Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1867)
- Date
- 1867-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447291-2447326--05422-2460928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
602 denen Lücken in der Sprache nur durch das Entlehnen gewisser fremder Begriffe theilweife ausgefüllt werden. Ich sage theilweife, da die Spaniolen von den zahlreichen modernen abstracten Begriffsnamen, welche hauptsächlich die rein geistigen Beziehungen befiimmeu, durchaus nichts wissen. Sie existiren zwar, sind aber aus dem Gebrauche verschwunden, so daß sich die gewöhnliche Umgangssprache fast nur auf das dem Auge Naheliegende erstreckt. Wohl druckt man Zeitschriften; deren Sprache wird aber nur von Wenigen verstanden, da das Spanische durchaus keinen Unterrichtsgegenstand in der Schule bildet. Der Knabe lernt Spanisch schreiben, eine besondere jüdische Schrift, welcher sich auch die arab. Juden bedienen zur arab. Sprache. Warum der Thoraunterricht zur erweiterten Kenntniß des Spanischen nicht beiträgt, werden Sie leicht begreifen, sobald ich einmal auf die Lehrmethode in der Türkei zu sprechen komme. Außer dem Spanischen sprechen die Juden alle im Lande üblichen Idiome und kenne ich junge Männer von 20 Jahren, welche 4 oder 5 Sprachen geläufig sprechen. Dabei haben sie nie eine Grammatik, noch ein Wörterbuch gesehen und vermögen nicht eine der orientalischen Sprachen zu lesen oder zu schreiben. Ich bemerke jedoch, daß ich nur von spanischen Israeliten rede. In ganz Rumelien trifft man nur Spaniolen; starke Gemeinden befinden sich in Bosnai, Lerai, auch in Belgrad, in Sofia, Mibe und Adrianopel auf der einen Seite nach Constantinopel zu, während sich um die zahlreiche Judengemeinde Salonichi herum mehrere bedeutende isr. Ortschaften gruppiren, wie Monasti, weiter östlich Seres. An der griechischen Grenze, unweit Corfu, liegt die Stadt Janissa mit 1000 jüdischen Familien, welche jedoch nur der Race nach den spanischen Juden angehören, während sie seit Jahren die griechische Sprache angenommen haben. Diese Gemeinde stand lange gleichsam isolirt; darum finden sich dort noch heute Israeliten, welche von den Geboten sehr wenig Kenntniß baden. Ich selbst habe Einige aus dieser Gegend gesehen, welche selbst am zweiten Tag n"n ihrer Arbeit nachgingen. Ihre Unwissenheit in religiösen Dingen hielt gleichen Schritt mit ihrer höchst primitiven Erziehung. Solche traurige Zustände, die natürlichen Folgen langjährigen Druckes, konnten um so fester wurzeln, da nach dieser Gegend hin lange keine Verbindungen sich angeknüpft hatten. Ich kann jedoch Ihre Leser mit der Nachricht erfteuen, daß diese Gemeinde seit einigen Jahren einen gewissen Aufschwung gewonnen hat unter der klugen Leitung ihres sehr gelehrten Rabbinen Rabbi JzchakLevy, welcher durch firne vortrefflichen allsabbatlichen Predigten in neugriechischer Sprache die untere Classe zu einem höheren jüdischen Bewußtsein zu bringen bestrebt ist. Mit Umsicht und tadelloser Rechtschaffenheit verwaltet er die Gemeindeangelegenheit, sein Ruf in jenen Gegenden ist auch ein weit verbreiteter. Wetter östlich, vier Tagereisen entfernt, liegt Tricala mit 70 jüdischen ziemlich wohlhabenden Familien, während das südlichere Lariffa oder Yeni cheh'r tief gesunken ist. Unaussprechlich ist die Armuth in dieser Stadt, wo 400 isr. Familien leben. Bor der griechischen Revolution war diese Gemeinde unermeßlich reich; settdem die Juden 12 Jahre hindurch den Uebermuth türkischer Soldaten und griechischen Horden zu erleiden hatten, ist alles verschwunden; die wenigen Reichen, welche noch geblieben waren, entflöhe» vor dem immer mehr steigenden Elende; doch aus sie hat das Verhängniß sich niedergelegt, denn nicht ungestraft ließ sie der Ewige ihre Schätze hinweg tragen, für die sie bangten der großen Roth halber. Während sie ihre Reichthümer gesichert glaubten für sich und für ihre Kinder, wurden ihnen eben diese kostbarsten Schätze nach und nach hinweggenommen; mit ihren Kindern wandelte ihr Glück in das Grab. Ich kenne diese Gemeinde; noch nie habe ich solche traurige Zustände gesehen; dort ruft laut in den Straßen die Armuth, allein Niemand hört auf sie. Ich wäre ewig glücklich, wenn ich das Interesse großherziger Männer für diese unglückliche Gemeinde Thessaliens erwecken könnte. Hunderte von Menschen leben dort von Almosen, welche die leider nur sogenannten Vermögenden reichlich spenden. Wenn ich gleich beim Beginne von mftnem eigentlichen Zwecke übgekommen bin, so werden mir Ihre gesch. Leser darum nicht zürnen. Ich komme immer noch zu früh zur Aufstellung gewisier allgemeiner Theorien, welche um so bester verstanden werden, so ich dieselben durch vorhergehende Beispiele begründen kann. Gestatten Sie mir daher, meinen Bericht über genannte Gemeinde fortzusetzen Jeden Freitag gehen die Armen umher, um sich von den Männern etwas Geld, von den Frauen Brod und Kohlen zu erbitten. Keine nur ein wenig bemittelte Frau wird versäumen, Freitags Chaloth für die Dürftigen zu backen. Ueberhaupt sind die Frauen in dreier Stadt überaus wohlthätig. Möge der Himmel es vergelten jenen jüdischen edlen Frauen, die da, wie überall, die wahre Stütze der Häuser bilden. — Von Lariffa gelangt man in acht Stunden nach Volo, einer neuaufblühenden jüdischen Gemeinde, wo schon des lebhaften Hafenverkehrs halber mehr Wohlstand herrscht. Bisher hatten wir es nur mit spanischen Inden zu thun, deren Contigent zahlreich in den Dardanellen (100 Familien) vertreten ist. In Constantinopel bildet dieses Element den Stock der jüdischen Gemeinde; unweit davon prangt die berühmte jüdische Gemeinde Smyrna, dann noch einige andere kleine zu Rhodos rc. Ehe wir uns nach Syrien und Arabien wenden, werde ich zuerst nur von dm Mher erwähnten JSrae-