Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 41-42 (10.10.1867)
- Date
- 1867-10-10
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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714 „„Nehmen Sie das Gevatterschaft nicht, lassen Sie eS irgend einen Andern nehmen. Aber nun lassen Cie mich gehen!"" fprach's, schob das Männlein bei Seile und gewann die Thüre. Aber das graue Männlein hatte die Schöße meines Fracks erwischt. „Herr Rabbiner," schrie es, „nur ein Wort noch! der Name! sollen wir das Kind Moscheh nennen nach seinem Großvater, wie wir das verstorbene Kind haben nennen wollen?" Ich mußte stehen bleiben; er hätte mir die Schoße vom Frack gerissen. „„Setzen Sie,"" rief ich, indem ich meine Frackschöße aus seinen Händen löste und rasch die Treppe hinuntersprang, „„noch einen Namen vor: Benzion, Gawriel, Lob, Wolf, Bär, Hirsch re."" Ries's und sprang in die Droschke. „Nack dem Bahnhof, Kutscher, doppeltes Fahrgeld, wenn ich den Zug noch erreiche!" Aber noch ist der Kutscher nicht fort, da ist auch schon das graue Männlein da und ruft: „Was bin ich schuldig, Herr Rabbiner, was kost'ts?" „Nichts!" rufe ich ihm zu, und fort rollt der Wagen und die Funken sprühen, während die Hufe der Pferde das Steinpfiaster schlagen. Zn wenigen Minuten bin ich am Babnhose, stürze am Billetschalter vorüber, mit der Absicht, im Wagen nachzuzahlen, da trifft gellend das Pfeifen der Locomotive mein Ohr, vor meinen Augen fährt der Zug dahin, in seinem Innern die beiden Borsteher bergend. Was wird der Minister von mir denken, wenn ick bei der Audienz fehlen werde, und ich sollte doch der Sprecher sein! Bor 44 Uhr gebt kein Zug mehr, soll ich um 44 Uhr noch nachfahren? doch was kann das nützen? Da klopft mir Jemand aus die Schulter; und stehe, die beiden Vorsteher sind's, die ohne mich nicht hatten abfahren wollen. Ich erzählte mein komisches Abenteuer, und trotz des Krimmers um die versäumte Audienz wurde cs herzlich belacht. Wir beschlossen nun um 44 Uhr abzureisen. Als wir zur bestimmten Stunde an den Bahnhof kamen, fanden wir Alles in der größten Bestürzung. Es hatte sich ein furchtbares Unglück zugetragcn; der Schnellzug, dessen Abgang wir versäumt hatten, war auf einen Güterzug gestoßen; die Wagen waren zertrümmert, mehrere Menschen waren gelödtet, viele verwundet worden. So barte denn das graue Männlein die Wahrheit gesprochen; es hatte sich um Menschenleben gehandelt. und wir drei verdankten ihm vielleicht Gesundheit und Leben. Gar wunderbar sind die Wege der Vorsehung. Der Minister ertbeilte uns zu einer späteren Stunde Audienz; er batte befürchtet, daß wir in jenem verunglückten Zuge gesessen und hörte leutselig die Erzählung der Ursache, warum wir den Abgang desselben versäumt batten, an. Er war sehr gnädig und erledigte die Angelegenheit, um die es sich bandelte, nach unserm Wunsch. Ein ganzes Jahr war vergangen; ich hatte das graue Männlein nicht wieder gesehen; da ersucht mich ein Mann ans meinem Distrikt, feine Trauung in H . . . heim, am Wohnorte seiner Braut, zu vollziehen, da in dem dortigen Distrikte gerade kein Rabbiner fungire, indem die Stelle erledigt sei. Das Fuhrwerk des Brautvaters holt mich von der Eisenbahnstation ab, um mich nack H . . . heim zu bringen. Vor dem Orie ist die ganze Israel. Gemeinde zu meinem Empfange versammelt, und au der Spitze derselben steht . . . mein graues Männlein. Als es mich sieht, ergreift es meine Hand und führt sie an seine Lippen. „Kinder," redete er dann die versammelten Glaubensgenossen an, „das ist der ehrwürdige Mann, der meinem Enkel das Leben gerettet und Nichts dafür bezahlt genommen hat!" Dann winkt er einem jungen Weibe, das einen kräftigen, pausbäckigen Jungen mir in den Wagen hincinbält. „Sehen Sie, Herr Rabbiner, das ist mein Enkelkind, das ist der kleine, liebe, goldige Benzion Gawriel Lob Wolf Bar Hirsch Moscheh!" „„Aber,"" fragte ich ganz erstaunt, „„warum haben Sie dem Kinde so viele Namen gegeben?"" „Das haben Sie ja selbst so angeordnet! O, ich habe ein gutes Gedächtnis:; ich weiß Ihre Predigt von Schabbeß Schuwoh noch heute auswendig." Ich erinnerte mich jetzt; die Namen, die ich ihm zur belieb'gen Auswahl genannt, er hatte sie sich alle gemerkt und sie allesammt dem ursprünglich beabsichtigten Namen „Moscheh" vorgesetzt. An diesem Tage hatte ich mehr Muße, dem grauen Männlein zuzuhören; auch meine Trauungörede entzückte ibn, und er wiederholte sie später fast wörtlich. Er begleitete mick nach der Eisenbahnstation zurück und erzählte noch viel von seinen Erlebnissen zu Wasser und zu Lande. Sein Enkelkind gedeiht recht sehr; die Eltern und die Andern nennen das Kind nurBenzivn; aber der Großvater ruft es nie anders als mit allen seinen Namen: Benzion Gawriel Löb Wolf Bär Hirsch Moscheh. Wenn der Knabe einmal Barmizwoh ist und zur Thora gerufen wird, so wird er gewiß Aufsehen erregen überall, nur nicht in jenen Synagogen, in denen die Andächtigen nicht bei Namen, sondern der Nummer nach gerufen werden. Redacrion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Rour'fchen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von Z. Gottsleüen in Mainz.