Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1867)
- Date
- 1867-07-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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532 „Thuen wir dem Kinde den Gefallen," sagte da die Königin. „Wir können das Waldmädchen taufen nnd so lange bei uns lassen, als Maria an ihrem Spielzeug Gefallen findet." Der König fügte sich gern den vereinten Bitten von Gattin und Tochter, und der Beichtvater wurde beauftragt, Esther zur Taufe vorzubereiten. Wenige Tage nachher war Esther völlig wieder hergestellt; da ereignete sich Etwas, was nicht geringes Aufsehen im Schlosse erregte: das sechsjährige Kind weigerte sich, fürder verbotene Speisen zu essen. „Warum willst Du nicht essen, kleine Thörin?" fragte sie der Leibarzt, dem die Wärterin die Weigerung des Kindes mitgetheilt hatte. „„Weil uns Gott verboten hat, solche Speisen zu genießen!"" entgegnete Esther. „Du hast sie aber doch bis jetzt unweigerlich genommen?" ' „„ Ja, da war ich krank; mein Vater sagte, als die Mutter krank war, daß der Schwerkranke sein Leben erhalten müsse. Jetzt aber bin ich gesund; da darf ich nur jüdische Kost genießen!"" „Nun," sagte der Leibarzt, „es ist jetzt Zeit, daß Pater Cyrill seine Thätigkeit beginne." Pater Cyrill, der Beichtvater des Königs, kam und begann dem kleinen Mädchen auseinanderzuseuen, daß, da sein Vater es für todt zurückgelaffen, es für diesen gestorben und erst durch des Königs Gnade zum neuen Leben erwacht sei; Esther sei demnach gleichsam ein Geschöpf des Königs; sie muffe also des Königs Glauben annebmen und sich taufen lassen. Als Esther den Pater so sprechen Körte, fing sie laut an zu jammern und zu weinen; sie bat, man solle sie fortschicken, ja, man solle sie tödten. — In jener Zeit waren die Märtyrer häufig; die Kosacken hatten Tausende von Juden und Jüdinnen, von Knaben und Mädchen zur Taufe zwingen wollen; diese aber hatten es vorgezogen, des qualvollsten Todes zu sterben. Die erwähnten Ereignisse bildeten damals allüberall das Tagesgespräch, und Esther hatte, so jung sie war, genug davon erzählen hören. Dte Märtyrer erfüllten damals jedes Herz mit Bewunderung. Namentlich gmg die Geschichte einiger junger Mädchen, die in heldenmüthiger Weise den Namen Gottes geheiligt hatten, von Mund zu Mund. Da keine Gemeinde Polens vor dem Geschicke der Schwestergemeinden sicher war, so bestrebte sich jeder Familienvater, die Herzen der Seinigen selbst der kleineren Kinder, in Begeisterung für den Glauben der Väter zu entflammen, damit Alle bereit seien, wenn das Geschick sie ereilen möchte, für Gott und Seine heilige Lehre zu sterben. Man wundere sich daher nicht, daß die sechsjährige Esther die Zumuthungen des Pater Cyrill so standhaft znrückwies; sie warf sich zu Boden und weinte und schluchzte so heftig, daß die Prinzessin Maria, die in der Nähe sich befand, herbeieilte. „Mein Waldmädchen," rief die kleine Prinzessin, j „warum weinst Du? Wer will Dir was zu Leide j lhun? " Esther konnte nicht antworten und deutete nur i auf den Pater. „Ihr, Vater Cyrill?" fragte Maria erstaunt. I „„Nicht doch, meine Tochter,"" entgegnete der j Pater, „„tut Gegentheil, ich will sie glücklich machen; sie soll ganz und gar Dein Schwesterchen, sie soll Chrsstin werden!"" „Und Du willst nicht, Esther?" fragte die Prinzessin. „„Nein, nein,"" rief Esther heftig, „„ich will nicht, ich will Jüdin bleiben, lieber will ich sterben!"" Da richtete Maria die kleine Freundin sanft empor, umarmte sie und küßte ihr die Thränen von den Augen. „Sei ruhig, Esther," sprach sie, „Dich soll Niemand zwingen; Du bist doch mein lieb Schwesterchen. Komm mit in den Garten, wo die ersten Veilchen blühen." Und Esther lächelte noch unter Thränen; und Maria nahm die Spielgefährtin bei der Hand und führte sie an den Pater vorüber, dem sie im Vorbeigehen derruthsvoll die Hand küßte. Dann gingen die kleinen Freundinnen in den Garten, um die ersten Veilchen zu suchen, und ihr silberhelles Lachen und Jubeln tönte weithin. Wer die beiden lieblichen Kinder so sah in ausgelassener Freude, der konnte wohl nicht denken, daß diese zarten Wesen soeben einen harten Glaubenskampf gekämpft halten. Pater Cyrill aber ging zum Könige, um über den Erfolg seiner Sendung Bericht zu erstatten. Der König war sehr erbost über die Kleine nnd wollte sie fortschicken; allein die Königin wollte ihrem einzigen Kinde das liebgewordene Spielzeug, wie sie sagte, nicht nehmen lassen. Da legte sich der Leibarzt ins Mittel und gab zu bedenken, daß Erziehung und Unterricht das Kind schon für den christlichen Glauben gewinnen möchten, und daß Esther nach wenigen Jahren um die Taufe wie um eine Gnade bitten werde. Das leuchtete dem Könige und dem Beichtvater ein, nnd man beschloß, Esther auch ferner, wenn auch ungetanst, in der Gesellschaft der Prinzessin zu dulden. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. LZerantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf * S chnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.