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Der Israelit · 1867-09-25 · Heft 39 (25.9.1867) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 39 (25.9.1867)
Date
1867-09-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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669 »n;er Herz vor Freude »mj-uchze»? Aber diese Freude, f« griK sie auch ist, muß der weichen, die unter« Selbstbewußtserv entspringt. Das Selbstbewußtseiu zeigt uur m richtigsten dev Grad am Thermometer der sittlichen Freude an. die wir für uns in Anspruch zu nehmen berechtigt sind. Das Eelbstbewußtsein aber erlangen wir durch einen Rückblick auf die stusenmäßige Culturentwichlung. Uederall erblicken wir die geistigen Saaten der Aknen. Wir brauchen nicht bei einem Rückblick zu erröthen, uns kann nutzt anders zu Muthe sein als demjenigen, der aus dem sonnvergoltzeten Gletscher steht und freudenvoll des mühseligen Steigens gedenkt. II. Aber nicht nur der Strom der Freude, sondern auch der der Selbstachtung entspringt aus der Betrachtung unserer Vergangenheit. Wenn wir bedenken, was unser Volk gelitten, wenn wir bedenken, daß Geschichtsperioden, die von einem andern Standpunkt aus lichtvoll genannt werden, aui jüdischem Standpunkte noch unter dem Begriff des Volldunkels erscheinen, daß Israels Waffen nur das Schwert des Glaubens und der Panzer der Sittlichkeit war, die kein Rost befUäte in den Ghetti's und den Znfluchtsgäßchen, sollten wir da nicht Israel achten, nicht bewundern die Kraft, die in ihm gewohnt? Wenn wir beoenken, wie viele Geschoffe vergebens an dem Bollwerk des Gottvertrauens und der Sittlichkeit zersplitterten, wie hoch zeitweise die Wogen der Leiden gingen, wie stark der Krater des Unglücks rauchte, mit welcher Heftigkeit der Lavastrom des Unglücks sich ergoß, und Israel vermöge jener Erdtugendeu sich dennoch erhalten, sollte» wir da nicht unsere Ahnen austaunen? Jene Krone der Sittlichkeit war es, die mit des Allmächtigen Hilfe „uns vom Staube erhob, um uns neben Fürsten zu setzen". Sie war es, die es nach und nach bewirkte, daß der Geist her Humanität durch die harten Schollen der Verkennung sich durcharbeitete. Und wir wollen nicht mit Stolz die Namen der Vater »ennen, nicht uns glücklich schätzen, die Nachkommen jener Edlen zu sein? Wenn wir aber in unsern Tagen anstatt Selbstachtung Selbfiverachtung sehen, anstatt edler Selbstanerkennung feile Selbstverkennung erblicken, wo anders ist die Wurzel dieses Nebels zu suchen, als in der Unkenntniß oder in der oberflächlichen Kenntniß der Vergangenheit? Unkenntniß der Vergangenheit führt zur unbegründeten Mißachtung derer, die sie reprafentiren. Darum thut es Roth, an dem Tage, an welchem man ein neues Leben beginnt, einen ernsten Blick aus die Vergangenheit zu werfen, an seiuer Seele jene Heroen vorüderjiehen zu lasten, welche die Flammen des Scheiterhaufens nicht schreckten und der Goldesglanz der Versuchung von der Wahrheit und der Sittlichkeit nicht abzubrmgen vermochte. Die tiefe Bewunderung eines aus so vielen Helsen bestehenden Volkes muß in uns die Ueberzeugunq von einem angestammte«, geistige« Adel erwecke« und kräftigen, mreß unS mit einer unbegrenzten Hochachtung vor unserm Namen und unserer Aufgabe erfüll«. HI. Und nicht nur Freude und Selbstachtung sind die Kinder, die eine innige Erinnerung an die Vergangenheit gekärt, ihr vorzüglichster Sproß ist die That. Die alten Erklärer des GotteSwort s sprechen ein herrliches Wort: „Das Sehen erzeugt das Denken, das Denken die That. denn so heißt es: „Damit rhr gedenket und thätig seid". Und der That bedarf es noch sehr. Denn welcher Sterbliche wollte sich vermissen, zu behaupten, daß die Entwickelung der Mensä heit ihren Höhepunkt erreicht hat? Dee Entwickelung der Menschbeit ist der JacpbSleiter zu vergleichen, deren unterste Stufe im rein Sinnlichen, im Irdischen steht, deren höchste die innigste Verkettung des Menschengeistes mit Gott ist. Smd viele Stufen hinter uns, so liegen noch sehr viele vor uns. Zeigt aber ein Rückblick in die Vergangenheit, daß wir die zurückgelegten Stufen erklimmen und ersteigen geholfen, wollen wir jetzt stehen bleiben oder abwärts steigen? Der That bedarf es besonders, wenn wir an daS Judenthum denken. Die immer höher steigende Entwrckelunq erheischt eine tiefere Auffassung des Judeurhums von uns. Thoren sind die, die von einstiger Auflösung faseln. Ein Volk, das nach Jahrtausenden zählt, daS in dielen Jahrtausenden der heftigsten Windsbraut getrotzt und, eine alte, ehrwürdige Eiche, stehen geblieben ist, wahrend andere Bäume von der Macht des Orkans besiegt den Boden mit ihren Trümmern bedecken, ein solches Volk muß von der Ewigkeit seiner Existenz überzeugt sein. Je thätiger wir sind, desto mehr offenbart sich der jüdische Geist. Deuv nur Thätigkeit ist der Gradmesser für daS Leben. In drei Sphären muß die Thätigkeit sich äußern, im Hause, in der Schule, im Gotteshause. Alle drei müssen durch ein gemeinsames Interesse eng miteinander verbunden sein, alle drei füreinander thätig sein. In allen dreien muß die Liebe zur Religion und die Hochachtung für die Geschichte des Judenthums erweckt, gepflegt werden; in allen dreien ist der Wahn zu beseitigen, da,ß jüdisches Leben mit dem lobeuswerthe» Streben, in den verschiedensten Sphären des Wissenvon seinen Anlagen Gebrauch zu machen, unverträglich sei; es muß mit einem Worte darauf hivgewiesen werden, daß das wahre Judenthum auch das wahry Menschthum sei.

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