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Der Israelit · 1867-10-10 · Heft 41-42 (10.10.1867) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 41-42 (10.10.1867)
Date
1867-10-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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713 ein graues Männlein, grau vom Kopfe bis zu den Füßen; in der Hand einen grauen Hut drehend, stand er da mit grauem Haupthaar, grauem Bart, grauem Rock, grauer Weste, grauen Beinkleidern. Ich hieß ihn sich setzen und fragte, wie und in welcher Weise ich ein Menschenleben retten solle. „Herr Doctor," fragte der Fremde, „kennen Sie mich nicht?" „„Ich habe nicht die Ehre."" „Wie, Sie kennen mich nicht? Haben Sie mich nicht voriges Jahr am Schabbes-Schuwo in der Synagoge gesehen? „„Ich erinnere mich nicht."" „Sie erinnern sich meiner nicht? Aber ich, ich erinnere mich Ihrer. Sie haben damals gepredigt; ich weiß noch Ihren Text: Adoschem, Adoschem, El, Rachum . . . „„Aber lieber Freund, Sie wollen mir ja sagen, wie ich ein Menschenleben retten .... „Gewiß; gleich werde ich es sagen. Aber Sie haben so schön gepredigt, so herzangreifend; die Thränen kamen mir in die Augen und zu Hause in H .... heim habe ich die ganze Predigt wiedererzählt, Wort für Wort. Q, ich habe ein sehr gutes Gedächtniß. Soll ich sie Ihnen einmal sagen, Ihre ganze Predigt von damals?" „„Lieber Freund, meine Frau hat Ihnen schon gesagt, daß ich im Begriffe stehe, zu verreisen. Rur weil Sie sagten, daß ein Menschenleben auf dem Spiele steht . . . ."" „Ja, Sie haben Recht; ich werde Sie nur so lange aufhalten als nöthig ist; aber Ihre Predigt von damals war gar zu schön." „„Ich werde Sie stehen lassen und fortgehen, wenn Sie nicht augenblicklich . . . ." „Sie wollen fortgehen, da Sie ein Menschenleben retten können, und das sagen Sie, Herr Rabbiner?" „„Nun, so sagen Sie mir doch endlich, um was es sich handelt und lassen Sie meine damalige Predigt aus dem Spiel."" „Ja, die gehört aber dazu; ich wollte Ihnen nur sagen, daß mir Ihre Predigt von damals so großes Vertrauen eingeflößt hat, daß ich mich deßhalb an Sie wende, wiewohl Sie nicht mein Rabbiner sind; doch hören Sie: Ich bin seit 36 Jahren glücklich verheiratet, das heißt ich war glücklich verheirathet, bis mir vor 6 Jahren meine Frau, oleho hascholaum, starb. O, Herr Rabbiner, das war eine Frau, so brav, so fromm, so gut, eine ischoh chaschuwoh wie's keine gibt .... Ich hatte unterdessen nach der Uhr gesehen und zu meinem Schrecken wahrgenommen, daß die Zeit weit vorgerückt war; ich stand deßhalb auf, um nach der Thüre zu gehen; aber das graue Männlein sprang erschreckt auf und hielt die Thüre zu. „Herr Doctor, Sie dürfen nicht fort, bedenken Sie, ein Menschenleben!" „„Aber so kommen Sie doch endlich zum Ziele; was kümmert mich Ihre todte Frau? der kann ich doch das Leben nicht retten!"" „Nein, nein, das sollen Sie auch nicht, aber einem lebenden Wesen. Aber Sie müssen mich anhören, wenn Sie nicht Alles genau wissen ..." „„Nun, so fassen Sie Sich kurz!"" „Also meine gute, brave Frau, die starb vor sechs Jahren. Meine Söhne sind in Amerika; der Eine wohnt in New-Aork, der Andere in Louisville, der Dritte in Mobile — der hat was erleben müssen während des Krieges! doch, ich will Sie nicht aufhalten. Meine Tochter ist in N—stein verheirathet, gut verheirathet, sage ich Ihnen. Meine Tochter wollte, ich sollte bei ihr bleiben, allein die Sohne ruhten nicht, ich sollte nach Amerika kommen in meinen alten Tagen. Nun, meine Söhne sind reiche Leute; ich gab ihnen nach undreiste nach Amerika. Die Rttse habe ich gut vertragen." „„Herr!"" brauste ich auf, „„wollen Sie mir gleich sagen, was Sie eigentlich von mir wollen?"" „Lieber Herr Rabbiner, Sie müssen Alles wissen, und wenn Sie böse werden, so werden Sie das gefahrbedrohte Menschenleben nicht retten können!" Der Mann sprach so tief bekümmert, so überzeugt und von der Wahrheit seiner Ansicht durchdrungen, daß ich mich ruhig und ergeben wieder niedersetzte. Indem öffnete meine Frau die Thüre und rief: „Lieber Mann, Du mußt gehen, es ist die höchste Zeit!" „„Laß mir eine Droschke holen, dann habe ich noch etwas länger Zeit."" „Also," fuhr mein graues Männlein in seiner Erzählung fort, „ich reiste nach Amerika; ich habe auf dem Schiff die Lewono mekaddesch gewesen — doch ich will Sie nicht aufhalten, ich sehe, Sie haben Eile. In Amerika hat's mir nicht gefallen, ich erzähle Ihnen ein andermal warum. Ich kehrte also nach Deutschland zurück; damals habe ich Ihre schöne Predigt gehört." „„Schon wieder die Predigt.'"" rief ich ärgerlich. „Geduld, ich bin gleich fertig. Als ich zurückkam, gebar meine Tochter einen Sohn, und mein Schwiegersohn verehrte mir das Gevatterschaft, mit seiner Mutter zusammen, die auch (!) Wittwe ist. Der Briß- Miloh-Tag kam, die Kuchen waren gebacken, Wechorauß war gesungen, der Mauhel war bereit, da bekömmt das Kind die Gichter und stirbt." „„Traurig,"" sagte ich, als das Männlein betrübt schwieg, „„aber was kann ich dazu thun?"" „Hören Sie nur weiter. Meine Tochter hat vorige Woche wieder ein Söhnchen bekommen, morgen soll die Briß-Miloh sein. Darf ich die Gevatterschaft nehmen oder wird das Kind wieder sterben, wenn ich's Gevatterschaft nehme? O, retten Sie meinem Enkel das Leben, Herr Rabbiner!"

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