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Der Israelit · 1867-11-13 · Heft 46 (13.11.1867) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 46 (13.11.1867)
Date
1867-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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784 Das Judenthum steht dieser Theorie schnurstracks entgegen. DaS Judenthum lehrt: „&S ist ein Geist (Gott), der den Stoff (Himmel und Erde) geschaffen mrd aus dem Stoffe den Menschen gebildet hat, ihm einhauchend Geist von Seinem Geiste und so ihn formend nach Seinem Ebenbilde. Daher wohnt im Körper des Menschen der Geist, die Seele, bereu Werkzeug und Kleid jener ist; daher ist die Seele unsterblich, und die Gesetze der Sittlichkeit, der Tugend, der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit fließen unmittelbar aus dem reinen, edlen, heiligen Wesen der Seele, die da ist Geist von Gottes Geist, ein Ausfluß des Allheiligen, der da selber ist die Reinheit, die Weisheit, die Barmherzigkeit, die Gerechtigkeit. Dai her ist nicht die Nützlichkeit im egoistischen Sinne das j oberste Gesetz dem Menschengeiste, sondern die Wahrheit, und diese erkennend und ihr zustrebend opfert er j gern, wenn es sein muß, Vermögen, Genuß, Gesundj heit, Leben. Die Welt ist Gottes Geschöpf, der sie lenkt,! leitet, entwickelt, und der Stammvater des Menschen ist das aus der Hand des Allmächtigen, Allweisen am sechsten Schöpfungstage hervorgegangene Meisterstück."— Das sind die zwei großen, mächtigen Gegensätze, die sich gegenüberstehen: das Judenthum und die Religionen, welche die erwähnten Lehren von ihm aufge-; nommen haben, auf der einen Seite, und der moderne > Materialismus auf der andern Seite.! Schauen wir diesem modernen Materialismus nur i recht in's Angesicht, führen wir uns seine Entstehung! vor, um ihn desto erfolgreicher bekämpfen zu können.! Es war gegen das Ende des siebenzehnten Jahri Hunderts der gewöhnlichen Zeitrechnung, als der große > englische Denker Locke sich gegen die damals Herrj schende Lehre von den „angeborenen Ideen" wandte j und in einem Buche von bedeutendem Umfange nachj zuweisen sich bemühte, daß es keine angeborenen Ideen ' gebe; „der Menschengeist sei eine tabula rasa, das heißt, einer leeren Tafel zu vergleichen, auf welche - Unterricht und Erfahrung die Schristzüge schreiben; der Mensch bringe Nichts in die Welt und könne Nichts aus sich schöpfen; Alles, Alles führen ihm die Sinne von der Außenwelt her zu". — Da nun Locke den Menschengeist zu einer leeren Form erniedrigt hatte, so lag es Nahe, daß die aus ihm fußenden Den-! ker auch das Vorhandensein dieser leeren Form leugneten und zu dem Resultate kamen, daß es gar keinen Geist gebe. Hume, Helvetius und die französischen , Encyclopädisten haben in der Thal diese Consequenzen gezogen und so auf geistigem Gebiete die große Revo- - lution von 69 vorbereitet, die nach dieser Seite hin! in der von Robespierre decretirten Absetzung des! höchsten Wesens und der Einsetzung der Göttin der i Vernunft gipfelt, unter deren Herrschaft Myriaden i Unschuldiger durch die Guillotine vom Leben zum Tode! gebracht wurden. Das ist der Materialismus des vorigen Jahrhunderts. Der moderne Materialismus hat aber noch andere Ausgangspunkte. Die aus der Kantischen Schule hervorgegangenen Idealisten: Fichte, Schelling, Hegel berauschten sich in Gedanken, daß Alles nur Gedanke, nur Geist ser, d« es gar keinen Stoff gebe, daß dieser nur existire insofern er Geist sei, daß es keinen Gegensatz gebe zwischen Geist und Stoff, daß Geist und Stoff eins sei, da die Materie nur i m Geiste und durch den Geist existire. Ist dem aber also, so ist das Alles nur Wortklauberei, und es ist am Ende einerlei, ob ich zur Bezeichnung des Seienden das Wort Stoff oder das Wort Geist wähle. In der That schlug denn auch dieser einseitige Idealismus in den Materialismus um, wie es der sogenannte Junghegelianismus (Feuerbach) ausgewiesen hat. Das ist der Materialismus der jüngsten Vergangenheit. Der Materialismus der Gegenwart aber hat noch einen andern Ausgangspunkt. Dieser denkt gar nicht; er entspringt nicht aus einer Verirrung, sondern aus einer Unthätigkeit des Geistes, aus dem bornirten Augenverschließen gegen die höhere Wahrheit; er ist eine Handhabe craffer Genußsucht und Eigensucht; er ist die beqnenle Theorie denkfauler Menschen, die nur leben, besitzen und genießen, die nur das Joch, welches Tugend und Sittlichkeit auslegen, abschütteln, die nur die niederen Leidenschaften entfeffeln wollen. Den Vorwand müssen die Fortschritte der Naturwiffenschaft bieten. Seitdem man angefangen hat, die Gesetze der Natur nicht mehr a priori, das heißt nach vorgefaßten Meinungen, sondern a posteriori, das heißt nach wirklichen Erfahrungen erkennen zu wollen, haben die Naturwissenschaften riesenhafte Fortschritte gemacht. Von ArissiiLeles, dem Begründer der Naturwissenschaften, bis zu Baco von Verulam, welcher dem obenerwähnten Grundsätze zuerst Anerkennung verschaffte, hatten die Naturwissenschaften keine Fortschritte gemacht; Jsaac Newton hob sie aus den Kinderschuhen, und seit dem Beginne des laufenden Jahrhunderts schreiten sie mit Siebenmeilenstiefeln. Die Dynamik bestimmt die Gesetze der Kraft, die Chemie löst das Zusammengesetzte in seine einzelnen Bestandtheile und das Mikroskop lehrt die feinsten Nüancen kennen, die sonst unzugänglich gewesen. Da man nun angefangen hat zu messen, zu sondern, zu zählen, so vermeint man, Alles messen, sondern und zählen zu können und leugnet die Existenz dessen, was den durch allerlei Instrumente verschärften Sinnen nicht wahrnehmbar ist. Das ist der Materialismus der Gegenwart, die bequeme Theorie, die da der großen Masse einlench-

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