Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1867)
- Date
- 1867-07-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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VHI. Jahr gang. Beilage zu Nr. 28 des Israelit. Leitender Artikel. Die Vorgänge in Ungarn. (Fortsetzung.) Die israel. Cultusgemeinde in Pestb, bei aller Hochachtung, die wir einer solchen ebrlnbaflen Körperschaft schulden und zu jeder Zeit gerne zollen. — dankt ihren hervorragenden Rang irn Kreise der Schwestergemeinden zum größern Theil der Zahlüberlegenheit ihrer Mitglieder, den sehr reichhaltigen, materiellen Mitteln, die ihr zu Gebote stehen. — Die P.sther Isr. Gemeinde als solche, — wir sehen immer von rühmlichen Ausnahmen ihrer einzelnen Mitglieder ab — als Gesammtheit nämlich, bat es unterlassen, den isr. Gemeinden des Landes auf dem Gebiete des geistigen Lebens voranzuleuchten; sie hat die jüd. Wissenschaft wahrlich nicht zu bereichern gesucht, indem sie eine Zurückhaltung und Bescheidenheit an Bedürfniß geistiger Kräfte an den Tag gelegt, die bereits jetzt schon fühlbar nachtheilig auf die Entwicklung der isr. Gemeinden des Landes eingewirkt haben. Die Gemeinde in Pesth hat die Cenrralisation mit eiserner Hand durchgeführt, einen Tempel, der wohl an Pracht und Herrlichkeit alle isr. Belhäuser weit über die Gränzen des Landes hinaus überragt, für die Gesammtbevölkerung der Stadt erbaut. (Das alte Bethaus für die sehr zahlreichen orthodoxen Gemeinde- Mitglieder, das zwar nicht eine Ruine genannt werden kann, dem aber, wenn auch nicht Versallenheit und Staub, doch die Ehrwürdigkeit des Alters fehlt, und von einer Selbstversagung nicht nur aller und jeder ästhetischer Regung zeigt, sondern auch den fleißigen Besuchern eine Selbstverleugnung, die auf jede Bequemlichkeit, auf Licht, Lust und Raum verzichtet, aufletzt, kommt wenig in Betracht*); ebenso daß für das Gesammtbedürfniß an Belehrung und Erbauung für alle verschiedene Richtungen, die doch die Pesther JSr. Gemeinde repräskntirt, bis in ganz letzter Zeit, wo noch ein ungarischer Prediger angeftellt wurde, ein Rabbiner-Prediger genügte.) Die beiden Radbinats - Aflefloren *) Lebendige, belehrende Vorträge werden in demselben nicht gehört. Die homiletischen Streiszüge des Herrn Oberrabb. Dr. M. daselbst constatiren nur ein amtliches Recht. Confequenter Weise könnte man hin und wieder Red Hillel aus Sikszü zu einem Cyclus von chastdischen Derascha's im neuen Tempel einladen. Ein großer Theil der Stammbesucher des alten BethauseS glänzen bei dm periodischm Borträgm des Herrn Oberrabb. durch ihre Abwesenheit. »7). — in Pesth haben bekanntlich einen sehr beschränkten Wirkungskreis, und hält keiner von ihnen öffentliche Vorträge. Hiemil war das Losungswort gegeben: Durch die Concentnrung der materiellen Kräfte mehr — ich will nicht sagen ausschließlich — für den äußern unfruchtbaren. Glanz zu wirken und zu streben, als für die Belehrung und Anregung, für die Befriedigung der verschiedenen entwicklungsfähigen, intellektuellen Beoöikerungselemente sorgen zu wollen. — Wo finden wir noch eine ähnliche zahl - und inittelreiche Gemeinde auf fo karge goisiiae Kost angewiesen wie in Pesth? Wo finden wir noch eine solche Beschränkung des religiösen und auch des Höhen? allgemein wlffenschastlichen Lehrpersouals, das die geistige Labung und Nahrung dem Volke zu reichen berufen ist, als iu Pesth? In Prag z. B. b« gegncn wir den ersten besten Kräften, den Heroen der Wissenschaft, Sternen erster Größe an dem Himmel der jüdischen Gelehrsamkeit und der allgemeinen Kultur, die innerhalb einer an Zahl viel klemeri jüdischen Gemeinde Belehrung spenden, die Wiffenschaft fördern, vie Moral heben. Neben eimm Nappoporl, Freund und Kämpf finden wir noch Stein, Wessely und so viele andere in den verschiedenen Lehrweiseu thätig. — In der viel kleinern Isr. Gemeinde in Wien ist doch auch eine ganz andere rege Thätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen Wiffenschaft und Literatur zu bemerken, als in der Hauptstadt Ungarns, in dem Lande, in welchem in so vielen Provinzial-Städten die verschiedenen Richtungen wiffenschastliche Vertretungen haben, wie sobald in keinem Lande mehr. Die israel. Gemeinde in Pesth hat mit Verleugnung jeder Rivalität, einer jeden Anspruches auf Geltendmachung auf rem weilen Gcfilde der talmudischhalachrschen Literatur sich begnügt, eine sich ewig gleich bleibende, auf dem homiletischen Gebiete sich beschrankende Belehrung aus dem Munde eines Rabbiner-Predigers, der zugleich die ganze Last des amtlichen Theiles seiner Stellung zu tragen hat, zu empfangen. Die vielen Controversen mit mehr oder weniger Bedeutung, mit mehr oder weniger Geistesschärfe und Tiefe sind alle seit Jahren in unserem Lande zumeist über Pesth hinweg, es beiseite laffend, von den Vertretern der verschiedenen Richtungen geführt worden, ohne daß die größte Gemeinde des Landes an diesen Kämpfen wesentlich theilnahm. — Sie birgt wohl die Massen der Parteien in ihrem Weichbilde, aber ohne ihnen ein Haupt, einen Führer geben zu können. Wie traurig diese Kämpfe auch mitunter sind, so laffen sie sich doch nicht wegleugnen; ja zum großen Theile haben sie, objeetiv betrachtet, ihre volle Berech-