Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1867)
- Date
- 1867-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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418 geeignet, einem weitverbreiteten Vorurtheile entgegenzutreten, weßhalb wir ihn hier in yxtvnso folgen lassen: „Die alte Ehe (der Juden,) welche die Gattin dem Gatten ohne irgend eine Beschränkung, ohne Gegengewicht überließ, war eine wahre Sklaverei;" (S. 162.) so meint Herr Nönan. Wenn das wirklich wahr wäre, was wir hier apodiktisch von Ränan ausgesprochen lesen, daß die Gattin dem Gatten ohne irgend eine Beschränkung überlassen war, und somit jene zu diesem in dem Verhältniß der Sklavin zum Herrn gestanden hätte: so wäre gewiß niemals die jüdische Ehe mustergiltig geworden, so hätte niemals das jüdische Familienleben sich zu einem so innigen, so staunenerregend innigen gestaltet. Ich weise nicht aus das Loblied hin, mit welchem Salomon das tugendhafte Weib besingt: man würde mir erwiedern, daß die Bibel allerdinges die Stellung des Weibes anders begreife, höher.auffasse, als die Rabbinen; auf den Talmud will ich Hinweisen und Rönan nur bitten, vor allen Dingen einmal den Tractat Nidda Bl. 31 b. nachzulesen, wie die Rabbinen das Verhältniß des Mannes zur Frau begreifen. Da ist die Frau schon längst dem Manne bestimmt, *) der Mann hat sie nur wiedergefunden, sie ist das verlorene Kleinod, nach welchem man sucht und späht, und dessen Wiedererlangung erst dem Manne die wahre Herzensfreude wiedergibt.2) Doch mit dieser Stelle wollen wir uns noch lange nicht begnügen: wir holen einen andern Folianten aus dem Bücherschränke, den Tractat Baba Mezia, in welchem wir (Bl. 59. a.) lesen: Rab sagte: Hütet euch, die Frau zu kränken, sie ist leicht beleidigt und weint gleich; und noch auf derselben Seite finden wir einen Ausspruch Raba s: Halteteure Frauen in Ehren, dann werdet ihr Gnade in Gottes Augen finden, und euer Gebet wird stets erhört werden. Die alte Ehe sei Sklaverei gewesen? Nun, hören wir einmal R. Assi: „Der theilt alles nach dem richtigen Maße ein, dessen Ausgaben für Essen und Trinken nicht bedeutend, unter seinem Stande, dessen Kleider jedoch standesgemäß sind, der aber, um seine Frau und Kinder zu ehren, Anstrengungen macht und über seinen Stand hinausgeht." 3) Und was lehrt uns nun gar eine alte Boraitha: „Der seine Frau liebt wie sich selbst, sie jedoch ehrt mehr als sich selbst u. s. w., auf den sagt die Schrift: Du bsst gkwiß, daß deine Hütte friedlich ist (Hiob 5, 14)." 4) Passen die Aussprüche auf eine 1) Vgl. auch Sanhedrin f. 22 s. dm Ausspruch Rab. Jehuda's. 2) Vgl. Jebamoth f. 62t).: R Tanchum sagte: „Jeder Jude, der ohne Frau ist. lebt ohne Freude, ohne Segen, ohne Lebensglück; Raba bar Ula setzte auch hinzu: „Ohne Friedm." Val. Bereschith raba e. 17. 3) Chullin f. 84. b. 4) Jebamoth f. 62 b. Ehe, die Sklaverei war? Wenn das wahr wäre, was Herr Renan über die alte Ehe sagt, dann hätte es gewiß keine Frau gegeben, die, Stellung und Reichthum hinter den Rücken werfend, die Prunkgemächer des väterlichen Hauses verlassen hätte, um, dem Rufe des Herzens gehorchend, dem Manne ihrer Liebe in Armuth und Elend zu folgen. Man lese nur die rührende Erzählung von der Tochter des reichen ben Kalba Sabua, welche den armen Akiba geheirathet, in Folge dessen aus dem Hause ihres Vaters gewiesen, in Elend sich ernähren mußte, da sie ihrem Manne gern den Herzenswunsch gewährt hat, auf einige Zeit i zur Ausbildung in der Gesetzeskunde ins Ausland zu > gehen5). Bei Sklavinnen findet man wohl Gehör- , sam und Unterwürfigkeit, niemals aber edle Hingebung j und Selbstverleugnung. Und nun höre man noch R.! Akiba selbst, den Helden der angeführten Erzählung: z „Wo Mann und Weib in Eintracht beisammen leben, > da weilt Gottes Majestät 6)." — Schwer ist zu dej greisen, was Herr Nönan meint, wenn er sagt, daß! die Frau dem Manne ohne Gegengewicht überlassen I war; es wäre uns sehr erwünscht gewesen, wenn wir diesen apodiktisch ausgesprochenen Satz durch einen j Belsg erhärtet gesehen hätten. Ist diese angebliche! Schutzlosigkeit der Frau vielleicht in der Scheidung j gefunden, die bei den Juden de jure sehr leicht war? Allerdings war die Ehescheidung bei den Juden sehr leicht, die Erfahrung lehrt es aber erstens, daß eine Erleichterung in dieser Beziehung besser ist als eine Erschwerung, dann aber kann die juridische Macht, die das Gesetz dem Manne einräumt, noch nichts für die Stellung der Frau beweisen, hier ist die Frage am Platze: Wie wird die Ehescheidung an sich beurtheilt? Wie wird der betrachtet, der von der Erleichterung einen Gebrauch macht oder machen muß? Wird die Ehe als ein so lockeres Band angesehen, daß man an einer Zerreißung desselben unbekümmert vorbei geht, oder wird eine solche Trennung bedauert? Die Antwort gibt uns R. Eleasar: „Ueber den, der sich von seiner ersten Frau 7 8) trennt, vergießt sogar der Goltesaltar Thränen«)." Die Ehe gilt den Juden als ein von Gott gestifteter Bund 9), und in diesem heiligen Gedanken hat von jeher die Garantie für die Dauer dieses Bündnisses gelegen. Aus diesem Gedanken entspringt der angeführte Ausspruch des R Eleasar, in diesem Gedanken wurzelt das Wort des R. 5) Kethuboth f. 62 b; vgl. Nedarim f. 50 a. 6) Sota f. 17 a. 7) Es wird mit Recht angenommen, daß bei der ersten Frau die Liebe stets inniger und mächtiger ist, als bei der späteren; auch scheint die Vielweiberei, wenn sie auch erlaubt war, bei den Rabbinen nicht beliebt gewesen zu sein, und wird deßhalb, wenn von dem innigen Verhältniß in der Ehe die Rede ist, gewöhnlich nur von der „ersten Frau" gesprochen. 8) Gittin, Schluß. 9) Vgl. Bereschith rabba c. 66.