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Der Israelit · 1867-08-21 · Heft 34 (21.8.1867) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 34 (21.8.1867)
Date
1867-08-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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588 Was sollte sie beginnen? „Fliehen, fliehen!" rief ihr eine innere Stmme zu; doch wie entflieht man einem Könige, dessen Arm so weit reicht? Esther schlief mit der Prinzessin und der Hofmeisterin in einem Zimmer. Lange schon waren die beiden vom Schlafe befangen, da Esther noch wachte. Was sollte sie beginnen? diese Frage ließ sie nicht Ruhe finden. Endlich entschlief auch sie. Der Traum führte sie in die väterliche Hütte; dort lag die Mutter auf dem Sterbebette; vor ihr stand der Vater, die Hand der Sterbenden haltend; und sie hörte die Stimme der Mutter wie damals: „Schweres ist Euch beschieden, Dir und unserm Kinde. Aber ich will über Euch wachen, will für Euch flehen an Gottes Thron, will nicht rasten, bis er Seine Engel sendet, Euch zu schützen und zu retten l" „Mutter, Mutter," rief Esther da, „Mutter, rette mich, Tein Kind ist in Gefahr, in höchster Gefahr!" „Esther, was ist Dir?" rief die Prinzessin aus dem Schlafe emporfahrend. „Welch ein Geschrei, welch ein Lärm!" rief die Hofmeisterin ebenfalls erwachend. Da wurde an die Thüre geklopft. „Macht auf, rettet Euch!" rief es herein, „das Schloß brennt." Eilig kleideten sich die Damen an, öffneten die Thüre und stürzten hinaus. Nur Esther blieb zurück. „Vielleicht," dachte sie, „kann ich jetzt unbemerkt entfliehen, und wenn man mich vermißt, so glaubt man, ich sei in den Flammen umgekommen und verfolgt mich nicht." Sie öffnete das Fenster; der rothe Feuerschein erleuchtete Alles ringsumher. Vor dem Fenster stand ein Baum, dessen Zweige man erfassen konnte; oftmals hatten Maria und Esther in kindlichem Uebermuthe sich auf den Baum geschwungen und sich von ihm aus zum Boden niedergelassen; das that Esther auch jetzt; am Ende des Gartens befand sich ein Pförtchen, das auf die Heerstraße führte; wenn sie dieses erreichte, so konnte sie leicht in eine der benachbarten Ortschaften gelangen und sich dort bei Juden verbergen, bis sich Gelegenheit darbot, ins Ausland zu reisen; dort konnte sie vielleicht bei wohlhabenden Glaubensgenossen ihre Kenntnisse in Sprachen und in der Musik sowie in feinen Handarbeiten verwerthen; wo nicht, so wollte sie als Magd dienen, um ihr Leben zu fristen, wenn sie nur treu bleiben dürfe dem Glauben der Väter. Alle diese Gedanken und Pläne flogen durch des Mädchens Kopf, als sie an das Pförtchen gelangte. Wenn es verschlossen wäre — sie müßte um kehren; aber lieber wollte sie sich in die Flammen stürzen, denn weiter ausgesetzt sein der Ueberredung zur Untreue gegen den Vater im Himmel. Sie drückt auf die Klinke der Pforte — Gott sei Dank, die Thüre ist unverschlossen. Esther tritt hinaus auf die Landstraße, hinaus in die einsame Nacht; der Gluthschein des brennenden Schlosses leuchtet ihrem Wege; sie geht der Landstraße entlang, das zarte Kind, das nicht gewohnt ist, den Fuß auf die Straße zu setzen, allein in einsamer Nacht- Wenn Wölfe kommen und sie anfallen, oder Räuber, von denen sie gehört, daß sie den Weg unsicher machen? Doch besser ist's von Wölfen zerrissen zu werden oder von Räuberhand zu sterben, als in Ueberfiuß zu leben und in Untreue gegen Gott. So wandert sie immerfort der Landstraße folgend; schon sind ihre dünnen Schuhe zerrissen und die Füße versagen ihr den Dienst. O Gott, wie lange noch? — Nicht lange mehr, Du edle Dulderin, Gott wird sich bald Deiner erbarmen, wenn auch anders, als Du es erwartest. Unterdeß steht das Schloß in vollen Flammen; menschliche Anstrengung ist vergeblich, es zu retten; es wird niederbrennen bis auf den Grund. „Ich bin nur froh," sagt der König, „daß kein Menschenleben zu beklagen ist." Da schaut sich Maria im Kreise um. „Wo ist Esther?" fragt sie ängstlich. Man sucht die Vermißte, man ruft nach ihr; die Hofmeisterin behauptet, sie habe mit ihr zugleich das Schlafzimmer verlassen. Aber kein Mensch hat Esther gesehen. Die Prinzessin weint, der König befiehlt, noch einmal im Schlafzimmer nachzusehen; aber dieser Theil des Schlosses war zuerst von den Flammen ergriffen; es ist unmöglich noch dahin zu gelangen; selbst der Baum vor dem Fenster kann nicht mehr erstiegen werden, da deffen obere Zweige bereits von der Gluth, die der Wind herübergeweht hat, ergriffen sind. Ach, es ist nur zu gewiß, Esther ist verbrannt, sie ist das einzige Menschenopfer, welches das entfesselte Element gefordert hat. „Aber sie hat uns geweckt!" ruft die Hofmeisterin. „Sie hatte die Gewohnheit, im Schlafe zu sprechen," entgegnete schluchzend die Prinzessin. Die Königin drückt ihr Kind an die Brust, froh, daß das Gesch'.ck nicht dieses ereilt hat. Maria aber ruft jammernd nach der entschwundenen Freundin, die nimmer wiederkehren soll. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dt. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofduchhandlung. — Dampf -Schnellpreffendruck von I. Gottsleben m Mainz.

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