Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1867)
- Date
- 1867-11-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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773 an die Anwesenden richtete, unter Anderm hervorhob, daß er eS als ein Privilegium des Obersten des Ma aistrats halte, hier in dieser Versammlung gegenwärtig zu sein. Es wäre von ihm ungerecht, wenn er nicht öffentlich aus spreche, daß die Juden vortreffliche Bürger sind. Sie unterhalten ihre Institutionen, Wenn dies auch mit großen Kosten verbunden ist; sie füllen die ihnen anvertrauten Stellen mit Ehren aus. Als Kaufleute, Finanzmänner, als Männer der Wissenschaft und in gesellschaftlichen Kreisen sind sie ihren Mitbürgern ebenbürtig. (Jew. Chron.) Afrika. Tunis. Einer Correspondenz des „Libanon" entnehmen wir, daß die Juden in diesem Lande sich immer noch nicht des persönlichen Schutzes von Seiten der Regierung zu erfreuen haben. Durch die fortwährend ausbrechenden Empörungen wird das Ansehen der Regierung immer mehr geschwächt, und ist es darum nicht zu verwundern, wenn die Zügellosigkeit der Räuber und Wegelagerer überhand nimmt. Bei allen diesen Unordnungen haben besonders die Juden zu leiden. Sie werden auf dem Wege überfallen, ihrer Habe beraubt und sehr oft umgebracht. Feuilleton Die Verlassene. i. Der große israelitische Tempel zu P. ist festlich beleuchtet. Wiewohl in der eisten Nachmittagsstunde die Sonne hoch am Hi.umel steht, so h^t mau doch dadurch, daß man sämmtliche Vorhänge sorgfältig zugezogen, eine fast magische Wirkung der zahlreichen Gasflammen ermöglicht. Teppiche bedecken den Fußboden, und Blumen zieren die Gallerten. Vor dem Gebäude halten zahlreiche Equipagen, deren Kutscher ebenso wie die reichgallonirten Bedienten große Blumensträuße in den Knopflöchern zur Schau tragen. Drinnen tönen die Klänge einer mächtigen Orgel, den Gesang eines wohlgeschulten Chores tragend und begleitend. Vor der heiligen Lade steht der Rabbiner, das Brautpaar erwartend, denn es soll eine Trauung vollzogen werden. Die Räume des Hauses sind gefüllt bis auf den letzten Platz. Jetzt öffnet sich weit das Thor; Synagogendiener im schwarzen Ornat, das seidene Talith auf den Schultern, ziehen daher, Fackeln tragend; ihnen folgt der Bräutigam, geleitet von Freunden und Verwandten. Aller Augen sind auf ihn gerichtet. „Welch* ein schöner Mann!" flüsterte eine junge Dame der älteren Nachbarin zu. „Mais il a trop v6cu!“*) antwortet diese, und das blaffe, ziemlich blasirte, obgleich intelligente Gesicht des Bräutigams scheint die Wahrheit dieses llrtheils zu bestätigen. Nachdem der Bräutigam sich dem Rabbiner gegenüber unter den Baldachin des Trauhimmels gestellt hat, öffnet sich wiederum die Thüre des Tempels; wiederum erscheinen die Fackelträger, denen diesmal die Braut folgt, von vielen weißgekleideten Jungfrauen umgeben. „Hat die Braut keine Mntter mehr?" fragt die junge Dame, die vorhin den Bräutigam bewundert hatte, ihre Nachbarin. „„Sie hat Vater und Mutter; allein diese haben nicht in die Heirath mit dem vr. Sebulon gewilligt und bleiben deßhalb der Hochzeit fern. Auch sind die Elte n streng orthodox und besuchen die Reformsynagoge nicht. Der Bräutigam ist als Rouö verrufen, und die Eltern wollten durchaus diese Heirath nicht dulden; allein das einzige Töchterchen hat seinen Willen durchgesetzt. Doch still, die Orgel schweigt, und der Prediger beginnt."" Und der Prediger begann. Hast Du schon einmal einen jüdischen Reformprediger predigen hören, lieber Leser? O, der hat nichts als süße Worte, die er genau denen anpaßt, zu denen er spricht. Kein Wort der Mahnung, keines des Tadels, keine leise Andeutung mißliebiger Verhältniffe. keine Erinnerung an Gottes Gebot — nur süße, süße Schmerchelworte, wie sie der Mensch gern hört. Der Prediger sprach von der Intelligenz des Bräutigams, von deffen heiligem Berus als Arzt, von der Energie der Braut, die sich trotz aller Hindernisse freigemacht von hemmenden, drückenden Vorurtheilen, von der Achtung, die der oormthellöfreie Jude bei intelligenten Andersgläubigen findet, von der Pflicht des Weibes, sich zu der geistigen Höhe des Mannes emporzuarbeiten. Dann legte er seine Hände auf das Brautpaar und segnete es. Der Bräutigam steckte den Trauring an den Finger der Braut und sprach die entscheidenden Worte. Jetzt war sie sein Weib, geknüpft mit festen Banden an den Erkorenen, mit Banden, die nur der Tod oder der Scheidebrief lösen kann! Wer hätte in diesem Augenblicke des Glücks und des Jubels gedacht, daß Friederike Salz, so hieß die Braut, dereinst mit Sehnsucht auf die sichere Kunde vom ersten oder auf die Erlangung des zweiten warten würde? Friederike Salz war die einzige Tochter des reichen P.'r Großhändlers Rabbi Simon Salz. Zwanzig Jahre war Rabbi Simon verheirathet gewesen, als ihm seine Gattin — die Eheleute hatten kaum noch auf Kindersegen gehofft — diese Tochter gebar. *) Aber, er hat zuviel gelebt'.