Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1867)
- Date
- 1867-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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402 die von der Vorsehung ihm bestimmte Glückseligkeit nicht mehr erreichen, so vermögen alle Schätze der Welt ihn nicht zu befriedigen, wenn sein Streben dem Ziele des Universums widerstrebt, da dieses den Willen dessen erfüllet, der es zu nichts Anderem hervorgebracht, als den Menschen zu seinem Ziele zu führen. EL kann daher der Mensch sich nicht, dem Thiere gleich, damit begnügen, daß er ist, sondern er hat die Pflicht, emsig nachzuforschen, wozu er ist, was er im Leben zu leisten habe, und nach dem Resultate seiner Forschung sein individuelles Streben sowohl als die Ordnung in der Gesellschaft zu richten; dann wird er auf dem Wege leben, den Gott für ihn bestimmt hat, und er muß dann die Glückseligkeit unfehlbar erreichen. Zur Erforschung dieses Lebenszieles stehen ihm zwei Lehren zu Gebote: die Natur und die Geschichte; wenn der Mensch nämlich die natürlichen Ereignisse, die mit ihm selbst vorgehen, von der Zeit feiner Entstehung bis zu der feines Hinscheidens beobachtet, und die bis zur Schöpfung hin reichende Ueberlieferung studirt, welche die heilige Schrift uns auszubewahren für nöthig erachtete, so muß er es nothwendig erkennen, was der Schöpfer mit ihm beabsichtigte, als er ihn in das Dasein gerufen. So sagt Funke: „Ist die Geschichte der Menschheit die Offenbarung Gottes in der Zeit, wie die Natur die Offenbarung Gottes im Raume, so muß die Betrachtung der Geschichte und der Natur irgend etwas Gemeinschaftliches haben, das in beiden zu einem Zwecke, zu der Erkenntniß der waltenden Gottheit hinführt." Diese Abhandlung nun wird die Hauptmomente aus dem physischen Leben des Menschen und aus dessen Geschichte hervorheben, um hieraus den wahren Lebenszweck zu ersehen und dann die Betrachtung anzustellen, wie diesem gemäß die im speciellen Leben allgemein herrschenden Uebel zu beseitigen wären. I. Das Kind. Das nicht die geringste Spur von Organisation verrathende Embrio ist der Grundstoff, aus dem der mit Nerven, Adern, Gesäßen, Organen und herrlichen Anlagen ausgerüstete Mensch sich allmählich entwickelt. In einer engen finstern Werkstätte wird dieses wundervollste aller Werke vollbracht. Hier werden die feinen Nerven in genau berechneter Anzahl geformt, hier wird das vollkommenste Ebenmaß gezirkelt, hier wird der wunderbare Spiegel geglättet, aus dem unser Geist alle Wesen in der Schöpfung unterscheidet. Hier wird das Trommelfell gespannt, das jeden Laut in der Athmosphäre unsrem Geiste verkündet, hier wird das Denkorgan geformt, welches das ganze Universum in sich aufnimmt, darüber urtheilt und dann Alles wie in einer Vorrathskammer im Gedächtmß aufbewahrt; wahrlich, diese Produktion ist nicht minder wunderbar als die Urschöpfung, wo der Mensch aus Lehm geformt und vom göttlichen Hauche beseelt wurde. Ist dieses Embrio erst reif geworden, ist dessen Lunge nicht mehr zu zart, um die athmosphärische Luft einzuathmen, ist der Augapfel nicht mehr zu fein, um die Lichtstrahlen aufzunehmen, dann verläßt seine Werkstätte das vollendete Werk, das künstliche Räderwerk beginnt seinen wundervollen Lauf, zarte Häutchen sondern die mit fremden Fäden durchwirkten Säfte von einander, die Magazine sind gebaut, Lebensmittel aufzunehmen, Vorkehrungen sind getrosten, die verbrauchten wegzuschaffen, die Luftpumpen geformt, die Temperatur zu erhallen, die Diener bestellt, die Maschine zu pflegen, und die Communicationsdecorationen sind derart geordnet wie die äußern Gegenstände es erfordern, mit denen das Individuum in Verbindung irrten soll; so daß der Meister, als er dieses Werk entworfen, das ganze Universum vor Augen gehabt haben mußte, dem gemäß er es gebildet. Diese jedem Vernünftigen klar vorliegende Betrachtung überzeugt ihn von einer Allvernunft, die wir Gott nennen. Diese kommt nie von der Seite des Menschen während seines ganzen Lebens; allenthalben, wohin er blickt, findet er Spuren der allerhöchsten Weisheit; nur wenn er in thierische Gleichgiltigkeit gehüllt, in Genuffesransch versunken ist, entschlägt er sich der Anschauung der allgegenwärtigen Gottheit. Nun liegt es da, dieses Meisterwerk der Schöpfung, ohne alle Fähigkeit, sich im Leben zu erhalten, seine Kräfte sind zu zart, gewöhnliche Nahrung in sich zu verarbeiten, die Mühle ist noch nicht vorhanden, die rohen Stoffe in feinere umzuwandeln; es müßte vergehen, dieses zarte Geschöpf, wenn nicht göttliche Wunder wieder eintreten würden. Und siehe, die Vorsehung, sie hat das Kind, dem ersten Menschen gleich, während seiner ersten Lebensperiode in die Mitte des Paradieses versetzt, und daselbst einen Engel bestellt, der es sorgsam pflegen soll. Zwei Milch und Honig sprudelnde Quellen sind ihm zur Nahrung angewiesen, es gebricht hier an nichts, dieser Engel bewacht eS, reinigt es, schützt es gegen jede Gefahr und sucht Heilmittel auf, seine Leiden zu lindern. Ja, was ist die Mutter dem Kinde anderes, als ein von Gott bestellter Engel? denn kein Geschöpf in der ganzen Natur ist von seiner Leibesfrucht so belästigt als die menschliche Mutter: des Tages wird sie in ihrer Beschäftigung und des Nachts in ihrer Ruhe gestört, das unbeholfene Kind erheischt eine Sorgfalt, wie keines mehr in der ganzen Natur, so daß die Nachwelt Gefahr liefe, durch Lässigkeit der Mütter in ihrem Keime zu verwesen. Aber die Vorsehung hat eine Einrichtung getroffen, der zufolge der mühselige Wärter bestens bestellt ist, eS ist dieses die