Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1867)
- Date
- 1867-05-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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laß jetzt Deine Arbeit, Du kannst sie ja nach Tisch beendigen." „Ich wußte nicht, ob ich wachte oder träumte, und mein Appetit war nicht sehr stark. Sobald ich konnte, entfernte ich mich. In welchem Zustande ich mich befand, als ich mein Zimmer erreichte, kann ich Ihnen kaum beschreiben. Ich war ganz verwirrt; denn von meinen Eltern fromm erzogen, mußte dieser Anblick der Entweihung des Sabbats einen niederschmetternden Eindruck auf mich machen. Was sollte aus mir werden/ Ich faßte den Entschluß, dieses Haus gleich nach rno zu verlaffen. Ich war aber noch ein Kind. Ich legte mich endlich zu Bette und wurde die ganze Nacht hindurch von wilden Träumen beunruhigt. „Als ich am Morgen etwas spät zum Frühstücken ging, traf ich weder meinen Principal noch einen der jungen Leute im Zimmer an. Ich beendigte das Frühstück so rasch als möglich und schlich die Treppe hinunter, um unbemerkt das Haus zu verlassen. Ich hatte keinen bestimmten Plan, nur üas wußte ich, daß ich meinem etwas strengen Principal kein Wort des Widerspruchs zu leisten wagte. Ich wollte also fort aus diesem Hause, dessen Dach über mich einzustürzen schien. Ich war an der Hausflur angelangt, da hörte ich zu meinem Entsetzen meinen Principal, der soeben vom Laden in die Hausflur trat, mir zurufen: „Wohin gehst Du?" Ich war, wie Sie sich denken können, in der größten Verwirrung und stotterte endlich, ich wolle in „Schul" gehen. „So, Du meinst gewiß, das geht so fort? da wird nichts daraus. Gleich geh' auf die Post und hol' die Briefe, die Du schon abgeholt haben könntest." Nach diesen Worten stieg er die Treppe hinauf. Ich war plötzlich so furchtsam und feige geworden, daß ich meinen gefaßten Entschluß ganz vergaß und ohne Widerrede die Briefe an der Post abholte. Ohnehin dachte ich mir, daß es nichts so sehr Schlimmes wäre. Als ich zurückkehrte, fand ich meinen Principal wiederum im Laden. Ich übergab ihm die Briefe, woraus er mir einige Adressen angab, die ich aus schon fertige Briese schreiben sollte. Entsetzt starrte ich ihn an, ohne mich vom Platze zu bewegen. „Was starrst Du mich denn so an?" fragte er, „hast Du mich nicht verstanden?" „Ich kann nicht schreiben," erwiederte ich, und der Angstschweiß trat auf meine Stirne. „Du kannst nicht schreiben? warum nicht?" Mit furchtbarer Anstrengung brachte ich die Worte heraus: „Weil Samstag ist". Herr S. und das übrige Personal brachen in ein lautes Gelächter aus. „Du bist aber noch ein recht einfältiger Landjunge; meinst Du, ich lasse Dich spazieren gehen, während wir die Hände voll zu thun haben? Marsch, an die Arbeit/ Du wirst bald gelernt haben, am Samstag zu schreiben, so gut wie an andern Tagen. Das käme mir gelegen, mich mit solchen Dummheiten abzugeben." Wie ein armer Sünder ging ich mit niedergeschlagenem Blick auf meinen gewöhnlichen Platz. Jetzt weiß ich nicht anders und glaube am Ende selbst, daß es nichts Unrechtes ist." So weit die Erzählung des jungen Mannes. Ich könnte füglich schließen, da dieses Factum keinen Commentar braucht. Doch will ich noch bemerken, daß Hunderte und Tausende junger Leute so zum roti' gezwungen werden. Sollen wir nicht helfen, wenn es in unserer Macht steht? Auf, Ihr Männer, rettet Eure Kinder, rettet die Zukunft Israels! H. S. Aus dem Großherzogthum Posen, im Nissan. Das Rabbinat zu N. hat sich zum Erlasse des folgenden Circulars nrn njj pjyj dringend veranlaßt gesehen, und glaubt Einsender Dieses, daß eine Verbreitung desselben auch in weiteren Kreisen nur von Nutzen sein könnte, und diese am Besten durch den „Israelit" — der so gern bereit ppi — zu bethätigen wäre. Das Circular lautet: Es ist mehrfach zu unserer Kenntniß gelangt, daß die hochwichtigen Religionsvorschriften in Betreff des erstgebornen Viehes gar nicht oder jedenfalls in nicht entsprechender Weise in unserer Gegend ausgeführt und gehandhabt werden. Don der Ueberzeugung ausgehend, daß dieser Mißstand nur in Unwissenheit und Unkenntnis; seinen Grund hat, sehen wir uns veranlaßt, Ihnen hiermit die folgende Belehrung mit dem Aufträge zukommen zu lassen, für deren möglichste Verbreitung bei den dortigen Oekonomen x. x. zu sorgen. „Die männliche Erstgeburt eines dem Israeliten gehörenden Biehes ist heilig, und mußte, als der Tempel zu Jerusalem noch stand, in demselben als Opfer dargebracht werden." Außerhalb des Tempels ist nicht nur das Schlachten einer solchen Erstgeburt von der Neligion strengstens verboten, sondern auch jede Schädigung derselben, überhaupt jede Arbeitsverrichtung mit ihr, der Gebrauch (Genuß) ihrer Wolle und Haare untersagt. — Diese Bestimmungen sind aber vom Neligionsgesetze nur bezüglich desjenigen Viehes vorgeschrieben, welches alleiniges Eigenthum des Israeliten ist, nicht aber wenn ein Nichtisraelit Antheil daran hat. Dieser Antheil muß dem Nichtisraeliten als sein vollständiges Eigenthmn zugeeignet werden, und ist dies aus folgende Weise zu bewerkstelligen. — Der Israelit verkauft einem großjährigen, zum Kaufe berechtigten Nichtisraeliten ein Glied des trächtigen Viehes, z. B. Lunge oder Leber u. drgl. um irgend einen zuvereinbarenden Preis, welchen Kaufpreis auch der Käufer sogleich zu bezahlen hat. Hierauf führt der Käufer das betreffende Vieh sogleich in seinen Stall, oder in sein sonstiges Eigenthum. Hierdurch wird das Gekaufte vollständiges Eigenthum des Käufers, und darf derselbe nachher das Vieh wieder an seinen früheren Platz bringen lassen. Sollte das Hinbringen des Viehes in das Eigenthum des Käufers nicht thun-