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Der Israelit · 1867-10-10 · Heft 41-42 (10.10.1867) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 41-42 (10.10.1867)
Date
1867-10-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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706 um ihre Stirne gewunden hatte. Rabbi Menachem führte die saubergekleideten, bildschönen Kinder herbei, und die Prinzessin nahm sie auf den Schooß und herzte und küßte sie. Bald erschienen die Rabbinen und Vorsteher, sich bis zur Erde vor ihrem gestrengen Oberherrn verneigend. „ Ich habe Euch herberufen lassen," sagte der Fürst, „um Euch zu fragen, ob die Contribution, die ich der israelitischen Gemeinde aufgelegt habe, in Bereitschaft ist." „„Durchlaucht,"" sprach demüthig der Oberrabbiner, „„wir können die Summe nicht auftreiben ohne allesammt zu Bettlern zu werden."" „Und wem gehört denn Eure Habe? Wem anders als Eurem Fürsten und Herrn?" „„Wir wiffen es,"" entgegnete der Rabbi, „„wir stehen in Eurer Durchlaucht Macht; wir wenden uns einzig an Dero fürstliche Gnade. Erlassen uns Eure Durchlaucht die Hälfte; die andere Hälfte aufzubringen wird uns schwer genug werden."" „Nicht einen Pfennig erlasse ich Euch. Ihr habt binnen vier Wochen die ganze Summe an die Frau Menachem^s zu zahlen. Dieser schenke ich das Geld, weil sie die Jugendfreundin meiner Gemahlin ist und ihr einst das Leben gerettet hat." „Und meine Frau," nahm Rabbi Menachem das Wort, „nimmt dieses fürstliche Geschenk dankbar an, aber nur, um mit Seiner Durchlaucht Erlaubniß mit dieser Summe der jüdischen Gemeinde zu Wilna ihre Dankbarkeit zu beweisen, dafür, daß man sie einst ausgelöst hat, da sie von Räubern gefangen gehalten wurde." Als der erste Vorsteher, welcher sich einst der Auslösung Esthers widersetzt halte, Rabbi Menachem so sprechen hörte, schlug er beschämt die Augen nieder. „Esther," sprach der Fürst, „kann mit dem Gelde schalten und walten, wie es ihr beliebt." „Gehet hin," fuhr er zu den Rabbinen und Vorstehern gewendet fort, „und bringet den Euren die Freudenbotschaft." Und sie küßten allesammt dem Fürsten die Hand; dann entfernten sie sich eilig. Bald hörte man den Jubelruf der vor dem Hause versammelten Menge ertönen. Die Synagogen füllten sich, und Davids Gesänge erschallten als Loblieder dem Befreier aus der Roth, dem allgütigen Vater im Himmel. Aber fast noch mehr als die Befreiung aus der Roth erregte die Kunde von Esthers wunderbaren Geschicken die freudigste Aufregung. Das war also jene Esther, von der ganz Polen sprach, des Königs Pflegetochter; und noch mehr, sie war der königlichen Huld heimlich entflohen, um ihrem Glauben treu bleiben zu können! Alles drängte sich herbei, sie zu sehen. Wo sie erschien, da riesen lausend Zungen: „Das ist des Königs Pflegetochter, die fromme Esther!" — Auch auf ihren Galten fiel ein Theil ihrer Glorie; man nannte ihn fortan nur: „des Königs Eidam." Von da an und weiter kamen Esther und Maria häufig zusammen. Auch vom Könige und der Königin kamen reiche Geschenke von Krakau für die noch unvergessene Esther; Beide konnten nicht umhin, den Heldenmuth und die Characterfestigkeit der Jüdin anzuerkennen. — Für Rabbi Menachem erwuchs aus den vornehmen Bekanntschaften seiner Frau der größte'Vortheil; er wurde vom Fürsten Radziwil mit der Verwaltung von desten großem Vermögen beauftragt; er mußte die Gelder herbeifchaffen, die der König zum Schwedenkriege brauchte; binnen kurzer Zeit ward Rabbi Menachem der erste und angesehenste Kaufmann in ganz Polen und Litthauen. Dabei blieb er demüthig und bescheiden und vernachlässigte das Thorastudium nicht. Nach wie vor blieben die Armen seine Hausgenosien. Auch Esther ward nicht stolz ob der Freundschaft, die ihr die Großen des Landes bezeugten. Allwöchentlich verbrachte sie einen Tag auf dem Schlosse des Fürsten in der Gesellschaft Maria's. Als im darauffolgenden Sommer König und Königin zum Besuche der Tochter kamen, da fuhr Esther manchmal mit den Majestäten und der Prinzessin im offenen Wagen spazieren unter dem jubelnden Beifallsrufen der begeisterten Menge. Trotz vielfacher Zureden legte jedoch Esther ihre jüdische Tracht nicht wieder ab; sie wollte nicht mehr sein als ihre Glaubensschwestern alle; dabei hatte sie die Genugthuung, daß ihre vornehmen Bekannten bei wichtigen Anläffen sie zu Rathe zogen, daß man ihren Aussprüchen wie Orakelsprüchen lauschte; denn unter Efther's Perlenbinde entsprang der tiefe, weise Gedanke, während unter der eleganten Coiffüre so mancher Hofdame nur eitles Hirngespinnste wohnte. Oftmals kam auch die Prinzessin in die Stadt, um sich an Esther's glücklicher Häuslichkeit zu erfreuen und ihre Kinder zu liebkosen. Als nun aber gar der König und die Königin Esther in ihrem Hause besuchten, da hieß cs in der ganzen Stadt: „Des Königs Eidam empfängt heute seine Schwiegereltern." Das war eine Tag der Ehre und des Ruhmes für ganz Wilna; selbst der geringste Arbeiter war stolz darauf, ein Gemeindegenoffe von „des Königs Eidam" zu sein. (Fortsetzung folgt.) Hierzu 4 Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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