Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1867)
- Date
- 1867-09-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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674 „„Freilich,"" sagte die Prinzessin, „„da muß Rath geschafft werdln, um Euch Allen zu helfen! Ader wie das ansangen? Ich darf mich nicht einmischen, ich hade es versprochen. „Ich kenne diese Juden," sagte Fürst Paul, „sie werden Dich mit Bitten bestürmen, und Du, gutes Herz, wirft nicht Nein' sogen können. Versprich mir, daß Du Dich in dieser Am elegenheit nicht einmengest." Und ich habe es versprochen. Was also thun? — O, ich bade einen Gedankln. Ja, so wird eS gehen! Du selbst, meine schöne und liebenswürdige Esther, mußt die Fürspiecherin machen."" „Und wird der Fürst mich hören wollen?" „„Freilich, Du darfst nicht als Jüdin, Tu mußt als Fürstin kommen. — Du hast ja den Anstand einer Kömgin. O, das wird eine hübsche Komödie werden. Tu bist meine Jugendfreundin, die Fürstin Jablonska, die mich besucht. Du lleidest Dich nicht in die Tracht der Jüdinnen — sondern noch neuster Pariser Mode; ich werde Dich schon mit Kleidern versehen. Dann sieht Dich der Fürst bei mir, dann kannst Du reden, so viel Du willst; dann ist es Deine Sache, meine kleine, kluge Freundin, den Fürsten zu bestimmen und zu überreden. Nur eilig, ehe Paul von der Jagd zurückgekebn; meine schlaue Kathinka ziehen wir mit ins Complott, damit sie uns nicht verräth."" Die Fürstin zog an einer Glockenjchnur und Kathinka erschien. „„Kathinka,"" sprach die Fürstin, „„wir brauchen Deinen Witz, um eine kleine Komödie auszusühren. Diese Frau hier soll einige Tage als Fürstin Joblonska im Sü löste weilen. Fülle einen großen Reisikoffer mit einem The»le meiner besten Garderobe, laste ihn dann in den Wagen, der vor dem Schloßhofe hält, bringen und fahre mit dieser Dame nach Wilna. Tort hilist Du ihr bei der Toilette und srisüst sie comme il faut. Ich zähle aus Dich, daß Du sie mir als eine vollendete Fürstin zurückbriugst. Bist Du klug und verschwiegen, so kannst Du auf eine große Belohnung rechnen." „Königliche Hoheit werden mit mir zufrieden sein,"" entgegmte Kathinka. „„Ht vvus madame,"" redete die Prinzessin Esther an, „„parlezvous encore kravyais1) „O, madame," antwortete Esther, „je n’ai pas oubli£ ce que j'ai appris & la cour du roi l" 2) „Das ist gut," jagte die Prinzessin erfreut, „die Täuschung wird eine vollständige sein. Aus Wiedersehen, Fürstm JablonSka!" Esther ging mit Kathinka, damit diese ihr von den Kleidern der Prinzessin einige anpaste. DaS war bald geschehen, da beide Jugendfreundinnen ziemlich dieselbe Statur halten. Dann fuhr Esther mit dem Kammermädchen der Prinzessin nach Wilna; hier mußte Rabbi Menachem einen Claatswagen und Livreebediente für die Fürstin Jablonska besorgen. Nach einigen Stunden sahen die Gaffer im Judenviertel zu Wilna eine vierspännige Kutsche vor dem Hause Rabbi Menachends halten. Rabbi Menachem öffnete ehrerbietig die Haustbüre, und eine vornehme Dame — die eigenen Freundinnen erkannten Esther nicht wieder — stieg, gefolgt von ihrem Kammermädchen, in den Wagen, und fort ging's im rasenden Galopp nach dem Schlcste des Fürsten. Unterdeß war der Fürst von der Jagd nach Hause zurückgekehrt, wo ihn seine Frau mit der angenehmen Nachricht überraschte, daß die Fürstin Jablonska, ihre Jugendfreundin, sie baldigst besuchen würde. Der Fürst hatte schon sehr viel von dieser ebenso schönen, wie geistreichen Dame, die vor einigen Jahren eine der Hofdamen der Prinzessin gewesen war, gehört und freute sich sehr, sie nun persönlich kennen zu lernen. Bei Tische war nur von der Jablonska die Rede und Maria mußte sehr viel von ihr erzählen; natürlich nahm sie die Farben zu ihrem Bilde von der Erscheinung Esther's, die ihr ja noch frisch im Gedächtniffe war. Nach aufgehobener Tafel, während der Fürst mit seiner Gemahlin im Garten promenirte, fuhr ein Wagen vor. Die Gatten eilten hinaus, aber schon auf halbem Wege kam ihnen die Fürstin Jablonska entgegen. Die Jugendfreundinnen lagen sich in den Armen und küßten sich; dann stellte Maria ihren Gatten vor, während sich Esther anmurhsooll verneigte. Der Fürst war ganz starr vor Bewunderung, als er die wundervoll schöne Erscheinung erbbcfte; aber auch die Prinzessin war überrascht — Kathinka hatte ein Meisterstück vollbracht, und in Esther waren die Erinnerungen vom Konigshofe wieder erwacht, so daß sie die feine Hofdame ganz vorzüglich spielte, wozu ihr allerdings eine angeborene Grazie nicht wenig zu Statten kam. DaS erlauchte Ehepaar führte den lieben Gast in den Schloßgarten, wo der Kaffee fervirt wurde. Bald war die Unterhaltung lebhaft im Gange, und kein Mensch hätte bemerkt, daß Esther seit sechs Jahren sich nicht in der französischen Sprache geübt hatte, so gelärisig und anmuthsvoll unterhielt sie sich darin; freilich war ihr diese Sprache am Königshofe fast wie die Muttersprache geworden. Abends sprach sich Prinz Radzivil gegen seine Gemahlin ganz begeistert über die Neuangekommene Freundin aus. (Fortsetzung folgt.) 1) Und Sie, Madame, sprechen Sie noch französisch? 2) O, Madame, ich habe nicht vergesien, was ich am Hofe Königs gelernt habe. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redactw«: £>r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.