Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1867)
- Date
- 1867-10-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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756 All daS Herrliche und Gute, was Gott ihr hatte zu Lheil «erden lasten, schien ihr gering im Vergleich rnit der Wvhlthat, daß sie den Pater, daß sie solch einen Vater wiedergesunden. Wie sich leicht denken läßt, nahm die ganze Stadt den regsten Antheil an diesem srohen Ereignisse; die Kunde flog von Mund zu Mund und erreichte bald das Schloß des Fürsten. Schon Sonntags fuhren der Fürst und die Fürstin nach Wilna, um Esther zu beglückwünschen und deren Vater kennen zu lernen. Der Fürst unterhielt sich lange mit Rabbi Sabbathai und lud ihn ein, ihn im Schlöffe zu besuchen; er ließ flch von dem hochgelehrten Manne über Juden und Judenthum belehren, und diese Belehrungen trugen nicht wenig zur Klärung seiner Ansichten bei; was der Tochter nur halb gelungen war, das gelang dem Vater vollständig: Fürst Radzivil ward ein Freund und Wohlthäter der Juden so lange er lebte und vererbte diese Gesinnungen auf seine Nachkommen. Rabbi Menachem übernahm es sogleich, die Kosten der Drucklegung der x, Werke seines Schwiegervaters zu bestreiten. Mit der Ordnung der Manuskripte vergingen die nächsten Wochen. — Während dieser Zeit war Rabbi Sabbalhai mit seiner Tochter, dem Wunsche des Fürsten entsprechend, öfters im Schlöffe. Eines Tages machte ihnen der Fürst die Mittheilung, daß der Räuberhauptmann Wratislaw eingefangen und verurtheilt sei, aufs Rad geflochten zu werden. Sowohl Rabbi Sabbathai wie Esther bemühten sich, Gnade für ihn zu erlangen; ihren vereinten Bitten gab der Fürst nach und ermächtigte Rabbi Sabbalhai, dem Räuber die frohe Botschaft zu überbringen. Trotzig und ungebrochen saß Wratislaw im Gesängniffe; er hatte die Priester seiner Religion zurückgewiesen. Da nahte ihm der Gespiele seiner Kindheit mit Worten der Milde und des Erbarmens. Und siehe, unter dem sanften und herzlichen Zuspruche Rabbi Sabbathai's schmolz die harte Rinde seines Herzens: der gefürchtete Räuberhauptmann fing an, seine Unthaten zu bereuen und zu bedauern, daß die bevorstehende Hinrichtung ihm nicht vergönne, durch Thaten seine Befferung zu bewähren. Da verkündete ihm der Rabbi die Gnade des Fürsten. Wratislaw's Freude war grenzenlos; er küßte dem Rabbi die Füße und versprach ihm hoch und heilig, seiner Fürbitte Ehre zu machen. Er verlangte, als Krieger in das Heer des Königs einzutreten; seinem Wunsche wurde entsprochen. Durch Tapferkeit und Todesverachtung sich hervorthuend, erlangte Wratislaw bald eine hohe Stellung im Heere, bis er am 11. November 1673 in der siegreichen Schlacht am Dniester, in welcher Johann Sobieski die Türken schlug, fiel, und so durch seinen ehrenvollen Tod das verbrecherische Leben seiner- Jugend sühnte. Doch kehren wir zu Rabbi Sabbathai und de« Seinen zurück. Sowohl R. Menachem wie Esther bemühten sich, den Vater zu überredeu, bei ihnen in Wilna zu bleiben. Rabbi Menackiem wollte selbst nach Hollischau reisen, um die Frau seines Schwiegervaters nebst ihrem Sohns nach Wilna zu holen. Allein Rabbi Sabbalhai wies dieses Anerbieten zurück; er wollte in den Tagen des Glücks die Gemeinde nicht verlasse«,, die ihn in den Tagen des Elends so liebreich ausgenommen. Ach, er fühlte, daß seine Tage gezählt waren. Leiden und Kummer und übermenschlicher Fleiß hatten an seinem Lebensmarke gezehrt. Rabbi Sabbalhai sollte jung sterben, er sollte nur ein Alter vou 42 Jahren erreichen; aber in dieser kurzen Lebenszeit hat er mehr geleistet, denn Millionen, denen es vergönnt war, die doppelte Zahl seiner Jahre zu leben; er ist der Lehrer von ganz Israel geworden, und sein Name wird unvergeffen bleiben. Rabbi Sabbathai sollte die Freude nicht erleben, seinen Commentar auf den Choschen Mischpat im Drucke vollendet zu sehen. Erst nach seinem Tode erschien dies große Werk, welches das Staunen und die Bewunderung aller Derer erregt, die darin forschen. Die Wittwe des großen Mannes zog mit ihrem Sohne nach Wilna, wo sie im Hause Rabbi Menachem'S die freundlichste Aufnahme fand. Rabbi Menachew erzog seinen Schwager — Msir hieß er, nach seinem Großvater — wie seinen eigenen Sohn. Auch Rabbi Me'r'r ward ein großer Mann in Israel, der zu einem Werke seines Vaters, Nekuddoth Keßeph, gelehrte Anmerkungen schrieb. Rabbi Menachem und Esther erreichten ein hohes Alter und erlebten Freude an Kindern, Enkeln und Urenkeln. Das schöne Verhältniß zwischen der Königstochter und der Judenfrau dauerte fort bis an Beider Lebensende. Die Nachkommen des „Schach" gehören noch heute zu den achtbarsten Männern von Polen und Litthauen. Die Nachkommen Rabbi Wolf Wilners, des in dev vorstehenden Geschichte mehrfach erwähnten Schwiegervaters des „Schach" und Enkels des „Rema," leben gegenwärtig in Deutschland und Frankreich; sie führen den Familiennamen „Halle"; einer von ihnen, Rabbi. Henoch von Halle, wird im „Kreti und Pleti," dem berühmten Werke des Rabbi Jonathan Eibeschütz, erwähnt. Mitglieder dieser Familie „Halle" wohnen gegenwärtig in Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M., Frankfurt a. d. Oder, Breslau, Straßburg, Paris und Alt-Breisach in Baden. — Hierzu 2 Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellvressendruck von I. Gott8leben in Mainz.