Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1867)
- Date
- 1867-08-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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606 hängst du doch deine großen Gaben an eitlen Glanz und Schimmer, durch welche die Strahlen deines hohen Geistes zu erlöschen drohen!" — Von diesem Augenblicke an hörte Rabbi Sabbathai auf, sich dem Geschäfte seines Schwiegervaters zu widmen; er lebte nunmehr nur noch dem Thorastudium, und die herben UnglückSsälle, die ihn feitbem betroffen, hatten ihn darin kaum zu stören vermocht An alles Das dachte Rabbi Sabbathai, während er seines Weges zog; seine Fahrten nach Leipzig traten wieder lebendig vor seine Seele. Einst hatte er in jener sächsischen Stadt einen Gespielen seiner Kindheit, den Sohn eines Edelmannes, wiedergefunden. Wratislaw, io hieß der junge Adelige, hatte daselbst die Universität bezogen, hatte ein verschwenderisches Leben geführt und war in Schuldhaft gerathen. Als Rabbi Sabbathai davon erfahren, hatte er in großrnüthigsier Weise sich seines Jugendgespielen erbarmt, seine Schulden bezahlt und ihn so aus den'. Gefängniste befreit. Seitdem war ihm von jenem Jugendfreunde leine Kunde gekommen. Was mochte aus ihm geworden feind Während Rabbi Sabbathai so der vergangenen Tage gedachte, achtete er kaum des Weges; plötzlich bemerkte er, daß er sich mitten in einem dichten Walde befand; die Sonne war bereits untergegangen. Der Pfad, den er verfolgte, war ein Holzweg, der nur an einen großen Platz voll um gehauener Baumstämme Und nicht weiter führte. Schon machte sich Rabbi Sabbathai daraus gefaßt, die Nacht im Freien zubringen zu müsten, als er in der Ferne einen Lichtschimmer gewahrte; er ging dem Scheine nach und kam an eine große Höhle, in der wildaussehende Männer um einen Ti,ch Lagerten und Meth tranken Der Eingang der Höhle, aus dem der Liü Ischimmer gedrungen, war unvkrschlosien. Den Rabbi ahnte nichts Gutes; er wollte sich leise wieder entfernen. Da aber fein Fuß auf obgefolleue Blätter trat, so wurde das Knistern in der Höhle vernommen, und die Männer eilten heraus. Augenblicklich stürzten sie sich auf den geäugstigtrn Rabbi und schrien ihn an : „Was hast Du hier zu suchen, Jude?" „Ich bin," entgegnete der Rabbi „ein harmloier Wanderer, der sich im Walde verirrt hat." „„Du lügst!"" antwortete einer der Räuber, „„Du bist ein Spion, herausgekommen, unser Versteck auszuspähen und zu verrathen. Du mußt sterben, Jude!"" Vergebens beschwur Rabbi Sabbathai die Räuber, vergebens versicherte er, daß er nur ein Nachtlager gesucht, vergebens versprach er, keinem Menschen den Aufenthaltsort der Räuber mitzulheilen — man nahm ihm seine Baarschaft und knebelte ihn. Schon erhub einer der Räuber eine Axt, um dem Gefangenen den Kopf zu spalten, als ein anderer ihm in dm Arm fiel und rief: „Warte doch, Wenzislaw, bis unser Hauptmann kömmt. Du weißt, er beansprucht die Justiz für sich allein." „Du hast Recht!" entgegnete der erste Räuber und ließ das erhobene Beil sinken. Dann schleuderte er den gefesselten Rabbi in den Hintergrund der Höhle und legte sich, nachdem er die vorher unvorsichtiger Weife offengebliebene Thüre geschloffen hatte, wieder nieder, um den aufs Neue gefüllten Methkrug zum Munde zu führen. Bald darauf hörte man den Anschlag eines Hundes. „Der Hauptmann kömmt!" riefen die Räuber und erhoben sich zur Begrüßung ihres Anführers. Es war eine schöne, kräftige, noch jugendliche Gestalt, dieser Hauptmann, der die Tracht der litthauischen Edelleute trug. „Nun, Hauptmann," riefen ihm die Seinen entgegen, „war Dein Weg vom Glücke gesegnet?" „Nicht sehr," entgegnete der Hauptmaun, „wir haben nicht als ein junges Fräulein gefangen, dar uns vielleicht ein beträchtliches Lösegeld bringen wird. Millusch führt es langsam hierher." Da tönte plötzlich aus dem Hintergründe der Höhle der Ruf: „Wratislaw!" „Wer wagt es hier, meinen Namen zu nennen?" rief der Hauptmann mit fürchterlicher Stimme. Die Räuber zitterten; der Hauptmann hatte es verboten, seinen edlen Namen, den er mit Schande belastet hatte, auszusprechen. „Wratislaw!" rief es noch einmal, „komm', rette, befreie mich, wie ich einst Dich befreit habe!" „Ist es möglich," rief da der Hauptmann, „ist das nicht meines Jugendfreundes sabbathai Stimme?" Und er eilte in den Hintergrund der Höhle und zog den Gefangenen hervor. Mit dem Dolche durchfchnitt er die Bande, die Sabbathai fesselten; dann ließ er einen Stuhl herbeibringen und setzte den Rabbi darauf, reichte ihm den Methbecher und hieß den Halbohnmächtigen sich erquicken; dann küßte der wilde Räuberhauptmann dem Rabbi die Hand und rief: „Sabbathai, Sabbathai, Du bist der Einzige, bei dem ich jemals Mitleid gefunden in allen Widerwärtigkeiten des Lebens, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mairq.