Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1867)
- Date
- 1867-08-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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552 Esthers Schrei eilten die Hofmeisterin und der Cavalier herzu; Letzterer sah die sich bäumende Natter und tödtete sie; die Hofmeisterin sank ohnmächtig zu Boden, als sie der Gefahr inne wurde, welcher die Prinzessin entronnen war. Diese aber fiel Esther um den Hals und versprach, nie zu vergesien, daß sie ihr Leben der Freundin verdanke. In demselben Augenblicke kamen der König und die Königin, die im Garten lustwandelten, des Weges. Sie erfuhren, was geschehen war. Die Königin weinte in freudiger Rührung; sie drückte Esther an ihr Herz und nannte sie ihre liebe Tochter, für deren künftiges Glück sie sorgen wolle. Auch der König war ergriffen und küßte Esther auf die Stirne; es war ja sein einziges Kind, das einer großen Gefahr entronnen war. Der ganze Hof war Zeuge dieser Liebkosung. Bon diesem Tage an ward Esther der Liebling Aller — ob zu ihrem Heile? Jahre vergingen. Mit Esther war eine große Veränderung vorgegangen, ganz so wie es der Leibarzt vorausgesagt hatte; die Jugendeindrücke waren ihrem Gedächtnisse fast entschwunden; die alte Hanna, welche sie mit Speisen versorgte, konnte sie über das Wesen des Judenthums nicht belehren; zwar hatte sie sich durch die Wittwe ein hebräisches Gebetbuch verschafft, aus dem sie alle Tage gewissenhaft betete, auch einige andere in jüdischdeutschem Dialekt abgefaßte Erbauungsbücher hatte sie erhalten, allein dieser Dialekt war ihr ebenso unverständlich wie das Hebräische geworden. So gewöhnte sie sich ganz an die Anschauungsweise ihrer Umgebung. Früher, da ihr Niemand liebevoll begegnet war als die Prinzessin, hatte sie sich oft vereinsamt gefühlt, mit Sehnsucht des verlorenen Vaters, mit Wehmuth der verstorbenen Mutter gedacht, hatte sich hinweggesehnt von dem Glanze des Hofes in das ärmliche Elternhaus; jetzt aber, seitdem sie der Liebling des Hofes geworden, sehnte sie sich nicht mehr fort. Sie fühlte sich da heimisch, wo Alles sie liebte, wo man sich beeilte, den leisesten ihrer Wünsche zu erfüllen. Sie gewöhnte sich allmählich daran, wie eine Prinzessin behandelt zu werden und dachte mit Schrecken der Zeit, wo das sich ändern könnte. Was sollte aus ihr werden, wann sie im Glauben der Väter beharrte? Siehe, da zieht ein Jude am Schlosse vorüber, den Sack mit alten Stiefeln und getragenen Kleidern auf dem gekrümmten Rücken: andere Juden hatte Esther nicht gesehen, seitdem sie am Hofe weilte — sollte sie dereinst das Schicksal eines solchen Mannes theilen?- Die beiden Mädchen hatten das zwölfte Jahr zurückgelegt; man sprach hie und da schon von der vielleicht bald bevorstehenden Verlobung der Prinzessin; vorher sollte sie zum Genüsse des Abendmahls vorbereitet werden, sollte den sogenannten Confirmationsunterricht erhalten. Ein junger, sanfter, geist¬ und gemüthvoller Priester wurde ausgewählt, diesen Unterricht zu ertheilen, bei dem Esther zugegen war. O, wie schön wußte der junge Priester die Religion der Liebe zu schildern, wie verstand er es, so herzergreifend yon dem Leben und Wirken, von den Leiden des christlichen Religwnssiisters zu erzählen, wie wußte er das Glück zu preisen, zu dessen Bekennern zu gehören! — Als der Lehrer ging, fiel Maria Esther um den Hals und weinte bitterlich. „Mein theures Schwesterchen," sprach sie endlich, „o, sei ganz die meine! Sei auch meine Schwester im Glauben!" Sanft entwand sich Esther ihrer Umarmung; sie mußte allein sein; sie ging in den Garten und suchte die einsamste Laube auf; dort bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen; ihr Herz war voll, übervoll bis zum Zerspringen. Als sie so da saß, in sich versunken, da traten die Bilder der flühesten Kindheit vor ihr geistiges Auge, die blasse, kranke Mutter, der Vater, im Talmud studirend. „Von Euch soll ich mich loslösen, ihr Lieben!" rief sie aus, und ein Thränenstrom entströmte den Augen, dem gepreßten Herzen Luft machend. Da umschlangen sie ein paar weiche Arme und ein rosiger Mund küßte die Thräne von ihren Augen; es war die Prinzessin, die sie im Garten gesucht und nunmehr gefunden hatte. „Habe ich Dir wehe gethan, Geliebte?" sprach sie. „Das habe ich nicht gewollt! Du bist und bleibst mein süßes Schwesterchen.', auch wenn Du nicht Christin werden willst. Aber wenn Du unfern Glauben annimmst, so wird der König Dich ausstatten wie sein eigenes Kind; Du wirst bei mir bleiben, wirft einen vornehmen Herrn, einen Fürsten oder Grafen heirathen, und wirst immer, immer bei mir sein können. Wenn Du aber Jüdin bleibst, was soll da aus Dir werden?" Und wiederum warf sich Maria an Esthers Brust und weinte; auch Esther fing an, aufs Neue zu weinen, und sprach schluchzend: „Ich werde mich nicht von Dir trennen!" „„<£0 willst Du unfern Glauben annehmen? "" rief Maria jubelnd. Esther konnte nicht antworten; die Hofmeisterin erschien, um die jungen Damen zu einer Spazierfahrt abzuholen. (Fortsetzung folgt). Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf * Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.