Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1867)
- Date
- 1867-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447291-2447318--05274-2460772- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
462 Leben Abschied nehmenden Menschen? Seine Vergangenheit, war sie kurz oder war sie lang, sür ihn nun gleich, er überblickt mit seinen Gedanken sie wie einen gehabten Traum, die Spanne Leben, die ihm noch vergönnt ist, beschäftigt allein sein Sinnen, und diese eilt pfeilschnell vorüber. Mit Resignation blickt der Ungläubige auf sein schauerliches Ende. Da liegt der Fürst, der mit mächtigem Worte Millionen beherrschte, auf dessen Geheiß Ströme ihren Lauf ändern mußten, Berge aus ihrem Grunde weggerissen wurden, Abgründe in Ebnen sich verwandelten, öde Wüsten umgeschafft wurden: hier liegt der Meise, der die Erde aus ihren Angeln heben zu können vermeinte, der dem furchtbaren Blitz seine Bahn vorschrieb, dem alle Himmelserscheinungen ein Spiel waren; nun liegen sie sämmtlich unbeholfen da und konvulsivische Bewegungen verkünden ihre inneren Leiden. Eine Welt steht da um sie herum, jeder wollte gern — des hohen Preises wegen — sür ihre Rettung laufen, kämpfen, arbeiten, ihre Familienglieder würden oft freudig ihr Blut für sie opfern; aber es ist alles vergebens, es ist keine Hilfe mehr für sie vorhanden. Jetzt in diesem schrecklichen Augenblicke hört jeder deutlich die göttlichen Donnerworte: „Seht jetzt, daß ich allein es bin und keine Macht ist neben mir, ich tobte und belebe, ich verwunde und heile, vor meiner Macht ist keine Rettung." Nun in dieser so ernsten Lebensstunde befragen wir die verschiedenen Gottlosen, was sie eigentlich als Ziel ihres Lebens sich denken mögen? Der größte Theil der Gewerbsleute, der mehr an Thun als an Denken gewöhnt ist, sieht sich jetzt dem Mastvieh gleich, das er gepflegt, vor Schäden bewahret, für seine Gesundheit gesorgt, endlich das Messer an seine Kehle setzt, und es erdrosselt — mit dem Unterschiede, daß er für seine eigene Pflege hat sorgen müssen, und noch bei seinem Ende von Unruhe befallen wird, wenn er für die Versorgung seiner Nachkommen nicht genügend hinterläßt. Von diesen entwürdigten Menschen wenden wir uns an die Intelligenteren; hier liegt der sterbende Künstler, der sterbende Staatsmann, der sterbende Held u. s. w., die recht viel Nützliches für ihre Mit- und Nachwelt gewirkt haben; schon bei ihrem Leben waren ihre Namen hochberühmt, die dankbare Menschheit verewigt diese Namen durch verschiedene Denkmäler, nun müssen sie aber von dieser schönen Welt in das finstere Grab ziehen, wo ewige Nacht sie umhüllen wird; alle Frucht ihrer Emsigkeit und ihres Fleißes ist nun sür Andere; sie selbst nehmen keinen Antheil daran, ihr Körper wird jetzt, von Würmern durchwühlt, Staub und Asche werden, Namen und Ruhm werden noch lange nach ihrem Hinscheiden fortdauern, aber nicht ihre Namen und nicht ihr Ruhm sind es, da sie selbst gänzlich aufgehört, mit ihnen in keinerlei Verbindung stehen; für sie ist der Himmel und die Erde sammt ihren sämmtlichen Bewohnern auf ewig untergegangen. Die Natur, in der lauter Wahrheit, hat diesesmal gelogen, als sie die Sehnsucht nach Nachruhm in des Menschen Herz gelegt, da Nachruhm blos mit dem Fortbestand des Geistes denkbar ist. Betrachten wir nun den sterbenden Epikuräer, der die Annehmlichkeiten der Erde vollständig genossen, der keine Gelegenheit versäumte, seinen Körper zu pflegen; jetzt aber soll er von allen Genüssen Abschied nehmen; diese ziehen nun sämmtlich an seinen trüben Gedanken vorüber, und scheinen seiner schadenfroh zu höhnen. O! dieser moralische Schmerz muß seine physischen Leiden weit übertreffen und wie oft hört man Solche ihr Dasein verfluchen! Nun, wie könnte der Schöpfer, dessen sammtliche Einrichtungen in der Natur der menschlichen Glückseligkeit so angepaßt sind, die letzten Tage so verbittern? Wie könnte Er ein thatenoft auch tugendreiches Leben so qualvoll beschließen lassen? Wir ersehen hieraus klar, daß das Hinscheiden von dem irdischen Leben nicht das Ende des menschlichen Daseins sei; weil das Ziel, welches der weise Schöpfer bei der künstlichen Construction des Menschen sich setzte, nicht die Verwesung sein konnte. Es ist uns wohl alles von unserem künftigen Dasein verborgen, es kann der beschränkte Geist nicht mit Gewißheit behaupten, was außer dem Bereiche seiner Erfahrung liegt, es läßt sich blos ahnen, daß diese Welten alle, die mit unserer Erde im Himmelskreise sich bewegen, ebenfalls zum Aufenthaltsorte von Wesen bestimmt sind, auf denen unser Geist von Sphäre zu Sphäre zur höchsten Vollkommenheit hinschwebt. Was wir aber mit Zuversicht wissen, was jeden Zweifel ausschließt, ist, daß der Schöpfer, der den mit wunderbaren Fertigkeiten ausgerüsteten Menschen zu bilden vermochte, die Kraft besitzt, dieses Wesen, das schon einmal vorhanden war, abermals in das Dasein zu rufen, ihm Leben und Wirkungskraft nach seinem ehemaligen Verdienste wieder zu verleihen. Daß aber die Denkkraft abermals beginnen kann, nachdem sie ihr Wirken eingestellt hat, daß, um mit Kant zu sprechen, die durch Remisse schlaff gewordene Saite, wieder in Spannung gesetzt werden könne, davon überzeugt uns der Schlaf, nebst jenen Krankheiten, wahrend deren Dauer der Geist zu denken aufhörtz aber nichtsdestoweniger nach Beseitigung der Hindernisse feine Wirkung wieder beginnt. Warum soll also unsere abgeschiedene Seele nicht, mit einem andern Körper versehen, auf dieser Erde noch, oder auf einem andern Himmelskörper, ihr Denken neuerdings wieder beginnen und ihre Vollkommenheit immer höher anstreben können? Mit der Idee der Unsterblichkeit übereinstimmend, wird in der Heiligen Schrift das Hinscheiden der