Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1867)
- Date
- 1867-09-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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656 „Das weißt Du nicht?" entgegnete Rabbi Merrachem. „ Die Gemahlin des Fürsten ist- Maria, des Königs einzige Tochter." Wie erschrak Esther, als sie das vernahm; Maria, ihre Maria war die Gemahlin des Drängers! Ein Hoffnungsstrahl leuchtete in ihr auf. „Ich will zur Fürstin fahren!" sprach sie eiftig. „Und was wird es nützen?" fragte Rabbi Me- «achem. Da erzählte Esther dem Gatten ihre ganze Jugendgeschichte. Rabbi Menachem hörte erstaunt zu. „Du bist jene heldenmüthige Esther, von der die Kunde drang weit und breit?" fragte er verwundert. „Und ich bin so glücklich, des Königs Pflegetochter, die um ihres Glaubens willen, die höchsten irdischen Güter aufgab, als meine Gattin zu besitzen? Gott, womit habe ich das verdient!" Mit wahrhafter Ehrfurcht betrachtete er sein junges Weib. „Geh mit Gott," sprach er dann, „der Herr laffe Dein Vorhaben gelingen." Und Esther kleidete sich in ihre kostbarsten Gewänder und schmückte die Stirn mit der reichen Perlenbinde , wie sie die polnischen Jüdinnen noch heute zu tragen pflegen. Rabbi Menachem hatte unterdeß einen Wagen besorgt, der die Gattin nach dem Schlöffe des Fürsten, das eine halbe Stunde von Wilna entfernt lag, bringen sollte. O, wie schlug Esther das Herz, da sie als eine gleichsam vom Tode Erstandene vor die Jugendfreundin treten sollte! XII. In ihrem Boudoir saß die Fürstin Radziwil, an die königlichen Eltern schreibend. Lange hatte Maria die Freundin ihrer Jugend, die, wie sie meinte, eines so fürchterlichen Todes gestorben war, betrauert. Endlich hatte die Zeit ihr die alte Freudigkeit und Munterkeit wiedergegeben. Nun war sie seit wenigen Monaten die glückliche Gattin des Fürsten Radziwil geworden. Vor einigen Wochen erst waren die Vermählungsfeierlichkeiten in Krakau beendet; jetzt freute sie sich, allein mit dem Gatten, der sie anbetete, fern von dem Geräusche des Hofes zu leben. Ihr Brief an die Eltern athmete Glück und Freude. Da wurde ihr eine jüdische Frau gemeldet, die sie zu sprechen wünsche. „Ah," sagte Maria, „wiederum die alte Geschichte, in die ich mich nicht einmengen soll. Wie traurig, nicht helfen zu können! ich will lieber die Bitten gar. nicht hören. Sage der Jüdin, Kathinka, ich könne sie Nicht empfangen.' Das Kammermädchen ging, kehrte aber bald wieder zurück, denn Esther hatte ihr ein Goldstück in die Hand gedrückt. „Königliche Hoheit," sagte das Mädchen, „die Fremde behauptet, sie wolle Eure Hoheit mit keiner Bitte belästigen; sie wolle nur eine wichtige Mittheilung machen." „„So führe sie herein."" Und Esther trat ein und erblickte in tiefer Erregung die Königstochter. Ja, das war sie, die Freundin, nur schöner und größer geworden! O, wie ger» hätte sie sich an ihre Brust geworfen! Zwei große Thränen entrollten Esthers Augen. „Ihr weint, gute Frau?" sprach die Prinzessin. „O, es thut mir leid, nicht helfen zu können; mein Gemahl hat mir jede Einmischung in diese Angelegenheit strengstens verboten." „„Ich wollte nicht von jener traurigen Angelegenheitreden, Hoheit,"" entgegnete Esther; „„ich wollte Euch nur eine Mittheilung machen, die Euch interefsiren wird."" „Redet!" „„Eure Königliche Hoheit hatten einst eine Jugendfreundin, ein jüdisches Mädchen.... „Die arme Esther, die beim Brande des Jagdschloffes umkam!" „„Sie ist nicht umgekommen, sie lebt!"" „Was sagt Ihr?" „„Sie lebt. Erinnert Ihr Euch, Hoheit, des Bau - meS am Fenster des Schlafzimmers? Diesen Baum hat sie erstiegen und ist entflohen!"" „Entflohen? Die Undankbare! und ich habe sie so lange als tobt beweint!" „Nicht undankbar war sie," entgegnete Esther schluchzend, nachdem sie sich vergeblich abgemüht hatte» ihre Thränen zurückzuhalten. „Man drängte sie, ihrem Glauben untreu zu werden, und da entfloh sie." „„Und woher wißt Ihr das Alles?"" Da konnte sich Esther nicht länger zurückhatten,, sie sank in die Knie, ergriff die Hand der Prinzessin: und bedeckte sie mit Küsten und Thränen. „ Maria, " stammelte sie endlich, „ Maria, kannst: Du Deiner Esther vergeben? Ich bin Esther, Deine verloren geglaubte Esther!" Da zog Maria sie zu sich empor und lag am ihrem Halse und weinte laut. „Meine Freundin, weine Schwester!" rief die Königstochter, „wie könnte ich dir zürnen? Nein, Dir warst nicht undankbar, Du hast recht, Du hast grost und edel gehandelt!" (Fortsetzung -folgt.) Hierzu zwei Beilage». Serantrvorttiche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf - Schneüprefsendruck vom I. Gottöleben in Mainz.