Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1867)
- Date
- 1867-07-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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482 zücken die langentbehrten Tephillin und ein Gebetbuch auf einem Tische vor seinem Bette liegen. Er wusch sich, kleidete sich an und betete mit heißer Andacht; dann brachte ihm Perez das Frühstück. Don Jsak aß mit gutem Appetite. „Darf ich jetzt den Prinzen aufsuchen?" fragte er. „„Er wird zu Euch kommen, sobald Ihr es erlaubt. "" „O, ich sehne mich unendlich, ihm meinen Dank abzustatten!" Perez ging hinaus; dann kam er zurück, die Thüre weit öffnend, und hereinschwebte eine holde Frauengestalt, im weißen Gewände, im bräutlichen Schmuck. „Viola, Violai" „„Mein Jsak, mein Jsak!"" „Viola, Du hier, wie ist das möglich?" Und sie lag an seiner Brust, und er umarmte und küßte sie, und vergeffen war die ganze Welt und all die vergangenen Leiden — das Entzücken der wiedervereinigten Gatten war grenzenlos. Erst nach langer Zeit konnte Don Jsak wieder Worte finden. „Meine Viola," sprach er, „das werde ich Dir nie vergeffen, daß Du im sichern Vertrauen auf meine Rettung den weiten und gefahrvollen Weg mir bist entgegengefahren. Aber jetzt will ich die Pflicht der Dankbarkeit nicht länger hinausschieben. Wo ist Prinz Heinrich, daß ich ihm endlich danken kann?" Da wandte Viola verschämt ihr Angesicht ab. Perez aber sprach lächelnd: „Prinz Heinrich von Schaumburg sitzt an Eurer Seite." „„Was?"" fragte Don Jsak erstaunt, seinen Ohren nicht trauend. „Der wirkliche Prinz Heinrich von Schaumburg," fuhr Perez zu reden fort, „ist daheim in Deutschland; Eure Gemahlin hat mit seiner Einwilligung seinen Namen geborgt, seine Papiere benützt. Die Verbindungen Eures Hauses und die Gefälligkeit des Erbstatthalters halfen den klugen Plan ausführen, den Eure heldenmüthige Gemahlin nicht allein ersonnen, sondern selbst glücklich zu Ende gebracht hat." „„Viola, meine Viola, Du Heldenweib, wie soll ich Dir danken?"" „Danken wir dem Allgütigen, daß er uns Beide aus so viel Elend und Gefahr glücklich errettet hat. Was ich gethan, habe ich für mich gethan, denn, was wäre mir das Leben ohne Dich, mein Geliebter?" Eine glückliche und rasche Fahrt brachte Don Jsak und seine Gemahlin nach dem Hafen von Amsterdam; als die Jacht signalifirt war, strömte fast die ganze Bevölkerung von Amsterdam nach dem Hafen, um das heldenmüthige Weib und ihren hartgeprüften Gatten zu sehen. Don Abraham fuhr mit dem Lootsen an das Schiff, um seine Kinder einige Stunden früher zu begrüßen. Der Tag der glücklichen Heimkehr Don Jsak's und Viola's war ein Festlag für ganz Amsterdam. Don Abraham de Pinto ließ alle Armen ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung aufs Reichlichste speisen und außerdem noch große Geldsummen an sie vertheilen. In den beiden Synagogen, sowohl in der spanischen wie in der deutschen, wurde Dankgottesdienst abgehalten. Die Deutschen sagten: „Jsak de Pinto hat die Schmach von seinen Brüdern genommen, da er lieber sterben als seinen Glauben verleugnen wollte." — Die Spanier sagten: „Die Deutschen sind uns ebenbürtig worden, da ein solches Heldenweib wie Vwla de Pinto aus ihrer Mitte hervorgegangen." Das Glück der Familie de Pinto wurde nicht mehr getrübt. Don Abraham starb in hohem, glücklichem Alter; ihm folgte der treue Perez bald ins Grab. Der Sohn des gemordeten Jan Matches führte als wackerer Schiffscapitän die Schrffe de Pinto's nach allen Meeren. Als bald nach den oben erzählten Begebenheiten in Spanien die modernen Anschauungen mehr und mehr zum Durchbruche gelangten, wurde Don Jsak de Pinto zum Finanzagenten der spanischen Regierung ernannt; nunmehr wurde die io lange mit Beschlag belegte Speranza und der Erlös ihrer Ladung dem rechtmäßigen Ergenthümer zurückerstattet. Eines Tages wurden Don Jsak zwei Greise gemeldet; den Einen erkannte er sofort — es war Don Jos6, der Priester, der ihm im Gefängniß Much und Hoffnung eingeflößt hatte; der Andere war Don Juan de Castro, der ehemalige Beichtvater des Königs von Spanien — sie waren aus Spanien entflohen, um als Juden sterben zu können. Wiewohl bereits im hohen Alter stehend, ließen sie dennoch die Beschneidung an sich vollziehen. Sie blieben im Hause de Pinto's als hochverehrte Gäste; ihre Leichen ruhen auf dem sephardischen Friedhofe in Amsterdam. Rur Eines fehlte zum vollen Glücke Don Jsak's und Viola's: der Kindersegen war ihnen versagt — aber die Armen waren ihre Hausgenoffen, ihre Kinder. Als Don Jsak starb, hinterließ er sein ungeheures Vermögen fast ausschließlich milden Stiftungen; seine Gattin war ihm vorausgegangen. Beider Andenken wird noch heute gesegnet. — Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnetlprefsendruck von I. GottSleben in Rairq.