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Der Israelit · 1867-07-17 · Heft 29 (17.7.1867) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 29 (17.7.1867)
Date
1867-07-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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498 Nischen Fürsten, Horonzi, großes Unrecht geschehen. Der Fürst ließ ihn ins Gesängniß werfen und wollte ihn enthaupten lassen. Aber Chamil gelang es, zu entfliehen und die Kosacken, die sich zur griechisch-katholischen Religion bekennen, gegen die römisch-katholischen Polen aufzuwiegeln; bald hatte er 20,000 Mann gesammelt, und seine Horde wuchs von Tag zu Tag; dazu verband er sich mit den Tartaren, so daß er dem kleinen polnischen Heere von 6000 Mann eine zehnfach überlegene Schaar entgegenstellen konnte. Das ganze polnische Heer wurde gefangen genommen, und nun war Polen den Einfällen der Kosacken hilflos preisgegeben, und namentlich waren es die Juden und die Edelleute, welche die ganze Wuth der rohen Sieger über sich ergehen lassen mußten. Wir wollen die Gräuelscene nicht schildern, die Opfer nicht zählen, die zerstörten und verwüsteten Städte, die völlig aufgeriebenen großen Gemeinden nicht nennen — wir wollen uns abwenden von jenen furchtbaren Ereignissen und sie nur insofern berühren, als sie in den Gang unserer Erzählung eingreifen. Wir wollen vielmehr einkehren in die stille Werkstätte des Gedankens, in das ärmliche Haus eines der größten Männer, welchen unser an großen Männern so reiches Volk hervorgebracht hat. In einem kleinen Hause des Judenviertels des litthauischen Städtchens Prinsk wohnte Rabbi Sabbathai Cohen mit Frau und Kind. Kennst Dü Rabbi Sabbathai Cohen, lieber Leser, freundliche Leserin? — Wie, Ihr kennt ihn nicht? O, sagt es nicht laut, wir müßten uns sonst schämen, daß Ihr von Sokrates und Aristoteles, von Leibnitz und Humboldt, und Nicht von Sabbathai Cohen zu erzählen wißt; aber geht eilig zu dem Euch am r ächsten wohnenden jüdischen Gelehrten und laßt Euch vom „Schach"*) berichten, von dem großen Commentator des Jore Deah und Choschen Mischpot,**) von dem großen Manne, nach dessen Entscheidungen unser religiöses Leben sich meistentheils regelt, von dem scharfsinnigen Sichter des unendlich großen talmudrschen Stoffes, laßt Euch von seiner ungeheuren Belesenheit erzählen, von seinem Gedächtnisse, das ans Wunderbare grenzt, und dann folget mir in seine bescheidene Hütte und seht zu Eurem Erstaunen, daß zur Zeit unserer Erzählung Rabbi Sabbathai, wiewohl bereits ein gefeierter Held der jüdischen Wissenschaft, noch fast ein Jüngling ist. Nach polnischer Sitte hat er sich früh verheirathet. *) Schach —sind die Anfangsbuchstaben seines Namens Schabathai Cohen, sowie des Titels seiner Hauptwerke, die er nach Malachi 2, 7: „Denn des Priesters Lippen werden wahren Erkenntniß," pn „die Lippen des Priesters" nannte. **) Zwei Theile des Schulchan Aruch, des religiösen Gesetzbuches der Juden. Mirjam, seine Gattin, ist eine Urenkelin des großen Rabbi Moses Jsserles*) (Rema), des Lehrers von ganz Israel. O, sie ist ihrer großen Ahnen würdig, diese Mirjam — ein Weib^ so fromm und tugendhaft, wie die erste, die ihren Namen führte, wie die erhabene Prophetin, die Schwester von Moscheh und Ahron. Aber das Haus Rabbi Sabbathai's ist nicht die Wohnstätte des Glücks; Mirjam, die Gattin, ist krank, und Esther, das einzige Kind, ist gar zart und schwach. Da wir in das Haus des Rabbi treten, sehen wir ihn tiefbekümmert am Krankenlager seiner Gattin stehen; neben ihm trocknet die sechsjährige Esther ihre Thränen. Der Rabbi hält die fieberheiße Hand der Kranken, die eben aus unruhigem Schlummer erwacht ist. „Geliebter Mann," spricht sie, „ich fühle, daß ich von Dir und unserm theuren Kinde scheiden muß; ich bitte Dich, unterbrich mich nicht, ich habe Dir noch Wichtiges zu sagen. Als ich eben schlummerte, sah ich den Urgroßvater, den Rema, im Traume; er befahl mir, Abschied von Euch zu nehmen und Euch zu trösten ob der schweren Zukunft. Denn wisse, mein Geliebter, Schweres ist Euch beschieden, Dir und unserm Kinde. Aber ich will über Euch wachen, will für Euch flehen an Gottes Thron, will nicht rasten, bis Er Seine Engel sendet, Euch zu schützen und zu retten!" Nachdem sie so gesprochen, sank sie erschöpft in die Kissen ihres Lagers zurück. Rabbi Sabbathai suchte sie zu trösten, zu beruhigen; sie hörte, milde lächelnd, seine Troftesworte an. „Geliebter," flüsterte sie, „wohl habe ich das Glück begriffen, Deine Gattin zu sein — allein nur kurze Zeit war mir dieses Glück vergönnt; meine Zeit ist um, leb' wohl, mein Herzensmann, leb' wohl, meine süße Esther, Gott schütze und helfe Euch!" — Da schloffen sich die müden Augen, da versagte die Stimme, und ein liebevolles Mutterherz hörte auf zu schlagen, und es entschwebte die Seele, die so treu sich an den starken Geist des Gatten gelehnt' hatte; nur, als Rabbi Sabbathai laut weinend das erste und letzte Bekenntniß des Judenthums, das „Schemah Jisraöl" rief, da bewegten sich noch leise die Lippen, ehe sie sich für immer schlossen. (Fortsetzung folgt.) *) Rabbi Moses Jsserles war Rabbiner zu Krakau, woselbst er 5333 (1573) starb; die Zahl der von ihm hinterlaffenen Werke beträgt 33; seine religionsgesetzlichen Aussprüche werden fast denen Moscheh Rabbenu's gleichgeachtet. — nrth mn, sagt man noch heute von ihnen. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schtteüpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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