Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1867)
- Date
- 1867-06-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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333 Gedanken das Herz erregen, als er beim Anblick des alten Sinai an das einstige Israel dachte, das an dieser Stelle in der Zahl von drei Millionen Menschen heilige Treue diesem Gesetze schwur? Konnte, durste er hoffen, durste er eine Zeit erwarten, in der wieder die Verirrten den Weg zum Vater im Himmel suchen und finden werden, er, der allein dastand in seinem Glauben und seinem Eifer? Wie würde man ihn verlacht haben, wenn er diese Hoffnung ausgesprochen, wenn er den Abtrünnigen gesagt hätte, daß eine Zeit kommen würde, in der ein Jeder seine „silbernen und goldenen Götzen wegwerfen" und dem Gotte Israels allein leben werde? Und dennoch kam sie diese Zeit. Von Dan bis Berseba ward wieder unter Chiskijah das Gottcsgesetz eifrig studirt und befolgt wie nie zuvor. Wiederum später finden wir unter götzendienerischen Königen das Land und Volk im tiefsten Elende. Die Herrscher der Syrer und Babylonier, die Heerführer der Chaldäer haben das Land erobert, den Tempel zerstört und Israel in die Gefangenschaft geführt. Dahin ist aller Glanz und alle Macht des Reiches, aber Israel ist noch da, und sein Gott bestimmt den Cyrus, Israel wieder das alte Vaterland einzuräumen. Esrah und Nechemjah und andere gottbegeisterte Männer stellen sich an die Spitze der Exulanten und stellen die alte Herrlichkeit wieder her. Nachdem das Volk gestärkt und gekrästigt im Gottesgesetze, fest und beharrlich im Glauben an dasselbe herangebildet war, nachdem die Mackabäer die griechischen Heerschaaren aus dem Lande vertrieben und dem eingeriffenen Hellenismus kräftigen Widerstand geleistet, bemächtigt sich Nom des Landes. Damals gab es viele Abtrünnige und Verräther, aber auch glaubensmuthige Helden, und diese waren berufen, die Gotteserkenntniß über die Welt zu verbreiten. Vespasian und Titus sollten Jerusalem und den Tempel zerstören und die Israeliten als Lehrer der Völker über alle Länder zerstreuen. Nach harten und schweren Kämpfen, unterstützt durch Uneinigkeit und Zwist im Schoße des jüdischen Volkes, drangen endlich die Römer in die Stadt und später in den Tempel. Wohl mußten sie jüdische Tapferkeit kennen lernen, und jene heldenmüthigen Legionen, die mit Leichtigkeit fast die ganze damals bekannte Welt unterworfen hatten, sie mußten manchen Helden vor Jerusalems Wällen niedersinken sehen. Hunger und Pest in der belagerten Stadt waren ihre treuesten Bundesgenoffen und verschafften ihnen mehr Vortheile als ihre Tapferkeit gegen einen kleinen aber noch tapferern Gegner. Doch nur die Mauern Jerusalems, nicht aber den Glaubensmuth Israels konnte man brechen; man konnte diesem Volke sein Land, aber nicht seine Religion nehmen; man konnte seine Staats Verfassung, nicht aber seinen Namen tilgen. Wohl hatte Israel den Verlust seines Landes und Reiches durch seine Entartung verdient und muß harte Strafe dafür dulden. Gott aber ist selbst in seinen Strafen gütig und weise und hat die Auflösung des jüdischen Staates weislich beschlossen. Nicht nur in Kanaan sollte Israel seine Bestimmung, der auserwählte Lehrer aller Völker, das Volk von Priestern und Gotteslehrern zu werden, erfüllen. Nachdem es erstarkt und die Gotteserkenntniß gleichsam sein bleibendes Eigenthum geworden war, wurde es überall hin zerstreut, um-in den weitesten Kreisen die Leuchte des wahren Glaubens anzuzünden, und den Völkern den Weg zum einzigen Gotte zu bahnen. Die Fruchtschalö jüdischer Gotteserkenntniß sollte nun zersprengt werden, damit der Same nicht bloS auf den engen Raum eines kleinen Landes falle, sondern nach allen Himmelsgegenden getragen werde, um überall Wurzel zu fassen und neue Früchte zu tragen. „Ich schicke Flüchtlinge meines Volkes," spricht Gott durch Jesaias, „zu Nationen und fernen Jnieln, welche meinen Namen noch nicht hörten und meine Herrlichkeit nicht sahen, und sie sollen verkündigen meine j&evTlidjteit den Völkern." Ueberall, wohin Israeliten kamen, bekannten sie den einzigen Gott und machten durch die vielen Leiden, die sie um ihren Glauben freudig ertrugen, auf den Werth desselben aufmerkam. So wurden sie als Bewahrer der reinen Religion unmittelbar zu Lehrern und Verbreitern derselben. Auch im Exil war dasselbe Gesetz ihre Richtschnur, wie es ihre Verfassung unter den Richtern und jüdischen Königen gewesen, es war eben immer zeitgemäß. Wenn wir heute aus der Ferne unsere Augen nach dem Sinai wenden, wenn wir einen flüchtigen Ueberblick über die Geschichte unseres Volkes uns gestatten, wenn wir die Göthe'sche Sentenz: „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, der froh von ihren Thaten, ihrer Größe den Hörer unterhält und still sich freuend an's Ende der schönen Reihe sich geschlossen sieht," vor Augen führen und dabei leider die Bemerkung machen müssen, daß viele unserer Brüder in ihrer Verblendung jenes Versprechen am Sinai vergessen, und die väterliche Religion, für die so viele Märtyrer freudig geblutet, schmählich verrathen haben, so trübe dieses unsere Festesfreude nicht. Führen wir uns jenen Moment vor, in welchem Elijahu allein in der Wüste, am Fuße des Horeb, über den Abfall seiner Zeitgenossen zu klagen hatte. Wir, die wir an der Hand der Geschichte gesehen, daß, wie der Phönix aus seiner Asche, sich das schlummernde Israel immer wieder erholt und verjüngt, wir, die wir Jahrhunderten und Jahrtausenden getrotzt, wir werden uns, bewußt unserer hohen Aufgabe, nicht beirren lassen von Abtrünnigen und Schwächlingen, wir werden in der Erinnerung jener zwei Episoden am Sinai neuen Muth fassen und festhalten am offenbar-