, mit ihnen die berühmten Agitatoren, an deren Spitze Kossuth gestanden. Jetzt nun lag Grabesruhe auf dem Lande. Der Kaiser hatte dieses Kronland besucht und war überall gut empfangen worden. Man glaubte, Ungarn sei nunmehr wieder gut österreichisch, habe seine Freiheiten und Privilegien vergessen und sei durch die Herzensgüte des Kaisers wieder an das Haus Habsburg gefesielt. Auch in den übrigen österreichischen Landen war nicht lange zuvor die Verfassung vom Jahre 48 aufgehoben worden, und das alte absolute Regiment hatte wieder begonnen. So war denn ein feierlicher Empfang in Wien befohlen worden, und man kam mit gewohnter Begeisterung dem Befehle nach; die größten Vorbereitungen wurden getroffen, und Hunderttausende von Fremden strömten nach Wien, um den Empfangsfeierlichkeiten beizuwohnen; unter ihnen auch Dr. Sebulon und feine Gattin. Friederike war noch nie zuvor in Wien gewesen. Um also die Merkwürdigkeiten der Hauptstadt in Muße zu genießen, waren die beiden Gatten schon Sonntag dahin gereist, wiewohl die Feierlichkeiten erst Samstag und die folgenden Tage statthaben sollten. Das war eine glückliche Zeit für die junge Frau! Ihr sonst so beschäftigter Gatte gehörte ihr jetzt ganz allein an; an seinem Arm durchzog sie ganz Wien, dessen Kunftschätze und Merkwürdigkeiten er nicht allein zeigte, sondern auch mit Verständniß erklärte. Ganze Stunden brachten sie in der Gemäldegallerie zu Belvedere zu; Nachmittags wurden gewöhnlich Ausflüge gemacht nach Nußdorf oder nach Baden, nach dem Kahlenbergs oder nach Hietzing; den Abend brachte man dann im Theater zu, bald sich über die Komiker im Karltheater amüsirend, bald sich an dem claffischen Spiele der Künstler im Burgtheater ergötzend, bald dem prachtvollen Orchester im Kärnthnerthortheater lauschend. Auch der Freitagabend brachte feine Genüsse; der himmlische Gesang Sulzers und seines ChorS entzückte Friederiken; nur war es ihr unangenehm, daß sie in der offenen Frauenloge gleichsam zur Schau ftand und mehr als eine Lorgnette auf sich gerichtet sah. Als sie beim Abendessen in der jüdischen Restauration sich darüber beklagte, da sagte einer der Bekannten ihres Mannes lachend: „Schauend, gnädige Frau, unser Mannheimer hat Heuer zwei Samstage nach'nander zwei Predigten gehalten: „„derBlick nach Oben"" und „„der Blick nach Unten"". Da haben wir uns halt getheilt; „„den Blick nach Oben"" haben wir Männer uns genommen, und „„den Blick nach Unten"" haben's sich halt die Damen reservirt!" — Der frivole Witz wurde reichlich belacht; Friederike aber meinte, daß es sich in der orthodoxen Synagoge ihrer Vaterstadt, unbehelligt von Lorgnetten, andächtiger beten lasse. Samstag Nachmittags 3 Uhr empfing die mit Blumen, Teppichen und Fahnen gezierte Hauptstadt ihren geliebten Monarchen. Am Bahnhofe kam er an, umgeben von ungarischen Magnaten in ihrer Nationaltracht. Die kaiserliche Mutter, die Erzherzoge, die Spitzen der Behörden empfingen ihn; .er Oberbürgermeister von Wien hielt eine begeisterte Red^; dann zog der prächtige Zug durch die Straßen, deren Fenster um hohen Preis an fremde Zuschauer vermiedet waren. Auch die Juden hatten den Rabbiner vlit der Thorarolle dem Kaiser entgegengesandt; eine große Menschenmenge hatte sich um die jüdische Gruppe gesammelt, und die Wache war herausgerufen worden. Als später in den Festberichten dies letztere Factum rühmend hervorgehoben wurde, da verfehlte man nicht, bekannt zu machen, daß nur wegen der großen Volksmenge die Wache in's Gewehr gerufen worden, daß damit aber keinerlei Ehre dem jüdischen Rabbi oder der Thora in seinem Arm bezweckt gewesen — es sollte eben den Juden trotz der allgemeinen Freude der Wermuthbecher nicht fehlen. Abends war großartige Illumination; die Straßen schwammen in einem Lichtmeere; der hohe Thurm des Stephansoomes strahlte von unten bis oben in bengalrschen Flammen. Mehr oder minder geistvoll