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Der Israelit · 1867-08-14 · Heft 33 (14.8.1867) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 33 (14.8.1867)
Date
1867-08-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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572 Nirgendwo fand es Hall und Stütze. Nicht Feinde waren es, die sie zwingen wollten, einen fremden Glauben anzunehmen, sondern ihre besten Freunde wußten ihr auf Seiten des Christenthums Alles so licht und freundlich, auf Seiten des Judenthums Alles so trarnig und düster darzustellen, daß ihr eigentlich gar keine Wahl blieb. Ec war ein schöner, warmer Eomniernachmittag, da die Hofmeisterin mit den beiden jungen Damen einem nahen Waide zusubr. Mit rasender Eile flogen die kräftigen, feurigen Rofle dahin, hinaus in Gottes freie Natur, in den kühlen Schatten des Waldes. Sowohl Maria als Esther hingen ihren Gedanken nach und gaben der lebhaften Französin nur einsilbig Antwort. Diese plauderte indesicn ungestört fort; krach — da brach eme Axe und der Wagen stürzte zusammen. Die Damen waren unversehrt, aber die Hofmusterin war in Ohnmacht gefallen. Man brachte sie bald ins Lebkn zurück, und der Bediente schlug einen Spaziergang im Walde vor, bis der Kutscher den Wag'N wieder reparirt haben würde. Es war ein berßer, schwüler Tag, ein Tag, wie er den nahen Ausbruch eines Gewitters ahnen läßt. Schon bedeckte sich der Hori ont mit Wolken, und ein heftiger Wirbelwind zeigte sich als Vorbote des herrannahenden Wetters. Man war froh, ein einsam im Walde gelegenes Wir thshaus zu erreichen; dorthin brachte auch der Kutscher die Pferde und den nothdürftig reparirtcn Wagen. In Polen sind fast alle Wirthe Juden. Es gab in Polen bis vor Kurzem nur Edelleute und Leibeigene; die Juden bilden noch heute den Mittelstand, treiben Haut werke und Künste und sind namentlich Wirtbsleute und Pächter. Der Wirth war glücklich, die Prinzessin und ihr Gefolge bet sich zu sehen. Sogt« ick wurde ein Bote nach Krakau geschickt, um im Schlosse das Geschehene zu melden und zugleich anzuzeigen, daß, da der Tag sich schon neigte, die Herrschaften im Wirthshause übernachten würden. Unter? eß brach das Unwetter mit aller Macht los; m Polen sind die Gewitter selten, aber weit heftiger als sie in südlicheren Gegenden zu sein pflegen. Während der Donner mächtig rollte und die Blitze zockten, fühlte sich die nervöse Französin sehr unbehaglich, und die Prinzessin halte alle Mühe, deren Angst hinwegzu'potten. Esther aber ging hinunter zu den Wirthsleuten, diese um Erlaubnis zu bitten, den Salbat — es war Freitag Nachmittags — im Familienkreise derselben zubringen zu dürfen. Schon hatte der Wirth den Seinen mitgetheilt, daß die Begleiterin der Prinzessin wahrscheinlich das jüdische Mädchen aus dem Schlöffe sei, das sich noch als kleines Kind geweigert habe, unjüdische Koft zu genießen. Der Wirth versicherte Esther, da diese den jüdischdeutschen Dialekt nicht verstand, auf Polnisch, daß er hocherfreut sein werde, sie an seinem Tische zu bewirthen. „Sie sind, gnädiges Fräulein," fügte er lächelnd hinzu, „ein zweiter Daniel." Esther bat um die Erläuterung, und der Wirth erzählte die Geschichte von den Judenknaben, Daniel und seinen Gefährten, die sich geweigert hatten, unjüdische Kost zu genießen am Hofe des Königs. Der Wirth erzählte noch werter von den Schicksalen und Prüfungen Daniels und seiner Gefährten, von dem feurigen Kalkofen und der Löwengrube; dann wandte sich das Gespräch der Gegenwart und den vielen jüdischen Märtyrern während des jüngsten Kosackenaufstandes zu. Esther hörte die Erzählungen des Wirthes mit der gespanntesten Aufmerksamkeit; alte Erinnerungen tauchten in ihr auf. Wie klein und schwach erschien sie sich diesen Glaubenhelden und Heldinnen gegenüber! Unterdeß nahte die Sabbatzeit heran. Der Wirth verabschiedete sich auf eine Viertelstunde; dann erschien er wieder in festlicher Kleidung, in seidenem von einem Gürtel zusammengehaltenen Kaftan, die mit Zobel verbrämte Mütze auf dem Haupte. Er führte Esther in das Prunkzimmer der Familie, wo die Sabbatlampe leuchtete und schneeweiße Tücher die Tische bedeckten. Als das Abendgebet verrichtet war, nahten sich die Kinder den Eltern, um deren Segen zu empfangen; da bat auch Esther um den Segen. Der ehrwürdige Wirth legte beide Hände auf ihr Haupt und sprach auf Polnisch: „Meine Tochter, Gott mache Dich wie Sarah, Ribkah, Rachel, Leah, die hohen Stammmütter unseres Volkes!" — „„Amensagte Esther mit halberstickter Stimme, und von diesem Augenblicke an stand es fest bei ihr, daß sie der Verführung widerstehen und treu beharren wolle im Glauben der Väter. Am andern Morgen fuhren die Prinzessin und die Hofmeisterin nach dem Schlöffe zurück, während Esther den Sabbat über bei den Wirthsleuten im Walde blieb. Sie benutzte den Tag, sich von dem in der jüdischen Literatur und namentlich in den moral philosophischen Schriften, Choboth Halebaboth, Kusari, Jckarim, wohlbewandertem Wirthe Aufschluß geben zu laffen, über so Manches, was ihr^Herz beschwerte. Sonntags in der Frühe holte sie eine königliche Equipage in das Schloß zurück. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Leromwortlrche rltedaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf,Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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