Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1867)
- Date
- 1867-09-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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624 „Du hast thöricht gehandelt, Kind!" sprach Wratislaw, denn er war eS. „Komm, wir werden Dich Deinen Verwandten wiederzuführen, wenn sie tüchtig für Dich zahlen wollen. Willusch, führe das Fräulein in unser Quartier! ich gehe voraus." Wir wiffen bereits, wen Wratislaw in der Räu berhöhle vorfand. Willusch folgte ihm langsam mit Esther; aber Esther konnte fast nicht mehr gehen; Willusch brauchte viel Zeit, sie den weiten Weg zu führen, und so kam es, daß, als sie die Höhle betrat, Rabbi Sabbathai dieselbe bereits verlaßen hatte, und doch sollte der kurze Aufenthalt des Vaters bei den Räubern der Tochter zum Segen gereichen. Wratislaw war noch in weicher Stimmung; sein verlorenes, fluchbeladenes Leben hatte noch nie so schwer ans ihm gelastet wie in dieser Stunde; er saß stumm am Tische, den Kopf in die Hände gestützt. Erst die bewundernden Ausrufe der Räuber, als diese Esther erblickten, schreckten ihn aus seinem Sinnen hervor. Willusch führte das junge Mädchen in die Höhle. Da stand sie, einer Königin gleich, und begehrlich hingen die Augen der Räuber an der Jungfrau. „Wie schön sie ist!" rief Einer um den Andern. „Komm her, mein Kind," sprach sanft der Hauptmann, während sem Auge mit Wohlgefallen auf dem Mädchen ruhte, „und antworte auf meine Fragen. „Wie heißest Du?" „„Ich heiße Esther!"" „Wer war Dein Vater?" „„Mein Vater war ein jüdischer Rabbi!"" „Ein jüdischer Rabbi? Du aber hast das Auslehen einer Edeldame! Wie kömmt das?" „ „ Ach, das ist ja eben mein Unglück! Meine reichen und vornehmen Verwandten, die mich nach dem Ueberfalle der Kosacken zu sich nahmen, sind dem Glauben der Väter untreu geworden. Sie wollten mich ebenfalls zum Abfalle zwingen und da bin ich ihnen entflohen."" „Wie heißen diese Verwandten und wo wohnen sie?" „„Ich sage es nicht; ich will nicht zu ihnen zurückkehren!"" „Du sagst es nicht? Weiht Du nicht, daß wir Mittel haben, Dich zu zwingen. Was kannst Du thun, uns Widerstand zu leisten?" „„Ich kann sterben."" „So jung und so heldenmüthig?" „„ Es sind schon mehr Jüdinnen für unfern heiligen Glauben gestorben!"" „ Nun meinetwegen darfst Du glauben, was Du willst. Wir tödten die Leute wohl ihres Geldes, aber nicht ihres Glaubens halber. Was willst Du, Janos?" fuhr der Hauptmann zu dem alten Räuber gewandt fort, der sich erhoben hatte und sich anschickte, zu sprechen. „Hauptmann," sagte Janos, „ich bin Dir vorhin, entgegengetreten; es war mir leid; aber es mußte sein. Jetzt will ich Dir beweisen, daß ich Dir ebenso treu bin wie irgend ein Anderer. Behalte das Mädchen bei Dir; sie versüße Dir die Stunden der Ruhe nach harter, blutiger Arbeit. Mein Auge, mein Arm sollen sie Dir bewahren, daß kein Anderer, Keiner von all den wilden Gesellen ihr nahe!" „Willst Du bei mir bleiben, Esther?" fragte der Hauptmann. „Du wirst die Königin der Wälder sein und Du sollst leben wie eine Königin. Das Schönste und Beste, was dieser starke Arm gewinnt, soll für Dich sein, und hundert tapfere Männer sollen Dir dienen wie leibeigene Knechte." Da warf sich Esther dem Hauptmanne zu Füßen und un schlang seine Knie. „ Tödte mich!" rief sie schluchzend, „aber zwinge mich nicht, irgend ein Unrecht zu begehen." „ Hauvtmann," riefen die Räuber, „ laß diese kostbare Beute nicht fahren! Solche ein Mädchen findest Du nicht wieder in ganz Litthauen und Polen!" Und Esther erhob sich von ihren Knien; stolz aufgerichtet stand sie da, dem Hauptmanne fest ins Angesicht schauend. „Hauptinann," sprach sie, „denk^ an den allmäch tigen Gott, der die Mifsethaten rächt, der aber auch barmherzig und gnädig ist. Sei barmherzig mir, daß Er einst auch mit Dir Barmherzigkeit übe!" „Mädchen," fuhr da der Hauptmann auf, „wer hat Dir die Worte in den Mund gelegt, die ich vor kaum einer Stunde zu dem Jugendfreunde sprach? Nun wohl, dem Freunde zu Liebe will ich Dein schonen. Wir werden Dich nach Wilna schicken und Dich dort gegen Lösegeld der jüdischen Gemeinde ausliefern. Du aber bist sicher bis dahin. Hört es, Ihr Mannen, wer sich unterfängt, diesem Kinde das Geringste zu thun wider seinen Willen, der ist des Todes I" Nachdem er so gesprochen, winkte er Willusch herbei und befahl ihm, dem jungen Mädchen in einem abgesonderten, verschließbaren Raume ein Lager zu bereiten, den Schlüsiel abcr Esther zu übergeben, damit sie von innen zuschließe. Den Dank des jungen Mädchens lehnte er ab; er winkte ihr, sich zu entfernen; als sie hinter der Thüre verschwunden war. sprach er vor sich hin: „Ich glaube, Sabbathai, Du wirst mit mir zufrieden sein, wenn Du vernehmen wirst, j was ich heute an einer Tochter Deines Volkes ge-; Ihan habe 1" — (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beitage. Verantwortliche Stedaction: Or. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf -Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.