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Der Israelit · 1867-10-02 · Heft 40 (2.10.1867) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 40 (2.10.1867)
Date
1867-10-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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689 Esther ohne, daß es auffiel, von de« verbotenen Speisen nicht zu genießen brauchte. Unterdeß hatte Fürst Radziwil stets den größten Gefallen an der Unterhaltung mit der vermeintlichen Fürstin Jablonska gefunden. Esther's Ausbildung hatte feit ihrer Entfernung vom königlichen Hofe nicht stille gestanden; sie war durch das Drängen zur Annahme des Christenthums viel zu viel angeregt worden, als daß sie nicht begierig über die Lehren und das Wesen unserer heiligen Religion sich zu unterrichten gewünscht hätte; und die Gelegenheit war ihr geboten im Hause Rabbi Menachem's. Sie hatte mit Eifer Hebräisch gelernt, hatte fleißig das Buch der Bücher, die heilige Schrift, in der Ursprache gelesen und hatte sogar einige leichtere, zur Begründung.und Verteidigung des Judenthums geschriebenen, philosophischen Schriften studirt. Dadurch hatte ihr Geist eine große Reife erlangt, was der Conversation mit ihr einen eigenthümlichen Reiz verlieh. Staunend hörte ihr Maria oft zu; die Prinzessin erkannte neidlos den überlegenen Geist der Freundin an, während der Fürst ganz bezaubert erschien; er vergaß die sonst so leidenschaftlich geliebte Jagd und brachte jede freie Stnnde in der Gesellschaft der beiden Freundinnen zu. Vergefien wir nrchr, daß man in dem Momente, an welchem unsere Erzählung jetzt angelangt ist, 16^0 schrieb; noch war kaum die Morgenröthe der Sonne der Humanität, welche die Jetztzeit durchleuchtet, angebrochen. Zwar hatten sich die religiösen Leidenschaft ten in Folge eines dreißigjährigen, weltoerwüstenden Religionskrieges abgekühlt, aber Locke und Libnitz hatten noch nicht ihre Systeme gebaut, noch hatten Voltaire, Rousseau, Montesquieu, Diderot ihre welterschütternden Werke nicht geschrieben, noch lag der Staub des Mittelalters auf den Wissenschaften, den Dingen und den Menschen, und die ganze Welt lag in den Fesseln einer unendlichen Reihe von Vorurtheilen gebannt. Nur das kleine Häuflein der Juden besaß eine reine, hehre Lehre, eine Wissenschaft, die schon seit Jahrhunderten auf ihrer Höhe stand. Aber die Juden selbst waren abgeschieden von ihren Mitmenschen, und hohe Ghettimauern ließen die Sonnenstrahlen nicht hinausdringen in die kalte und finstere Welt. Wie mußte es daher den Fürsten Paul überraschen, als er zum ersten Male, und noch dazu aus dem Munde einer Dame, Gedanken von allgemeinen Menschenrechten vernahm, als er hörte, daß der Mensch im Ebenbilde Gottes erschaffen sei, und daß daraus folge, daß alle Menschen Brüder, daß sie alle gleiches Anrecht haben auf diese schöne Welt, daß ein Gesetz gelten solle für Alle, für dm Fremden wie für den Einheimischen, daß ein Vater uns geschaffen und wir Alle Seine Kinder, daß der Unterschied ein willkürlicher das allgemeine Menschenrecht aber etwas Ewiges sei! Prinz Paul bekämpfte diese Ideen heftig von seine» anerzogenen Anschauungen aus. Wenn auch ursprünglich alle Menschen Brüder, so, behauptete er, hätten doch die Jahrhunderte eine unübersteigliche Scheidewand gezogen; der gemeine Mensch sei immer verschlechtert, der Adlige immer verbessert worden; der Bauer sei in Folge dessen nicht viel besser geworden als das Vieh, mit dem er pflüge, während der Edelmann hinaufrage in höhere Regionen; die ganze Welt sei nur des Edelmanns wegen erschaffen; der Bauer sei ihm leibeigen wie Roß und Hund; was der Bauer erwerbe, gehöre dem Herrn; dem Juden habe man den Schein von Eigenthum gelaffen; er dürfe eine Zeit lang Schätze scheinbar für sich sammeln , um sie dann in desto reicherem Maaße auf einmal semem Fürsten zu überlasten. Esther wurden auf diese Weise die Bewegqründe klar, die den sonst so biedern und wackern Fürsten zu so grausamer Härte gegen die Juden veranlaßten; sie suchte daher diese falschen Grundsätze zu bekämpfen; waren diese hinweggeräumt, so konnte auch der Fürst jene grausame Maßregel nicht durchführen. „ Mein Fürst," sprach sie, „ich gebe Ihnen gern zu, daß sich Edelmann, Jude und Bauer gar sehr von einander unterscheiden; aber das liegt nicht im Wesen der Menschen, sondern in der Erziehung. Die Geschichte lehrt, daß sich schon oft Leute aus der niedrigsten Volksklaffe zu den höchsten Ehrenstellen emporgeschwungen haben." „„Ja,"" entgegnete der Fürst, „„Ausnahmen gibt es überall, vielleicht auch bei den Juden, wiewohl ich diese für noch tiefer stehend erachte als die leibeigenen Bauern, weil ihnen das Licht des Christenthums abgeht."" „Aber dafür," warf Esther rasch ein, „leuchtet ihnen das Licht des Judenthums, das ungemein helle strahlt." „„Hat meine schöne Freundin etwa auch sogar das Juventhum studirt?"" fragte Fürst Paul lächelnd. „Wohl, Fürst., das habe ich," antwortete Esther ernst. „Auf den Besitzungen des Fürsten Jablonski gibt es viele Juden; und sollte dieses uralte Volk, das die ältesten Wahrheiten der Menschheit bewahrt, nicht unser volles Jntereffe erregen?" „„Und glauben Sie," "entgegnete der Fürst, „„daß jemals ein Jude edelmännische Manieren annehmen, daß je eme Jüdin mit so vollendeter Anmuth reden und sich bewegen könnte, wie Sie zum Beispiel, Fürstin?" Esther erröthete; die Prinzessin kam ihr zu Hilfe. „Ich glaube doch," sagte sie. „Habe ich Dir noch nicht von meiner Jugendgespielin Esther erzählt, die mir einst das Leben gerettet hat?" „„Ach ja,"" jagte der Fürst, „„die mit eigener Lebensgefahr die Schlange von Deinem Halse riß und die später beim Brande umkam!"'" „Wir waren damals falsch unterrichtet," entgeg-

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