Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1867)
- Date
- 1867-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447291-2447335--05600-2461115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
771 christlichen und israelitischen Gemeinderäthe aus Anlaß der in der Reichsrathsdebatte in Angelegenheit der Sara Radamska wider den Statthalter von Galizien, Grafen Goluchowski von einigen Abgeordneten gefallenen ungünstigen Aeußerungen einstimmig beschlossen, dem Grafen Goluchowski zum Zeichen des vollsten Vertrauens zu seiner Person das Ehrenbürgerrecht der Stadt zu ertheilen. Wien. Der Kaiser von Oesterreich hat einen Juden zum Kammerherrn ernannt. Es ist dies Herr Juda Klazko aus Wilna. Derselbe ist ein großer Gelehrter, wohnt seit 18 Jahren in Paris und ist Secrelär beim Fürsten Tschartoriski. Er wird mit Nächstem nach Wien iibetftebeln unb feinen 2)iet:ft im faiferl, Kabinet antreten. (I. Ztg.) Lemberg, 24. Oct. Heute Vormittags bereits hat bei dem hiesigen Bezirksgerichte in Strafsachen die Schlußverhandlung wider die der Uebertretung des Diebstahls angeklagte Sara Radamska stattgefunden. Dem Publikum war der Tag der anberaumten Verhandlung nicht bekannt, daher dasselbe trotz der Bedeutung des Straffalles im Gerichtssaale gar nicht vertreten war und so die Verhandlung äe facto den Charakter einer geheimen hatte. Von den Parteien erschienen die Angeklagte und deren als Ankläger fungirender Baler persönlich, und zwar beide ohne Beihilfe eines Rechtsfreundes. Die Angeklagte gab die ihr zur Last gelegten strafbaren Handlungen zu, entschuldigte jedoch solche theils damit, daß sie die entwendeten Sachen als ein Eiaenthum ihrer verstorbenen Mutter angesehen habe, theils aber damit, daß sie hiedurch auf den Vater bloS eine Pression ausüben wollte, um denselben zur Ertheilung der Einwilligung in die Taufe zu bewegen. Der Richter ging indeß auf diese Entschuldigung nicht ein, erkannte die Jnculpatin der Uedertretung des Diebstahls schuldig und verurtheilte dieselbe zu zehntägigem Arreste. Beide Theile haben wider dieses Erkenntniß die Berufung angemeldet. Nach der Verhandlung begad sich die Jnculpatin in Begleitung eines von der Polizeidirection delegirten Commifsärs zurück in das Kloster der Benedictinerinnen. Die Verhandlung hatte manche ergreifende Scenen. Auch die gleichzeitig wider den Vater bei dem Civilgerichte als der Oberoormundschaftsbehörde wegen Mißbrauchs der väterlichen Gewalt eingeleitete Untersuchung ist bereits zum Abschluffe gediehen. Herr Nadamski wurde der väterlichen Gewalt verlustig erj Hart und für dessen Tochter ein Curator aufgestellt. Auch gegen diese Entscheidung ist von dem Vater die Berufung an das Oberlandesgericht ergriffen worden. Schütt -Szerdahely, Ende Tischri. Der Simchat-Thora ist nun vorüber. Ueberall wird dieser 'Tag mit Freuden gefeiert; ob aber in jeder Gemeinde mit so großer Feierlichkeit wie in der orthodoxen Gemeinde Szerdahely, kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten; in einer Gemeinde, in welcher in jedem Jahre das Studium des Talmud vollendet wird, indem das ganze Dn& an alle hiesigen n"n vertheilt, und je eine NrDDo von je einem n"n gründlich durchgelernt wird, wird gewiß das Gesetz riDv -jn n”m nach dem genauen Sinne des Wortes ausgeüdt. Sicher wird der freundliche Leser mit Vergnügen eine kleine Schilderung vernehmen, in welcher Art und Weise der erwähnte Freudentag in Gottgeweihter Stimmung verherrlicht wurde. Am Vorabend versammelten sich alle hiesigen Mitglieder der Gemeinde vor dem Hause des Herrn Oberrabbiners A. S. Aszud, um ihn in die Synagoge zu begleiten. Der Synagogenhof war mit Sampen hell beleuchtet; ungefähr 60 Talmudjünger führten den Herrn Oberrabbiner unter einem Baldachin, mit einem prächtigen Fackelzug, in die Synagoge. Einer seiner Schüler hatte ein Lied in hebräischer Sprache verfaßt, in welchem er die vortrefflichen Eigenschaften des ehrwürdigen Lehrers hervorhob und die hohe Bedeutung des Tages darlegte. Nach einer wohlklingenden Melodie wurde dieses Lied gesungen und deffen Refrain, „U'3-n «mo iJ’jm »rr U’Jmb mu Dm," wurde von allen Anwesenden wiederholt. Auch die hiesige Jugend schloß sich dem Zuge an, mit flatternden Fahnen und zierlich geschmückten Lampen. In der Synagoge angelangt, wurden alle gewöhnlichen Gebete gebetet, nachher die nspn nach alter Weise mit den dam üblichen rorpiwu nnw verrichtet; der Rückzug wurde ebenso feierlich veranstaltet, nur daß die Menge der Zuschauer sich dießmal um das Vierfache vermehrt hatte. Jedes der hiesigen Gemeinde-Mitglieder fand Freude und Vergnügen daran, daß dieser alte Minhag bewahrt und vollzogen wurde. Es war wahrhaft herzersreuend, zu sehen, wie man sich mit der Thora freute, uno deren würdigen Lehrer, unfern theuern Oberrabbinen, zu ehren und zu verherrlichen bemüht war. Oedenburg. Montag den 14. dieses Monats, Nachts, nach dem israelitischen ersten Lausthüttenfeste rotteten sich in Deutsch-Kreuz, im Oedenburger Komitat, mehrere Bauernbursche zusammen und machten in der dortigen Judengaffe argen Lärm und Spektakel, der soweit ausartete, daß sie Fenster einwarfen, Jalousien Herausriffen und mehrere Israeliten, die dem Unfuge steuern wollten, thätlich und schwer mißhandelten, und sogar höchst gefährliche Drohungen gegen mehrere bemittelte Familien und namentlich gegen den in der Gemeinde allgemein geschätzten, geachteten und gelehrten alten Rabbiner laut werden ließen. Der erste Exceß begann schon um 11 Uhr, worauf die Excedenten sich zerstreuten, aber wieder gegen 2 Uhr Nachts auf's Neue ihren vandalischen Umzug hielten und dabei alle Fenster des alten Rabbiners