Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1867)
- Date
- 1867-09-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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618 wandeln sollen, und dann erwägen, ob wir diesen Weg auch wirklich gewandelt sind. Der Weg aber isi der rechte, der uns an das Ziel der »on Gott uns eingesetzten Bestimmung führt. Welches aber ist diese Bestimmung? Bei Beantwortung dieser Frage haben wir Zweierlei in's Auge zu fassen: 1) unsere Bestimmung als Menschen, 2) als Israeliten; denn diese unsere beide« Eigenschaften sichen nicht im Widerspruche mit einander; im Gegentheile, die zweite ist nichts als eine höhere Potenz der ersteren: um wahrhaft gute Israeliten sein zu können, müffen wir zugleich wahrhaft edle Menschen sein. Fasten wir daher zunächst unsere Menscherrbestimmung in's Auge. Der Mensch ist das Meisterwerk der Schöpfung; die hohe Vollendung seines so vorzüglich eingerichteten Körpers allein schon würde ihm Anspruch geben auf dieses Prädikat; er allein unter allen irdischen Geschöpfen ist es, der aufrecht geht, dessen Haupt nicht zur Erde gebeugt ist, besten Auge geradeaus zu schaue» vermag; in der kunstfertigen Hand ist ihm ein Werkzeug gegeben, wie es keines seiner Mitgeschöpfe besitzt; keiner unter seinen Sinnen steht hinter dem andern zurück; diese Sinne in ihrer fast gleichmäßigen Schärfe bilden in ihrer Gesamn.theit das geeignetste Mittel, die Außenwelt nach allen ihren Bestandtheilen aufzunehmen. Dem Auge prägt sich das Bild derselben ein, das Ohr vernimmt die Harmonie der durch den Schall heroorgebrachten Luftwellen, durch den Geruch werden die feinen Atome, die sich — gleichsam ein Geistiges von dem Stofflichen — von den Dingen lösen, dem Menschen zugeführt, der Geschmack macht die Ernährung zu einem angenehmen, den Regeln einer Kunst unterworfenen Beschäftigung, der Tastsinn lehrt uns die Dinge gleichsam mit dem Maaßstabe des eigenen Körpers messen, so daß er die höchsten Leidenschaften erregt, deren Veredlung uns obliegt. Doch, was wollen alle diese Vorzüge bedeuten, im Vergleiche mit der Himmelstochter „Sprache," die den Verkehr mit unfern Mitmenschen ermöglicht! und diese göttliche Sprache ist wiederum nur ein Kleid des Gedankens! Hier sind wir nun an dem höchsten Vorzüge des Menschen angelangt. Die Seele, die Gott dem Menschen Angehaucht, Geist von Seinem Geiste, dm Er ihm verliehen hat, das ist's, was den Menschen zum Menschen macht, wodurch alle die aufgezählten Vorzüge erst ihren wahrhaften Werth, ihre rechte Bedeutung erlangen. Durch sie ist es dem Menschen möglich, die Erscheinungen nicht allein in sich aufzunehmen, sondern sie auch festzuhalten, sie willkürlich sich in späterer Zeit ins Gedächtniß zurückzurufen, die Eigenschaften der Dinge von diesen loszulösen (zu abstrahiren,) sie denn untereinander zu vergleichen, um so ein Urtheil zu Mm, diese Urtherle zu verbinden und so zu Schlüffen zu gelangen. Das ist die Thätigkeit der Verstandes, der Vermmft, des Dmkms — eine Fähigkeit, die kei»s der Mitgeschöpfe in so hoher VollWdusg besitzt, und dir Gedanke» kleiden sich in Worte und »erden ein Bindemittel zwischen Mensch und Mmsch, und gestalten so die menschliche Gesellschaft, auf daß die ganze Menschheit gemeinsam zu streben und all dar Hohe und Herrliche zu vollbringen vermag, das unsere Augen schaue», unsere Ohrm hören. Nicht genug, daß der Menschengeist seine Gedanken in Worte kleidet, er hat auch für dieses Kleid wiederum ein Gewand gefunden und das ist die Schrift, durch die es ermöglicht wird selbst denen, welche räumlich durch weile Meere und Länderstrecken, oder zeitlich durch Jahrhunderte und Jahrtausende von einander getrmnt find, Mittheibmg zu machm. Dadurch reiht sich Erfahrung an Erfahrung, und das kommende Geschlecht tritt auf die Schultern des vorangegangenm. Die Beobachtung oer Natur hat es so im Laufe der Jahrhunderte ermöglicht, derselben ihre Gesetze abzulauschen, gleichsam schöpferisch nachzubilden, so daß das jetztlebende Geschlecht die Sonne zwingt, für es zu malen, den Dampf knechtet, daß er seine Wagen führt, seine Schiffe über die Meere schleppt, bei seinen Maschinen Sclavendienst versieht, io daß es sogar den Blitz, den man sonst nur als einen verderblichen kannte, künstlich erzeugt und ihn zwingt, Briefschreiber und Briefbote zugleich zu sein. Alle Völker der Erde sind dadurch gleichsam zu einer Familie geworden und aus den Ruf eines mächtigen Kaisers sind sie im verflossenen Sommer in einer der großen Städte, die schon an und für sich ein Wunderwerk, erschienen von Nord und Süd, von Ost und West, um die Erzeugnisse ihres Fleißes, die Gestaltung ihrer Kunstfertigkeit den staunenden Beschauern zu zeigen, die selbst wiederum von der Erde entferntesten Enden herbeieilten, um an den Wundern, welche der Menschengeist vollbracht hat, den Blick zu weiden. Allein, während man die Hallen der großen Industrieausstellung baute, donnerten die Kanonen von Custozza und Königgrätz, zerstörend, vernichtend, nicht allein die Erzeugnisse des Fleißes, sondern auch Menschenleben und Menschenglück; und als man den Bau vollendet hatte, da rüsteten sich wiederum zwei große Nationen zum Zerstörungswerke, das jedoch durch die Güte Gottes gnädig von uns ist abgewandt worden. Hat also die Menschheit, über deren Haupte stündlich das Schwert des Verderbens schwebt, ihr Ziel bereits erreicht? Und du, mein Bruder, und du, mei»? Schwester, was nützt es, wenn ihr den Raum von hundert Meilen in wenigen Stunden durchmessen könnt, wenn ihr selbst über das Weltmeer hinweg zu schreiben vermögt in Blitzesschnelle, wenn ihr eure Wohnungen schmücket mit dem Schönsten und Beste«, euren Leib