Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1867)
- Date
- 1867-08-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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604 nicht ihm zu liebe, die Möglichkeit des Mißverstandnisies oder gar der Böswilligkeit getrost hinnehmen? Ja, auch diese letztere wäre sehr leicht zu vermeiden, wenn, was auch überhaupt der Sache viel förderlicher wäre, die viel nützlichere Anordnung getroffen würde, daß der Rabbiner rc. weder zu der Eidesleistung selbst, wo diese Ausgleichsversuche nur auf wenigen Sekunden reducirt bleiben müßten, zugezogen; sondern etwa einige Tage früher von der Gerichtsbehörde über die Eidesleistung, und den Namen der betreffenden Person in Kenntniß gesetzt würde; so daß dem geistlichentBeamten Gelegenheit geboten wäre, in seiner Privatwohnung, die weit bester dazu geeignet, im unbeschränkten Zeitmaaße, und wiederholt seiner heiligen Pflicht zu genügen. Sicherlich nicht vereinzelt steht folgender Fall, der in meine eigene Amtspraxis fällt. Anfangs der 50 r. Jahre wurde ich behufs Assistenz bei der Eidesleistung von 5 (Bemeinbemitgliebem vor das hiesige Bezirksgericht citirt. Nachdem ich dort in Erfahrung gebracht, daß es sich um einen Civilprozeß, nämlich die Jnjurien-Klage, eines Nichtisraeliten, gegen einen der Genannten, und den Zeugeneid der 4 andern, handle, versagte ich entschieden meine Mitwirkung, forderte Aufschub mindestens bis zum nächsten Tage, und erwirkte denselben auch, nachdem ich den unwandelbaren Entschluß bekundet hatte, unter protocollarischem Protest den Gerichtsaal zu verlassen. Ich unterhandelte wiederholt mit den Eldespstichtigen einerseits, und dem Kläger andererseits; und hatte die Freude, am Morgen des andern Tages die gütliche Beilegung der ganzen Sache dem Bezirksgerichte zu intimiren. Daß andere Confessionen vielleicht diesen Usus nicht haben, kann uns durchaus nicht veranlaffen, die Gelegenheit zu so unschätzbarem Guten fahren zu lasten, und wir dürfen selbst aus dem gerechtesten Ehrgefühle nicht — das Kind mit dem Bade ausschütten. (Schluß folgt.) JeitrrngSnaehrichten und Correspondenzen. Deutschland. Baden, 19.Juli. Die Einweihungsfeier des hiesigen israelitischen Betsaales begann dem gutentworsenen und durchgeführten Programm gemäß, Nachmittags 2 Uhr. Unter entsprechenden Chor- und Sologesängen, welche mit Gebeten abwechselten, wurde die heilige Lade geöffnet, die Thora herausgenommen. Hierbei verdienen die, von dem Bühler Vorsänger (einem ausgezeichneten Bariton) und Chor mit trefflichen Stimmen vorgetragenen Gesänge, besonders rühmliche Erwähnung, sowohl in Betreff ihrer guten Wahl, als der großen Präzision und schönen Klangwirkung in der Ausführung. Die nun folgende Festpredigt des Herrn Rabbiner Schott von Bühl war von dem Geiste der Humanität und Toleranz beseelt. Der Redner bezeichnete als schönste Aufgabe des neu gegründeten Betsaales: Liebe zu lehren, zu pflegen und zu verbreiten, und zwar: Vaterlandsliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe. Bei Betrachtung der Vaterlandsliebe wies der Rabbiner besonders darauf hm, daß, während früher alle Coafefsionen und Nationen sich hier ihre Tempel bauen dürften, nur Israel davon ansgeschlosten blieb, bis nunmehr, Dank der Weisheit und Gerechtigkeit unsers gelubten Großherzogs und seiner Räthe, auch die israelitische Gemeinde sich eine heilige Stätte gründen durste. Ihre Liebe zu dem Vaterlande, das sie hier gefunden, wurde dadurch vermehrt und befestigt, wie schon der Prophet Jeremias von seinem Volke gefordert hat: „Suchet das Wohl des Staates, wohin ich euch geführt habe." Zur Nächstenliebe übergehend, betonte der Sprecher, daß in hiesiger Stadt keine jüdische Gemeinde und folglich auch kein Recht für die Israeliten besiehe, irgend welche Anforderungen zu stellen, daß daher die ohne alle Fonds bewirkte Gründung des neuen Betsaales nur ein Werk thätiger Liebe und freier Vereinigung der Kräfte zu einem guten Werke gewesen sei. Hierbei wurde zunächst das fördernde Wohlwollen der großh. Stadtdirektion und der an den Sammlungen und Einrichtungen hauptsächlich Betheiligten, sodann die Unterstützung der israelitischen Gemeinden zu Karlsruhe und Mannkeim u. s. w. betont; sich selbst konnte Herr Rabbiner Schott nicht nennen, obgleich ihm ein Hauptverdienft im Zustandekommen dieses Unternehmens unbestritten zuerkannt werden muß. — Allein alle diese Anstrengungen hätten noch lange nicht zum Ziele führen können, wenn nicht Herr Benjamin Levy aus Straßburg aus eigenen Mitteln die Ausstattung des Betsaales bestritten, sogar die Einweihungskosten übernommen und dadurch ermöglicht hätte, daß die bereits angesammelte Summe als Reservefond unangetastet bleiben konnte. Die ehrende Auszeichnung welche dem edlen Geber, der mit seiner Familie anwesend war , zu Theil wurde, war daher eine überaus wohlverdiente. — Die ganze Feier übte auf alle Anwesenden der verschiedenen Confessionen einen ebenso wohlthuenden, als erhebenden Eindruck. Jeder fühlte, vaß der Geist der Liebe hier thatsächlich gewaltet habe, und auch für fernerhin Gutes und Ersprießliches verheißen werde.