Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1867)
- Date
- 1867-11-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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774 DaS Glück der Eltern war so groß, ihre Liebe zu dem spätgeborenen Kinde so zärtlich, daß sie die Tochter gründlich verzogen. Friederikens noch so thörichte Wünsche wurden von den Eltern auss Giftigste erfüllt, so daß sich in ihr ein keine Schranken kennender Eigenwille entwickelte. Da das Töchterchen gern lernte, so erhielt sie eine gediegene Ausbildung, die jedoch auf ihren Character keinen Einfluß gewann. Als Friederike fünfzehn Jahre zählte, war sie zu einem schönen geistvollen Mädchen erwachsen. Da kehrte der junge Dr. Sebulon von der Universität zurück und ließ sich in seiner Vaterstadt P. als Arzt nieder. Bald war unter Friederiken's Freundinnen nur von dem schönen, geistreichen Dr. Sebulon die Rede. Friederike sah ihn bei Bekannten; der junge Mann zeichnete sie vor Anderen aus, und Friederike war glücklich darüber. Die jungen Leute sahen sich öfter, und eines TageS besuchte Dr. Sebulon den reichen Großhändler und bat ihn um die Hand seiner einzigen Tochter. Der alte Salz war ganz entrüstet über diese Frechheit, wie er es nannte. „Wie, Herr Dr./ sagte er, «sind Sie mir nicht noch vor wenigen Wochen an einem Sabbat mit der brennenden Cigarre im Munde begegnet, und Sie wollen meine Tochter heirathen?" «Ich gestehe," entgegnete Dr. Sebulon, „ich habe mich bis jetzt um die jüdischen Ceremonialgesetze wenig gekümmert, allein wenn Sie wünschen." „ Wenn ich wünsche? Haha, das wäre mir eine schöne Frömmigkeit, die sich auf meinen Wunsch hin in Scene setzte! Nein, mein lieber Mann, daraus wird nichts!" ««Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Salz, daß Ihr Fräulein Tochter mich liebt, und daß ich mit ihrer Einwilligung jetzt mit Ihnen rede."" „Sollte das wahr sein? Das wäre ein großes Unglück!" „„Herr, Sie beleidigen mich!"" „Ruhig, ruhig, Herr Dr., wir kennen uns ja! Sie wissen es und ich weiß es, welche Wege Sie gewandelt, als Sie in Wien studirten." Dr. Sebulon fämieg beschämt. „ Wir sind jetzt fertig miteinander," sagte dann Herr Salz, „und es wäre mir jetzt lieb, allein zu sein; ich bin beschäftigt." „«Sie weisen mir die Thüre, Herr Salz? Bedenken Sie doch das Glück Ihrer einzigen Tochter!"" «Eben weil ich das bedenke, werde ich nie eine Verbindung mit Ihnen gutheißen." Aber Herr Salz, ich gelobe Ihnen, daß ich mich vollständig ändern werde."" „Beweisen Sie das erst durch die That; es wäre das zu Ihrem eigenen Besten." „„Und wenn ich Ihnen binnen Jahresfrist keinen Anlaß zur Beschwerde gebe?"" «So gebe ich Ihnen meine Tochter doch nichtl Aus eigenem Antriebe muß die Besserung erfolgen. Eine Besserung um bestimmter irdischer Zwecke willen hat keinen Werth." Herr Dr. Sebulon ging im Zorne von dannen; aber nicht allein er zürnte, auch Friederike zürnte ihrem Vater, den sie einen Tyrannen nannte. Zum ersten Male sollte sie ihren Willen nicht durchsetzen! Sie weinte, sie tobte, sie bat, sie flehte, und als sie sah, daß Alles vergebens war, da wurde sie krank vor Zorn und Wuth. Friedenke verstellte sich nicht, das lag ihrem Character fern; nein, sie wurde ernstlich krank. Da saß die Mutter vor ihrem Bette und weinte Tag und Nacht, und dem alten Vater rannen die Zähren über die Wangen. Der bewährte Hausarzt erklärte, nicht helfen zu können. — Mit schwerem Herzen entschloß sich Herr Salz, den Dr. Sebulon rufen zu lassen; dieser erschien, und Friederike erholte sich sichtlich. Nach wenigen Tagen war sie gesund. Jetzt beschwor die Mutter ihren Gatten, das Leben der Tochter nicht wieder zu gefährden. Herr Salz ließ seine wiedergenesene Tochter in sein Zimmer kommen. Hier erzählte er ihr in Liebe und Güte alles Nachtheilige, was er von Dr. Sebulon wußte; allein Friederike blieb halsstarrig bei ihrem Entschlüsse. „Nun gut," sagte endlich Herr Salz, „du magst ihn heirathen; ich flnche dir nicht und gebe dir eine bedeutende Mitgift; aber mein Kind bist du nicht mehr von dem Tage an, da du Frau Dr. Sebulon heißest. Ich sowohl wie deine Mutter, wir werden Beide dein Hochzeitsfeft nicht mitfeiern. Nun wähle zwischen uns und chm." Wie wir gesehen haben, hat Friederike gewählt; aber auch Herr Salz hat sein Wort gehalten. An der Hochzeitstafel jubelten Hunderte fröhlicher Gäste; allein die Eltern der Braut jubelten nicht mit ihnen. Bis zum andern Morgen drehten sich im Ballsaale die Hochzeilsgäste im Tanze, während Herr und Frau Salz einsam zu Hause saßen und weinten. Ihr Haus war wieder vereinsamt wie vor der Tochter Geburt; aber damals war ihre Zuftredenheit kaum durch unbefriedigte Wünsche gestört — und jetzt? Wie wenig kann doch der Mensch beurtheilen, was ihm zum Guten gereicht, was nicht. Daher wünscht stets der Jude dem Freunde: „Gott erfülle die Wünsche deines Herzens zum Guten!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. < Verantwortliche Redaction: 0r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf- Schnellpressendruck vonf I. Gatts leben in Mainz., r