Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1867)
- Date
- 1867-07-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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VIII. Jahrgang. Beilage zu Nr. 29 des Israelit. Leitender Artikel. Die Vorgänge in Ungarn. (Fortsetzung.) Darum, aber nur darum weil wir in dem Memorandum Principien begegneten, die der dermalige Pesther Vorstand zur Geltung bringen wollte, welche nach unserer Ansicht die Freiheit des Gemeindelebens untergraben, die die jüd.-religiöse Wissenschaft, ihre Forschung und ihre Forscher unter Curatel stellen, Principien, die man, um ihre ersten Anfänge zum thatsächlichen Durchbruch zu bringen mit Denunciationen bei der höchsten Landesbehörde feierlichst ausschmücken zu müssen glaubte und die bei ihrer praktischen Durchführung den Zwiespalt und den Hader nur verewigen müssen, darum und nur darum, weil die dargelegten Principien nicht auf Kenntniß der jüd. Gem. - Angelegenheiten beruhen, ihre geschichtliche Entwickelung, ihre wissenschaftlich-religiösen Grundsätze, auf welchen sie begründet, ebenso die thatsächlichen Verhältnisse in unserem Lande, ganz außer Acht lassen; darum nur, weil schon die Darlegung dieser Grundsätze in einem Memorandum an Seine Excellenz den Herr Cultusminister von vornherein als eine Provocirung angesehen werden muß, opponiren wir diesem Vorschläge und begründeten in vorstehender Auseinandersetzung unsere Meinung, beinahe nur andeutungsweise, doch genügend, um unfern Standpunkt zu bezeichnen. Wir verwahren uns aber feierlichst gegen jede uns schon früher bei der Darlegung unserer Ansichten getroffene, unbegründete, böswillige Beschuldigung, daß auch jetzt ver böse verneinende Geist uns erfülle und leite, daß wir jeder Ordnung der jüd. Gemeinde- und Schulangelegenheiten, jeder Berührung mit den Vertretern anderer Richtung, als der wir folgen, auszuweichen streben; wer unfern Standpunkt ehrlich und unbefangen würdigt, muß begreifen, daß wir auch nicht die mindeste Ursache zu allen diesen uns imputirten kleinlichen Zänkereien haben können. — Der Ernst der Zeiten fordert wahrlich jeden ehrlichen, denkenden Israeliten auf, der es mit seinen allgemeinen Menschen- und seinen speciell jüd. Pflichten nicht leicht nimmt, jeden Schritt abzumessen und jedes Wort, und besonders das für die Oeffentlichkeit bestimmte, genau abzuwägen, um wo möglich in diesem gährenden, treibenden Auflösungsproceß, nicht neue Ingredienzien der Zerstörung und Zerbröcklung zu bringen. Auch wir sehen die Nothwendigkeit ein, daß etwas geschaffen werde und wir halten es auch für möglich, — daß zur Gewinnung einer Basis, auf welcher der Aufbau begründet werde, ein mündlicher Ideenaustausch nöthig, also eine Versammlung von Rabbinen und Notablen höchst wünschenswerth sei; nur aber habe man sich zu vergewissern, daß die Berathung sich wirklich die Erreichung solcher Resultate zum Ziele steckt, die ein beiderseitiges Bedürfniß befriedigen. Es müsse von vornherein die Gewißheit obwalten, daß die Berathung die Förderung der gemeinsamen Zwecke und nicht die Ueberhebung der Partei das Ziel derselben sei. — Es läßt sich nun einmal nicht wegleugnen, daß die religiösen Ansichten die heutige Judenhüt spalten und hinsichtlich des Cultus und seiner Diener und Träger eine völlige Uebereinstimmung nicht zu erreichen sei; die Bewegung der Geister hat ja auch außerhalb der jüd. Kreise dieselben Spaltungen hervorgerufen, nur daß dort der öffentliche Cultusdienst auf Unterlagen beruht, die durch ihre politische und sociale Bedeutung, die sie errungen, und um welche wir sie trotzdem und alldem gar nicht zu beneiden Ursache haben — den Wechselvollen Erschütterungen der Zeitbewegung nicht so ausgesetzt find. — Aber bieten die israel. Gemeinden, die israel. Schulen keine Berührungspunkte für alle Parteien? Gibt es keinen neutralen Boden, auf welchem die allseitigen Interessen Zusammentreffen, und ist es nothwendig, weil wir uns in so Vielem nicht verständigen können, daß jede Verständigung überhaupt ausgeschlossen sei? Die Organisirung einer Landes- oder doch Komitats-Bezirks¬ und Ortsgemeinde mit Feststellung aller jener Punkte, die gleichsam nur den leiblichen Organismus, die materiellen Beziehungen der Gemeinden und Schulen zum Gegenstände haben, die Wohlthätigkeits - Anstalten 2c. das Verhältniß der Gemeinde als solche den Rabbinen und Lehrern gegenüber, ganz abgesehen von ihren religiösen Befugnissen, und so viele andere Lebensintereffen könnten und sollten sie nicht gemeinschaftliche Erledigung finden, wodurch gegen Außen die Einheit der jüd. ung. Gemeinde, auf solider Basis begründet, achtungsvoll gebietend sich darstellen könnte? — Sieht man denn nicht ein, daß bei dem jetzigen regellosen Zustand in allem und jedem so viele Kräfte gelähmt und brach liegen, die gelöst von dem Banne der ordnungslosen Anarchie und Willkür, der Versumpfung und der Corruption flüssig gemacht werden und den Gemeinden Belebung und Erfrischung bieten könnten; wollten sich die Gemeinden als solche in ihrer materiellen Wohlfahrt überhaupt und bei so vielen speciellen Lebensfragen, deren Lösung ohne Parteikampf in religiöser Beziehung möglich ist,