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Der Israelit · 1867-07-31 · Heft 31 (31.7.1867) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 31 (31.7.1867)
Date
1867-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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526 wenn sie in Ländern, welche noch nicht von der Hellen Sonne der Cultur beschienen find, zum AuSbruche kommen; so — und dasbezevgt ein jüngstes Ereignch — fehlt es nicht an Stimmen, selbst aus der Mitte andersgläubiger Mitbürger, welche sich mit Entrüstung und Widerwillen gegen solche Vorkommnisse erheben, die dem Jahrhundert der Aufklärung, der Religions- und Gewissensfreiheit ein Brandmal aufdrücken; ja an Höfen mächtiger Fürsten, in den Rathsversammlungen großer Staaten hält man über den Juden eine schützende Hand, werden ihre Rechte und Freiheiten mit Wärme vertheidigt und verfochten; gekrönte Häupter umgeben ihre Person mit unfern Glaubensgenossen, welche ihr Vertrauen im vollsten Maße genießen; in Volksversammlungen, in deren Hände die Geschicke des Staate"- gelegt werden, haben unsere Brüder Sitz und Stimme; die alten Borurtheile find eingesargt; medergeworfen sind durch die Macht des Geistes und der Wahrheit die schwarzen düstern Zwingmauern, welche die Judengaffen absperrten, in welchen man die Juden lebendig zu begraben gedachte; erloschen sind die schrecklichen Feuer der Auto's - da - fe, wo man durch Ketzerverbrennung den Augen der Menschen eines der gräßlichsten Schauspiele bot, welche die Geschichte der Menschheit kennt; Paläste und Villen erheben sich nunmehr dem Israeliten, die er mit allem Fug und Recht sein nennen kann; nicht mehr braucht er ängstlich Schätze und Reichthümer fremden Augen zu entziehen und sie in entlegene Gruben und Schlupfwinkel zu verbergen, um ihnen einen Zufluchtsort gegen unrechtmäßige Angriffe zu sichern; offen darf er, was das HauS schmückt und ziert, entfalten, von Gold und Silber, kunstvollen Gemälden, feingewirkten Tapeten, herrlichen Vasen mit dem frischen Grün und Roth duftender Blumen und Rosen, dürfen ihm die Prachtsalons erglänzen; in eigener Flur blühet ihm Baum, Weinstock und Halm, goldene Saaten auf den Feldern kann er sein eigen nennen, ihm dehnen sich Gartenanlagen aus mit edlen Bäumen und köstlichen Früchten, ihm rankt sich die Rebe und reift die Traube mit dem herzerfreuenden Saft im eigenen Weinberg; hüllen darf er seinen Körper in die edelsten Stoffe, welche die Blüthe derManufactur sind, und nicht muß er sie mehr durch einen schimpflichen Judenfleck entstellen. Wenn nun der Israelit im weichen Schooß dieser goldnen Zeit frei aufathmet von den Unbilden und Schmähungen einer langen düstern Nacht des Druckes und der Verfolgung, erwärmt von der Sonne der Freiheit und des Wohlstandes, sich behaglich fühlend im Besitze und ungetrübten Genüsse eines gesicherten unbedrohten Eigenthums, und es pocht auf einmal der — scbibeah - assar Be-Tamus und bald darauf der tisch'ah Be-Ab an die Pforten des Palais, an die Thür des Salons, wie mißmuthig und ärgerlich erhebt sich da der Israelit von seinem bequemen Sitz; „welch' unheimlicher Gast" — grollt er bei sich — „mit verstörtem Aussehen, abgehärmtem Gesicht, bleichen eingefallenen Wangen, erloschenen Augen, denen ein unversiegbarer Thränenstrom entquillt! mit ungeschorenem Haar, mit Asche auf dem Haupte und den Sack an den Lenden, klagen und trauern über die dahingeschwunbene Herrlichkeit Israels, welch' ein Widerspruch, welcher Eontrast gegen da« Glück und den Wohlstand, dessen ich mich erfreue, gegen den Reichthum und den Ueberfluß, die auch den freien und seinen Mitmenschen gleichgestellten Israeliten zur Freude, zum fröhlichen Genüsse des Lebens einladen! — Fasten und weinen über den Ruin der Tempel? welche Disharmonie zwischen einer trüben elegischen Stimmung über ein vor Jahrtausenden zu Grade getragenes Staatswesen, welches den historischen Zeitverhältmssen unterlag, und dem wirklichen Leben der glücklichen Gegenwart, wo die so weit fortgeschrittene Cultur vergangene Jahrhunderte und Jahrtausende in das Dunkel der Vergessenheit vergräbt, und die Freiheit wtb Gleichheit dem Juden seine Lage so angenehm macht, daß die glühende Sehnsucht nach nationaler Selbstständigkeit ganz in ihm erstickt werden muß! Warum sich über die Einäscherung des Heiligthums auf dem Moriah in Klagen ergießen, wenn sich uns imposante Tempelbauten erheben, Meisterwerke moderner Architectur, ausgestattet mit Allem, was das Auge fesselt und das Gemüth zu heiliger Andacht stimmt, ohne mit Aengstlichkeit darüber wachen zu müssen, daß sich Giebel und Thürme nicht über ein gewisses Maß erheben sollen?" So denkt und fragt sich gar Mancher; aber lasset uns die Antwort hören, welche den bei den Priestern in Beth-El Anfragenden durch das an den Propheten Zacharias ergangene göttliche Wort gegeben wurde, den Gedanken kennen lernen, welcher die Seele des Fastens ist, Ziel und Zweck desselben richtig erfassen, und es ist dann auch unserer Zeit geantwortet. „Sage dem ganzen Volke des Landes und den Priestern, wenn ihr gefastet und getrauert im fünften und siebenten Monat, diese siebenzig Jahre, habt ihr mir gefastet? oder wenn ihr esset und trinket, esset nicht ihr, trinket nicht ihr?" Und es erging das Wort des Herrn an Zacharias: „So spricht der Herr der Heerschaaren, nach Gerechtigkeit und Wahrheit sprechet das Recht, und übet Liebe und Barmherzigkeit Einer gegen den Andern, Wittwen und Waisen, Fremdlinge und Arme bedrücket nicht, und sinnet nicht Böses gegen einander im Herzen." (Schluß folgt.)

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