Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1867)
- Date
- 1867-07-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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500 gegenseitig hilfreich die Hand bieten — die Cultivirung des Gebietes der rel. Interessen, jeder Gemeinde nach eigener Anschauung und Ueberzeugung überlassen; es stünde im Allgemeinen und Einzelnen besser in Ungarn. Wenn man einen Rückblick auf die Bestrebungen des Pesther Vorstandes feit zwei Decennien richtet — wir wollen hier keine Recriminationen anstellen — und erinnern andeutungsweise an die vielfach versuchten Hebelansetzungen zur Beeinflussung der Behörden, die verschiedenen Veranlasiungen zur Einberufung von Vertrauensmännern, die sämmtlich aus der eignen Partei genommen und die die Ordnung der religiösen und Schulverhältniffe im Sinne der eignen Partei-Anschauung dem ganzen Lande ausdringen wollten, was natürlich zu anderseitigen Gegendemonstrationen führen mußte, von welchen das obenangeführte Beispiel bei Anfertigung des Elaborats in der Seminarangelegenheit nur eines von vielen ist, und an die vorschnelle Anfertigung und Ueberreichung des Memorandums an den Herrn Cultusminister in diesem Sinne und mit diesen Anklagen und die nothwendigen Conseguenzen, die aus diesem Schritte erfolgen müssen, so kann man die Idee nicht unterdrücken, die uns mit Schmerz die Worte bictirt: Vergeuden wir künftig unsere Kräfte nicht , paralystren wir sie nicht gegenseitig, verwenden wir alle geistigen Potenzen, insoferne sie nicht die allgemeine Uebereinstimmung für den heil, gemeinsamen Zweck erreichen können, zum Nutzen und Frommen jeder für sich und nicht zur Beeinträchtigung der Andern. In diesem Wettkampf wird jedenfalls nach allen Seiten hin mehr gewonnen werden, als wie bis jetzt, wo io viel Kräfte und Mittel ausgeboten wurden, um Andere zu hindern, indem wir die Schädigung und den Nachtheil doch zuerst an uns selbst traurig und bitter empfinden mußten. Es wäre eine schöne, dankenswürdige Aufgabe des Pesther Vorstandes gewesen, in diesem Sinne die Initiative zu ergreifen, nach dieser Richtung hin seinen Einfluß, seine Kräfte walten zu lassen. Eine Wahrnehmung aus dem Erlebniß der letzten Wochen, im Laufe welcher wir diesen Artikel geschrieben, illustrirt unsere Darlegung vom Anfang bis zu Ende auf das Klarste. Es ist unbestreitbar, daß beinahe seit einem Jahrhundert die berechtigte Forderung nach Emancipation einen großen Theil unserer Glaubensgenossen mit brennendem Verlangen erfüllte. Je schwächer der religiöse Gedanke begriffen, je kühler die Brust die Gefühle des Glaubens empfinden konnte, je weniger Beseeligung man in der praktischen Ausübung der Religions-Gesetze finden konnte, um so heißer war in diesen Kreisen die Gier nach bürgerlicher Gleichstellung. Die Männer dieser Anschauung glaubten wirklich, und sie waren nach den damaligen Konstellationen der pol. - socialen Ansichten, die die Zeit beherrschten, dazu auch berechtigt, daß ein theilweises Aufgeben der Religion, Sitten und Gebräuche das beste Beförderungsmittel sei, ihr heißersehntes Ziel zu erreichen. — Dieser Religionsschacher, der zwar nicht gerechtfertigt werden konnte, wurde hiedurch doch mindestens motivirt. — Viele angesehene, maßgebende Männer jener Zeit aber fühlten selbst die Schwäche dieser Motivirung und machten zur Beruhigung ihres Gewiffens ein moralisches Anlehen bei ihren Enkeln; es wurde gesagt, wie schwer auch das Opfer sei, man sei es den spätern Geschlechtern schuldig. — Wie hohlphrasig diese Motivirung ist, kann am besten daraus ersehen werden, daß bei einem Schritte weiter schon der.ganze Abgrund, dem man sich mit gebundenen Augen näherte, klar und deutlich gesehen werden konnte, denn noch zärtlichere Eltern und Großväter ließen ihre Söhne und Enkel taufen, während sie bei dem Bunde ihrer Väter — schwachherzig genug — zurückblieben. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin. Am 28. Mai hatte die Repräsentanten - Versammlung, vorauslehend, daß die Wahl des Dr. Geiger als Rabbiner für die hiesige jüdische Gemeinde zu deffen Ungunsten aussallen müsse, eine sechswöchentliche Vertagung des Wahlacts beschlossen. Inzwischen wurde eine Petition in’S Werk gesetzt, in welcher den Vertretern der Gemeinde die Berufung Geiger's dringend an's Herz gelegt wird. Diese Petition fand 1400 Unterschriften in der ca. 30,000 jüdische Seelen zählenden Gemeinde, von denen überdieß ein großer Theil, der das ganze Heil des Judenthums nur noch in der Synagoge und in der Predigt erblickt, nur aus dem Grunde für Geiger zeichnete, weil der im vorigen Jahre gewählte Rabbiner nicht im Stande ist, dem großartigen Tempel trotz der Orgel und des neuen Gebetbuches mit der zerstückelten Thora-Vorlesung einen zahlreichen Besuch zuzuführen. Die geringe Anzahl der Anwesenden während des Sabbat-Gottesdienstes verliert sich nämlich ganz und gar in den weilen Räumen des Tempels; nur der Freitag-Abend lockt noch bei der feenhaften Beleuchtung eine Menge Neugieriger und Fremder herbei, die aber, wie Dr. Aub selbst in einer Predigt sich beklagt hatte, „im Gotteshause erscheinen, ohne Gebetbuch in der Hand, ohne Gebeteswort auf der Lippe und ohne Andacht im Herzen". — In der Sitzung vom 7. d. M.