Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1867)
- Date
- 1867-07-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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514 fattnf und über die Rabbi Sabbathai eine Abhandlung zu schreiben im Begriffe stand. In tieseL Nachdenken versunken, hörte er anfangs ein Getöse nicht, das näher und näher kam. Endlich schreckten ihn wirre Stimmen, Wuth- und Angstgeschrei empor. Der Jammerruf: „Chamil kömmt, die Kosacken sind da!" ertönte auf den Gaffen. Rabbi Sabbathai öffnete daS Fenster und sah schon den Rauch der von den Kosacken angezündeten Häuser emporsteigen. Schnell warf er eine wärmende Decke um sein krankes Kind, nahm es in seine Arme, hüllte sich dann in einen Pelz und entfloh eiligst nach einer Richtung, die der, von welcher die Kosacken eingedrungen, entgegengesetzt war. Es war mitten im Winter und noch dazu an einem Freitag-Nachmittage; aber ohne zu überlegen lief der Rabbi über den hartgefrorenen Schnee einem nur wenige Stunden entfernten Walde zu, sein theures Kind in den Armen haltend. Hinter ihm tönte der Jubelruf der mordenden und sengenden Kosackenhorde, vermischt mit den Verzweiflungsschreien der Ueberfallenen; die Angst gab Rabbi Sabbathai übermenschliche Kräfte, und als die Sonne sank, hatte er den Wald erreicht, in den er eindrang und sich auf einen Baumstumpf niedersetzte; vorher hatte er die wollene Decke vor sich ansgebreitet und sein krankes Kind darauf niedergelegt. Unterdeß war es Sabbat geworden. Welch ein trauriger Sabbat! Rabbi Sabbathai allein im Walde, allein mit seinem kranken Kinde, ohne Nahrungsmittel, ohne menschliche Hilfe, dabei Gott im Herzen dankend, daß Er ihn und die Tochter aus Näuberhand errettet. Rabbi Sabbathai betete das Sabbat-Abendgebet und fand dadurch Trost und Ruhe; die Nacht war nicht sehr kalt und der warme Schafpelz schützte ihn und das Kind, das er wieder in seine Arme genommen, vor der Kälte. Aber das Kind fieberte stark, und der bekümmerte Vater konnte ihm keinen labenden Trank, keine heilsame Arzenei reichen. Endlich verfiel es in einen tiefen Schlaf, aus dem es nicht mehr erwachte. Als der Morgen anbroch nach dieser langen, qualvollen Nacht hielt Rabbi Sabbathai eine Leiche in seinen Armen. Der unglückliche Vater legte den kalten starren Körper aus die wollene Decke nieder. So stand er denn jetzt ganz allein in der Welt. Der geliebten Gattin war das einzige Kind nachgefolgt. Sein Haus und seine Bücher waren wahrscheinlich verbrannt sammt seiner übrigen Habe. Verzweifelung wollte sein Herz ersoffen; er wollte sich über die Leiche seines Kindes werfen und da sterben, wo sein Theuerstes gestorben. Da erinnerte er sich, daß es Sabbat war. O, erhabener Ruhetag des Herrn, welche Macht hast du, welchen Einfluß übst du auf das Gemüth des Frommen! Die Verzweifelung wich aus dem Herzen Rabbi Sabbathai's; eine himmlische Ruhe kam über ihn, eine Ergebung in den Willen Gottes, die kein Murren kennt. „Gott hat es so gewollt," sprach er vor sich hin. „Sein heiliger Wille geschehe, und — es ist Sabbat heute." — Dann verrichtete er mit freudiger Andacht das Morgengebet, recitirte auswendig die Sidrah und dachte dem Gottesworte nach. Komm, lieber Leser, und laß uns diesen über alle Vorstellung erhabenen Mann bewundern! Male Dir das ganze Elend, das ihn betroffen, aus, vergegenwärtige Dir die ganze Größe der Unglücksschläge, die nacheinander auf diesen Vater niedergefallen, der ohne Nahrung, ohne Obdach am kalten Wintertage einsam an der Leiche seines armen Kindes sitzt, und dabei Gottergeben, ruhig seiner Pflicht gedenkt, daß ihm des Sabbats Heiligkeit den Ausbruch, dieAeußerung seines tiefen Schmerzes verbietet! Siehe, so hebt das Judeuthum seine wahrhaften Bekenner über das irdische Elend hinweg, läßt sie nicht verzweifeln, nicht verzagen und hebt sie frei und leicht inmitten der Qual in Gottes Himmel empor. — Da Rabbi Sabbathai das Muffaphgebet beginnen will, hört er plötzlich Trompelenschaü, der immer näher kommt; bald vernimmt er auch das Gebell von Hunden und den Hufschlag der Pferde, der den gefrorenen Schnee durchbricht. „Wehe, die Kosacken kommen auch hieher 1" ruft er aus und entflieht eilends, die Leiche seines Kindes zurücklaffend. Nachdem er lange gelaufen und der Trompelenschall immer schwächer in sein Ohr tönt, findet er eine Höhle, in der er Schutz sucht. Dort bleibt er, bis der kurze Wintertag entschwunden und das Mondlicht den Wald erhellt. Dann macht er sich auf den Weg, den Ort suchend, wo er die Leiche seines Kindes gelaffen. Er findet den Baumstumpf wieder, auf dem er gesessen; rings umher ist der Schnee von Menschen, Pferden und Hunden zertreten; aber die Leiche seines Kindes ist verschwunden. Vielleicht hat man sie in den Schnee verscharrt — er sucht jede Spur auf beim Lichte des Mondes; allein vergebens. Da wirft er sich nieder zur Erde und weint und jammert laut. „Esther, meine Esther, wo bist Du? Ist es mir nicht einmal vergönnt, Deinen entseelten Körper in den Echooß der Mutter Erde zu bergen?" So klagt und weint er lange, dis seine Göttergebene Seele auch dieses neue Unglück zu ertragen die Kraft gewinnt. Hat er auch Alles verloren, selbst die Leiche seines Kindes, — sein Gott und besten Thora ist ihm geblieben. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Z!erantrvortliche Redaction: Dr. L eh mann. Verlag der Le Rou x'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Echnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.