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Der Israelit · 1867-10-23 · Heft 43 (23.10.1867) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 43 (23.10.1867)
Date
1867-10-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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736 Er machte sich auf den Weg und kam nach Wilna; als es dort bekannt wurde, daß der „ Schach " angekommen sei, lief ganz Wilna zusammen, um den großen Mann zn sehen. Rabbi Menachem erbat sich die Ehre, ihn beherbergen zu dürfen, und die Rabbinen und Vorsteher beeilten sich, Rabbi Sabbathai zu ersuchen, am kommenden Sabbat einen Vortrag Ln der Synagoge zu hatten. Die große Synagoge von Wilna war gedrängt voll. Die Männer waren gekommen, um zu lernen, die Frauen um zu hören, und die Kinder hatten die Ettern mit sich gebracht, damit sie angeeifert werden zum „Lernen," wenn sie sehen die Ebre der Gottcslehre. Nach einigen einleitenden Worten der Mahnung ging Rabbi Sabbathai zu der schwierigen Stelle im Tractat Baba Mezia „Tokpho Cohen" über, die er in ganz neuem Lichte erscheinen ließ und so wundervoll beleuchtete, daß alle Schwierigkeiten schwanden, alle Widersprüche gelöst, alle Fragen beantwortet wurden. Eine Begeisterung überkam die Versammlung, die grenzenlos war. In der Frauensynagoge aber stand Esther, fast geisterhaft herniederblickend; wir Auge und Ohr hing sie an den Lippen des Rabbi; solche Laute hatte sie nicht vernommen seit den Tagen der frühesten Kindheit. War das nicht des Vaters Stimme wie damals, da er in Prinsk neben ihrem Bettchen saß und im Talmud forschte? Gewaltsam drängte ne den aufsteigenden Gedanken zurück; sollte ihr das höchste Eraenglück beschieden sein, iollte sie den geliebten, so ott und vergeblich herbeigesehnten Vater wiedersinden? Und noch dazu solch einen Vater, den größten Mann in Israel? O, es wäre des Glückes zuviel! und woran sollte sie den Vater erkennen? Esther suchte sich zu fasten. „Es ist nichts," sagte sie, „nichts als Täuschung. Wer weiß, ob mein Vater noch lebt, ob er dem Mordstvwerdr der Kosacken entronnen!" — Ler Gottesdienst war zu Ende; im Triumph wurde Rabbi Sabbathai in Rabbi Menachems Haus geführt; man bemühte sich, den Saum des Gewandes zu erhaschen und zu küsten, das der große Rabbi trug. Im Hause Rabbi Menachem's ver^mu.ettcu sich die gelehrtesten und angesehensten Männer, dem „Schach" zu Ehren. Ein Jeder schätzte sw: glücklich, den Vortrag des großen Mannes gehört zu haben. Esther ließ Kuchen und Wein umhertragen. Man verschmähte nach dem gcisügen Genuste den körperlichen n.cht; die Stimmung ward bald eine heitere. Rabbi Menachem erhob sein Glas und leerte es auf das Wohl des hochgeehrten Gastes. Dann brachte der Oberrabbiner von Wilna ein Toast auf das Wobl des hochherzigen Hausherrn, „des Königs Eidam " „War bedeutet dieser Beiname?" fragte,Rabbi Sabbathüi. Das wißt Ihr nicht, Rabbi?* war die verwunderte Gegenfrage. „Wisset," nahm einer der Anwesenden das Wort, „Rabbi Menachem's Weib ist die Pflegetochter des Königs, die an des Königs Hofe erzogen wordett und gleich Daniel keine unjüdische Kost genosten hat." „Die fromme Esther," sagte ein Anderer, „die Freundin der Prinzessin Maria " „Die die Kehilla gerettet hat vom Verderben!" rief ein Dritter dazwischen. „Die in des Königs Kutsche fahrt mit König und Königin, und doch eine gute Jüdin bleibt!" fügte ein Vierter hinzu. Rabbi Sabbathai war blaß geworden; er zitterte heftig. Aber," brachte er endlich mühsam hervor, „jene- Esther ist ja verbrannt beim Brande des Jagdschloßes! „Nein," rief es von allen Seiten, „sie ist nicht verbrannt! Da ist st? ja!" Im selben Augenblicke trat Esther herein, mit Tellern und Flaschen, mit Wein und Kuchen beladen. „Mein Kind," redete sie Rabbi Sabbathai an, „ehe Ihr zum Könige kamt, wo wart Ihr da?" „ Der König," entgecnete Esther, „ hat mich für todt im Walde gefunden, wohin mich mein Vater auf der Flucht vor den Kosacken gebracht hatte!" Da breitete Rubbi Sabbathai seine Arme aus und rief: „Meine Tochter! meine Esther! Ja, Du btst'L das Ebenbild meiner Mirjam!" „Also doch!" rief Esther, „ich habe Euch erkannt Vater! War's nicht „Tockpho Cohen," das Ihr an meinem Bettchen lerntet?" „jJa, das war's! o, meine so lang und heißersehnte Tochter!" Und sie sprachen Nichts mehr, und sie hielten sich umschlungen, der wiedergefundene Vater und die wiedergefundene Tochter, und sie weinten eins am Halse des andern, Rabbi Sabbatbai gar sehr. Es war eine erschütternde, herzergreifende Scene. Allen Anwesenden standen die Thränen in den Augen; Jedermann warte kaum zu arhmen, bis sich die Umarmung der Wiedervereinigten löste. Dann ergriff Rabbi Menackem des Schwiegervaters Hand, küßte sie und sprach: „Jetzt bin ich in der Tbat des Königs Eidam, denn mein Schwiegervater ist der „Schach," ein König im Gebiete des Geistes, ein König in der Gotteslehre." (Schluß folgt.) Hierzu 2 Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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