Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1867)
- Date
- 1867-06-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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411 beschäftigen sich diese großen Verträge nur mit den christlichen Bevölkerungen, denen allein alle politischen Rechte übertragen sind. Hoffentlich wird man jedoch die Nvthwendigkeit begreifen, die Anhänger aller Kulte auf die gleiche Stufe zustellen. Das Haus der Gemeinen in England hat sich auf eine Interpellation des Herrn Goldschmidt lebhaft mit den serbischen Juden beschäftigt, welche trotz der Verträge wie die Parias behandelt werden, und Lord Stanley hat, nachdem er öffentlich die Sympathie der Regierung für sie ausgesprochen, feinen Agenten die entschiedensten Instruktionen, und dem englischen Botschafter in Konsiantinopel, wo sich der Fürst von Serbien befand, die ausdrückliche Weisung geschickt, diesen daran zu erinnern, daß England den unterdrückten Christen seinen Beistand leihe, daß aber die Christen sich hüten müßten, die Juden zu unterdrücken." Der Kaiser antwortete: „Diese Unterdrückung ist weder zu ertragen, noch zu begreifen. Ich werde dies dem Fürsten aussprechen." — „Und ich, Sire, werde meinen unglücklichen Glaubensgenossen von Rumänien die edlen Worte Cw. Majestät hinterbringen. Sie werden ihr Trost und ihre Hoffnung sein. Und wenn der Kaiser öffentlich seine Meinung ausspricht und diese Barbareien des Mittelalters brandmarkt, so werden sie aushören und die Genugthuung wird kommen. Ich will mich meinerseits an die Presse wenden; ich weiß, daß alle ihre Sympathien uns zu Hilfe kommen, und daß alle Stimmen sich gegen diese gehässige Verfolgung erheben werden, welche ein Minister einer konstitutionellen Regierung eingeleitet hat." — Der Kaiser sagte: „Für so großes Unglück sind meine Sympathien gewonnen." Rußland. Warschau. Das Almosenwesen dahier wird, wie alle übrigen Gemeindeinftitutionen, von den 7 Gemeindevorstehern, welche alle 3 Jahre neu gewählt werden, verwaltet. Unter der Aufsicht dieser Männer werden die Almosen gesammelt, die so reichlich ekngehen, daß wir uns nicht versagen können, hiermit dieser Gemeinde unsere vollste Anerkennung auszusprechen. Die Sammlung derselben findet in einer eigentümlichen Weise statt, die vielleicht für manche Gemeinde nachahmungswürdig ist. Jeden Tag gehen die Gemeindediener mit verschlossenen und mit dem Gemeindesiegel versehenen Büchsen durch die Straßen der Stadt. Jede Büchse hat oben fünf Oeffnungen und, entsprechend diesen Oeffnungen, im Innern fünf Abtheilungen. Oberhalb der Oeffnungen steht mit hervorstehenden Buchstaben geschrieben: Darlehenskasse, Armenkasse, Talmud-Thorakasse, Bekleidungskasse und Kranken-Unterstützungs kaffe. Ein Jeder gibt in dieselben nach Belieben und zu welchem Zwecke er gerade will, ein Almosen. Des Abends bringen die Diener die Büchsen auf das Gemeindelokal, woselbst sie geöffnet werden. Das Geld wird gezäblt und in die Gemeindekaffe gelegt. Solche Büchsen sieben auch jeden Montag und Donnerstag zur Zeit des Gottesdienstes außerhalb der Synagogen. Das gesammelte Geld wird auf folgende Weise verwendet: Aus der Darlehenskasse wird Gemeindemitgliedern, die in Geldverlegenheit sind, Geld geliehen, wogegen der Leiher irgend ein Pfand zu hinterlegen hat. Je nach Umständen werden von 1—150 Rubel (1 R. — 1 fl. 36 kr.) ausgeliehen. Der Beamte hat das Recht bis 30 Rubel nach eigenem Ermessen auszuleihen; wird mehr verlangt, so muß er einen der Vorstände hierüber zu Rathe ziehen. Selbstverständlich werden für die ausgeliehenen Gelder keine Zinsen genommen. An einem bestimmten Tage des Jahres werden die eingegangenen Pfänder versteigert und ist die Versteigerungssumme eines Pfandes größer als das darauf geliehene Geld, so wird der Ueberschuß dem srühern Eigenthümer zurückgegeben. Will Jemand sein gegebenes Pfand nicht versteigert haben, so muß er eine kleine Anzahlung machen und hat er ein weiteres Jahr Zeit, seine Schuld in kleinen Raten, die aber nicht weniger als 15 Kopeken betragen dürfen, zurückzuzahlen. In der Darlehenskasse befinden sich 18,000 Rubel. Die Armenkasse unterstützt die Armen durch einen wöchentlichen Beitrag, und erhalten besonders Diejenigen, die durch irgend welchen Leibesfehler sich ihre Nahrung nicht anderweitig erwerben können, ihren vollständigen Hausbedarf. Im Winter wird jedem Armen 2—3 Rubel zum Ankauf von Holz gegeben; auch wird armen Mädchen als Beitrag zu ihrer Ausstattung von 1—30 Rubel geschenkt. Der Armenkasse stehen jährlich 6500 R. zur Verfügung. Aus der Talmud-Thorakaffe finden ungefähr 300 junge Leute, die die Thora und die profanen Wissenschaften studiren, Unterstützung. Die Kinder lernen '-idj: 'JE'D ,*rpc. Eigens dazu angestellte Lehrer unterrichten dieselben in der hebräischen, russischen und polnischen Sprache. Eine Anzahl Männer, die für die Jugenderziehung großes Interesse zeigen, haben die schöne Aufgabe übernommen, diese Schüler zu überwachen, sie an jedem Sabbat und Feiertag zu prüfen, um zu erfahren, welche Fortschritte sie gemacht und was für ihre weitere Entwickelung nöthig ist. Die Kinder der Armen werden im Winter mit Tuchkleidern und Schuhen versehen. 1500 Rubel gehen jährlich für diese Kasse ein. Da jedoch diese Summe für diesen Zweck unzureichend ist, so erhält die Kasse auf Veranlassung der Regierung von den Synagogen weitere 1500 Rubel. Das Geld der Bekleidungskasse wird zur An-