Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1867)
- Date
- 1867-05-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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369 stitution hat sich alles geändert; die Versammlung, welche jetzt im Namen der Königin regiert, wünscht, daß nicbts mehr nach den alten Gebräuchen bestehe. Eben diese Versammlung hat auch nicht mehr gewollt, daß die Juden Schwänze tragen, obgleich sie seit dem Bestehen der Welt solche trugen, ganz so wie der Teufel selbst. Wenn nun der Prior gerade das Gegentheil behauptet, so thut er dies darum, weil er gezwungen ist, so zu reden, ebenso wie man ihn gezwungen hat, die Königin eine konstitutionelle Fürstin zu nennen." München. (Privatmitthetlung.) Wenn noch irgend Jemand an der Wichtigkeit und Dringlichkeit des ra» neueste rein zweifeln sollte, so möge ihn folgendes Factum überzeugen. Ein junger Mann von 18 Jahren, mit dem ich kürzlich bekannt wurde, erzählte mir von seinen Erlebnissen. Da ich merkte, daß in ihm noch nicht alles Jüdische erstorben war, obwohl er im Verlauf des Gesprächs, das wir über religiöse Dinge führten, mir oft wiederholte, daß Das nicht mehr „zeitgemäß", Jenes überhaupt niemals wichtig gewesen sei 2c.: so bat ich ihn, da er, wie er mir sagte, von frommen Eltern herstammle, mir zu erzählen, auf welche Weise er zu solchen Ansichten gekommen sei. Er wollte nicht recht mit der Sprache Leraus, gab endlich aber meinen dringenden Bitten nach und sprach: „Ich will Ihnen von meinem ersten Sabbat in der Fremde erzählen, obwohl ich nur ungerue mich daran erinnere. Doch, vielleicht entschuldigt mich das in Ihren Augen, in denen ich lese, daß Sie mich für einen großen jnens halten. „Mein Vater starb, als ich noch nicht völlig 12 Jahre all war. Ich bekam nun einen Vormund, der mich gleich nach meiner msa ^2 hierher in das Geschäft des Herrn S.brachte. Diese Stelle halte mir mein Vormund verschafft, ohne daß meine Mutter, die schon lange leidend ist, etwas davon wußte. Aber fie war damit einverstanden und dankte demselben herzlich für die Freundlichkeit und Mühe, die er sich um die Versorgung ihres Sohnes gegeben. Als die Stunde der Trennung schlug, umarmte mich meine Mutter und gab mir gute Rathschläge über mein Verhalten und legte mir besonders an's Herz, brav und fromm zu bleiben und mich nicht verführen zu lassen. Als ich hier ankam, wurde ich sofort sehr in Anspruch genommen durch die ungewohnte Arbeit, so daß ich kaum Zeit fand, mich dem Schmerz der Trennung von der geliebten Mutter allzusehr hinzugeben. Rach wenigen Tagen hatte ich mich an meine neue Lage gewöhnt. Da kam der Freitag-Abend heran. Als es, nach meiner Berechnung, Zeit zum „Schulengrhen" war, warf ich ängstliche Blicke auf meinen Principal, der gar keine Anstalten traf, seine Arbeiten einzustellen und den Laden zu schließen. Ich faßte endlich Muth und fragte ihn, ob ich nicht in „Schul" gehen dürste. „Meinetwegen, sagte er, heute will ich Dir's erlauben, da Du wahrscheinlich noch nie eine so schöne Synagoge gesehen haben wirst; auch werdet ihr in eurem Dorfe sicherlich keinen Chorgesang haben, wie wir. Habe ich Recht?" —Ich gab keine Antwort, sondern eilte schnell in mein Zimmer, wechselte die Kleidung und begab mich in die Synagoge. Nachdem ich mit dem Minchah Gebet fertig war und der Chor unlerdeffen den '-rin sang, betrachtete ich die Synagoge und suchte endlich nach meinem Principal. Doch ich gewahrte weder ihn noch irgend Jemanden von unfern jungen Leuten. Jetzt erst fielen mir zentnerschwer die Worte meines Principals ein, daß er mir heute einmal erlauben wolle, die Synagoge zu besuchen. Ich wagte nicht, weiter zu denken, jedoch eine wahre Angst hatte sich meiner bemächtigt. „Die Synagoge war aus und langsamen Schrittekehrte ich heim. Was ich zu denken nicht gewagt hatte, das sah ich jetzt. Unser Laden war hell erleuchtet und Alles war darin noch beschäftigt, wie ich bemerkte. Unter heftigem Herzklopfen stieg ich leise die Treppe hinauf und kam unbemerkt in mein Zimmer. Hier fragte ich mich, ob wohl meine Mutter gewußt hat, daß ich in ein solches Haus kommen sollte? Oder sollte mir erlaubt werden, am Sabbat vom Geschäft fern zu bleiben? Doch, da fielen mir wieder die Worte meines Principals ein, und eine namenlose Angst überfiel mich. Das aber nahm ich mir fest vor, am Sabbat nicht zu arbeiten. Ich hatte die Lehren meines seligen Vaters noch nicht vergeffen und das Andenken an ihn gab mir Muth, ich suchte im Geiste nach Worten, mit denen ich vor meinen Principal treten wollte. Ich weiß nicht, wie lange ich mich meinen Gedanken überlasten hatte, als ich durch die Stimme meine- Principals, der die Treppe heraufkam, aufgeschreckt wurde. Es war Essenszeit; doch ich wagte kaum in'S Wohnzimmer zu gehen; mit klopfendem Herzen entschloß ich mich endlich dazu. Ich wollte schon, wie ich es gewohnt war, „gut Cchabbos" sagen, doch das, was ich hier sah, ließ mich fast verstummen, und nur mit Mühe brachte ich einen „guten Abend" heraus. Herr S.fragte mich, indem er eine Dampfwolke von sich blies, wie es mir in der Synagoge gefallen habe. Als ich ihm stotternd Antwort gegeben halte, wendete er sich zu seiner Frau, die eifrig mit einer Stickerei beschäftigt war, und sagte: „Du verdirbst Dir ja die Augen mit dieser Arbeit; heute wird sie doch nicht fertig sein müssen!" Madame S.. ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen, sagte: „Duscheinst vergeffen zu haben, daß morgen der Geburtstag von *** ist, und da muß ich doch heute Abend noch mit dieser für sie bestimmten Stickerei fertig werden." „Achsagte Herr S., „wie aufmerksam Du bist! Ich habe in der Thal nicht daran gedacht. Aber