Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1867)
- Date
- 1867-06-26
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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454 weise geholfen würde, da die Irreligiosität tiefer als in den äußerlichen Veranlassungen und zwar in der Indifferenz oder gar im bösen Willen in einem großen, wenn nicht dem größten Theil der Fälle wurzelt. Sehen wir nun zu, wo das Unheil entstanden und wie ihm radikal und allein durchgreifend gesteuert werden kann, so wird sich uns sofort die Nothwendigkeit der Verbesserung und Ausdehnung der jüdischen Schule, ihre Zurückleitung in den echt jüdischen Geist, als das einzige Universalmittel darbieten. Es zu ergreifen, schrecken wir nicht zurück, finden es aber vor unserer nachstehenden Beurtheilung heute noch — wenigstens im Großen und Ganzen — unausführbar. Es ist ein Werk, das riesige Kräfte erfordert, die es auch bei den aufrichtigen Bekennern unserer hl. Religion finden wird, sobald sich erst die Erkenntnis; von der absoluten Erforderlichkeit der radikalen Umgestaltung, der Wiederbelebung des mehr und mehr abhanden kommenden echt jüdischen Geistes in weiteren Kreisen Bahn gebrochen hat. Doch dürfen wir diese Zeit, die vielleicht noch sehr entfernt, vielleicht auch nahe ist, nicht in Gleichmuth abwarten; eines Jeglichen Pflicht ist es auch jetzt schon Stein zu Stein zur einstigen Vollführung dieses großen Baues zusammenzutragen. Wenn wir uns hier also mit der Grundsteinlegung und Fundamentirung — den weiteren Ausbau der Zukunft überlassend — begnügen müssen, bleibt es unsereMflicht, zu untersuchen, ob wir in dem nächsten Stadium von unten her, dem der Schule folgenden, in welchem sich der Jüngling in die Vorbereitung zu seinem einstigen Berufe als Kaufmann oder Handwerker oder zu irgendwelchem sonstigen Wirken begibt, wo Geist und Gemüth bei ihm noch sehr bildungsfähig sind, helfen können. Dies zu erreichen, soll eben der projectirte Sabbat-Verein berufen sein und diesen Wirkungskreis würde derselbe sich sehr schnell, ohne vorher erheblich fundirt zu sein, eröffnen können. Es wäre der ausschließlich hieraus gerichtete Zweck kein geringer; er ginge dahin, in der Heranwachsenden Generation tüchtige jüdische Männer für Handel und Industrie aufzuziehen, die, auch mit religiösem Willen und Wissen ausgestattet, sich durch Samstagswochenmarkt nicht zur Übertretung heiligster Satzungen verleiten lassen würden, aber doch kräftig zur Beseitigung solcher Hindernisse, die ihrer freien Ausübung des Handels — nicht der außer Frage gestellten Religion — noch entgegensiehen, wirken würden. So finde ich denn den in dem Entwürfe des H. Dr. H. in Aussicht genommenen äußern Apparat für uns hier zu groß, zu weitläufig angelegt, namentlich für den Anfang; ich möchte sagen, wir gerathen dadurch in Gefahr, daß uns vor lauter Bäume der Wald verloren gehe; und wie ich in meinem neulichen Schreiben vor Zersplitterung der materiellen Kräfte warnte, so möchte ich jetzt vor Spaltung und Vergeudung der intellectuellen Kräfte warnen; und solcher möchten wir kaum entgehen können, wenn wir den Formen — das unnöthige Beiwerk für den Anbeginn — zu vielen Werth beilegten, sie zu ausgedehnt behandelten und dadurch in hundert minutiösesten Punkten zu Gegenvorschlägen und Verbesserungsanträgen reizten. Das Resultat solcher Discussionen würde sich in dem Verluste vieler kostbaren Zeit, in deren Entziehung dem Wirken für die Sache selbst, summiren. Versuchen wir es ohne Formen, soweit solche nicht unbedingt erforderlich sind, pressen wir nicht den Verein in vorher gezogene Schranken, lassen wir vielmehr aus seiner Wirksamkeit heraus sich die für ihn geeignetste, seine Entfaltung am wenigsten hemmende äußere Umkleidung gestalten und nicht umgekehrt. Herr vr. H. proponirt ein komplicirtes Wahlverfahren, in dem Wunsche, Allen gerecht zu werden. Er meint, in der Pariser Alliance müsse die Vereinigung über die Kandidaten leichter zu erzielen sein. Ich bin gerade entgegengesetzter Ansicht. Die All. Isr. univ. umfaßt in ihren Mitgliedern die divergirendsten Anschauungen auf religiösem Gebiet, die bei jeder Gelegenheit zu Reibungen und Meinungswiderstreit führen müßten, wenn nicht durch einfaches Wahlreglement, das mir übrigens im Einzelnen nicht bekannt ist, dem vorgebeugt wäre. Die Mitglieder unseres Vereins — für den beiläufig die richtigste (weil die Tendenz am bündigsten ausdrückende) Firma Schomre Schabbath - Verein wäre*) — huldigen sämmtlich naturgemäß der orthodoxen Richtung und dürfen wir in deren gesunden Sinn das Vertrauen setzen, daß sie so sehr von dem Ernste und der Wichtigkeit einträchtigen Strebens durchdrungen sind, um auf jeden Gedanken mit den, die innere Organisation des Vereins betreffenden Personcnfragcn individuelle Wünsche und Ansichten zur Geltung bringen zu wollen, Verzicht zu leisten. Daß die etwa ausschließlich von den Wiener und Mainzer (oder Frankfurter) Mitgliedern vollzogenen Wahlen diejenigen Leute an die Spitze der Leitung der Geschäfte bringen werdm, die auch auswärts volles Vertrauen genießen, wird wohl von keiner Seite bezweifelt werden und ebenso wird es sich bei den Provinzialnebenorte Bewohnenden im Verhältnisse zu den Wahlen in die Comites der Provinzialhauptstädte verhalten. Zum Ueberfluß mag die wohl nie in Geltung kommende Bestimmung zugefügt werden, daß der Majorität der dem Centralkomite untergeordneten Provinzialkomites, durch schriftlich innerhalb 4 Wochen nach zu deren Kenntniß gebrachtem Wahlausfalle an- *) Im klebrigen ist die Wahl dieser Bezeichnung nicht wesentlich und, einmal irgendwo festgestellt, kaum geeignet, von irgend welcher Seite Remonstration hervorzurufen.