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Der Israelit · 1867-08-07 · Heft 32 (7.8.1867) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 32 (7.8.1867)
Date
1867-08-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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546 gleichsam die Form, in welche das Leben der Bürgergesammtheit gegossen wird, die Berechtigung, ein Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft im vollsten Maße sein zu dürfen, der Genuß selbst materieller Freiheit, ehrfurcht-gebietende Gotteshäuser, einen unberechenbaren, unendlichen Einfluß auf das politische, geistige und religiöse Leben, auf die Gestaltung, Entwickelung und Veredlung der Innern Welt ausüben; aber der Gipfelpunkt alles idealen Glückes sind sie deßhalb noch nicht. Was hier maßgebend ist: ob in das Haus der Trauer oder in das der Freude gehen; ob sich härmen und grämen, oder heiter und frohsinnig sein; ob fasten und trauern, oder sich Nichts zu versagen und guter Dinge sein; das ist — wie der Prophet Zacharias bemerkt — der sittliche moralische — oder der demoralisirte und verkommene Zustand; der hohe Werth, die sittliche Macht, die man der Religion beilegt, oder die Mißachtung derselben; der Sinn für Wahrheit und Recht, oder die Erhebung der Lüge und Heuchelei auf den Thron. In einer Zeit, in welcher der Materialismus Alles irr seine Bande geschlagen, in welcher die Selbstsucht der Mittelpunkt ist, um den sich Alles dreht und bewegt; Genuß der Zielpunkt, nach welchem die menschliche Thätigkeit hinsteuert, ein größeres oder kleineres Maaß desielben der Gradmesser von Glück und Unglück ist, Gewinn und Eigennutz das Triebrad des Geistes in Bewegung setzt, uno die geistige Kraft zum Schaffen und Wirken anspornt; wo gerade, besonders bei den gebildeten Ständen der Glanz des sittlichen Lebens erblichen, und das blasie Gespenst der Sittenlostgkeit sich eingeschlichen; der reine Sinn für Tugend durch hohle Philosophen^ zersetzt wird; Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit vor dem blendenden Schimmer des Goldes in den Hintergrund treten muß; die Religion zum fleischlosen dürren Skelett ohne Geist und Leben, ohne Wärme und Frische geworden; die wichtigsten Gebote — wie Sabbat — mit Füßen getreten und von den Geschäften oes Marktes überfluthet werden; in einer solchen Zeit thut es Roth, sich an die Trümmer Jerusalems zu setzen; und jemehr die Sonne des Glückes, des Wohlstandes und der Freiheit zulächelt, jemehr die Vergangenheit vor der glänzenden Gegenwart zurücktritt, desto tiefer muß die Trauer sein, in welche sich das Gemüth des Israeliten, wenigstens an den dazu bestimmten Tagen, versenke, damit ihm nicht nur die Ruinen des äußern, sondern auch des im Innern der Volksseele begründeten Nationalheiligthums vorschweben, indem er sich frage: „Warum ist das Land zu Grunde gegangen (Jeremia 9)?" und er antworte sich: „Weil sie verlassen das Gesetz" (daselbst), weil die Stimme des Gewissens verstummte; eitle Pracht und leerer Glanz die Hand nach unrechtmäßigem Gute ausstrecken ließen; die Bande gegenseitigen Zutrauens gelockert, die Pfeiler der Ehrenhaftigkeit und Characterfestigkeit erschüttert wurden; die Männer der Treue und Redlichkeit abnahmen; die Gesichtszüge etwas Anderes ausdrückten als das Herz fühlte, der Mund anders sprach als der Geist dachte (Tract. Sabbat 119 b, nmn KP naiDN '»JK njDis ipDStp Ppbo ttptt D’Piyn’); es ging zu Grunde durch mangelhafte Erziehung der Jugend, welche dem Gottesgesetze, den Lehren der Wahrheit entfremdet wurde, die in den Musentempeln der Griechen und Römer früher eingeführt wurde als in das Heiligthum der Thora, die sich auf Hella's und Roma's klassischem Boden freier und heimischer bewegte, als auf dem Gottgeweihten Gebiete der heiligen Schrift, die da bewandert war in den griechischen und römischen Mythen, aber unbekannt mit den historischen Erzählungen der Bibel; die tiefe Studien in den griechischen und römischen Gesetzgebungen machte, der jedoch die sinaitische Offenbarung ein Buch mit sieben Siegeln war (daselbst P’ateo nPn d^em-p nmn pi n>a bw nipun na ,PvaE>); es ging zu Grunde, weil man den Sabbat entweihte, Gold und Silber höher schätzte als Seele und Geist, zu deren Erbauung und Erwärmung man auch keinen einzigen Tag der Werktagarbeit entziehen wollte, und über die Anhäufung von Reichthümern die Veredlung von Gemüth und Herz vergaß (daselbst b'iun nPn D’Pe'vt nann nP .ninap i^ntsO; es ging zu Grunde, weil man die Schranken der Sittlichkeit niederriß, welche der Genius jedes Staatsgebäudes sowohl, als jeder kleinsten Verbindung, die erste Bedingung ist, eines kräftigen und starken Bürgerthums, welches, dem sittlichen Boden entrückt, durch maßlose Genußsucht entnervt und geschwächt wird, und jeden Sinn für Tugend, Freiheit und Vaterland verliert. *) — Und sollte etwa eine solche ernste, auf historischen Boden gegründete Betrachtung unserer Zeit überflüssig sein? Wahrlich auch unsere Zeit, so hoch sie auch auf der Stufenleiter der Cultur sieht, bedarf der Rückerinnerung und Mahnung, einer ernsten Erwägung und Prüfung der Ursachen, der Laster und Gebrechen, welche den Ruin beider Tempel herbeiführten. Aber eben dieses bezwecken, wie der große Maimonides bemerkt (Hilchoth Taanit 5), die eingesetzten Nationalfasttage: „die Herzen anzuregen, den Weg zur Buße und Reue anzubahnen, und unserer Väter Thun, welches für sie so verhängnißvoll war, und unser eigenes Handeln v§r Augen zu halten, daß wir künftighin das Bö je meiden und das Gute ausüben sollen." Leopold Donath in Bingen. 1) Vergleiche Sabbat 62 d.

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